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Auf den Spuren des Bauhauses durch Weimar

Weimar – der Geburtstort des Bauhaus. Autor Robert Eberhardt nimmt euch mit auf einen Stadtspaziergang durch Weimar und zeigt euch im sisterMAG die schönsten Sehenswürdigkeiten. Museen, Denkmäler und besondere Bauwerke hält die Stadt für euch bereit.

Auf den Spuren des Bauhauses durch Weimar

Ein Stadtspaziergang

Die thüringische Residenzstadt Weimar avancierte im 18. Jahrhundert trotz kleiner Verhältnisse zu dem deutschen Musenhof, der Literaten, Gelehrte, Künstler und Musiker anzog. Diese Anziehungskraft strahlte auch auf kommende Generationen aus, so dass neben vielen anderen »Kulturpromis« etwa Franz Liszt, Friedrich Nietzsche und der Designer Henry van de Velde dorthin zogen. Aus der von van de Velde 1907 gegründeten Großherzoglich-Sächsischen Kunstgewerbeschule Weimar ging 1919 das Staatliche Bauhaus Weimar hervor, das Architektur und Design revolutionierte und bis heute weltweit ästhetische Auswirkungen besitzt. Kein Ikea-Design, kein Wolkenkratzer Manhattans, kein großstädtisches Loft wäre ohne die Formensprache des Bauhauses so zu sehen. Auch wenn das Bauhaus schon 1925 nach Dessau umziehen musste, wurden in den frühen Jahren in Weimar die Grundlagen für diese Revolution des modernen Gestaltens und Bauens gelegt.

An vielen Stellen der pittoresken Touristen-Stadt kann man das »Phänomen Bauhaus« entdecken. Zehn Tipps für einen Ausflug nach Weimar im Jubiläumsjahr »100 Jahre Bauhaus«.

Bauhaus-Museum

Unweit vom Bahnhof findet der Bauhaus-Pilger das nigelnagelneue Bauhaus-Museum, das ein wenig aussieht wie die Kaaba von Mekka: ein großer Kubus aus Beton, in dem Gemälde, Möbel, Glas, Textilien und allerlei andere Werke aus dem Bauhaus ausgestellt und die Geschichte der Bewegung und seiner Akteure vermittelt wird. Viele hätten sich nach Jahren des Wettbewerbs und Planens zwar einen luftigeren, freieren Museumsbau gewünscht, eine in der Tradition des Bauhauses stehende Architektur und keinen an einen Bunker erinnernden Kasten, doch durch die fast fensterlose Fassade betritt der Besucher eine von der Außenwelt abgeschnittene Bauhaus-Welt und kann ungestört in das Denken und Gestalten der 1920er Jahre eintauchen. Und schnell wird jedem Besucher klar, dass das Bauhaus zu Beginn nichts anderes war als ein verrückter Haufen junger Leute, die so ganz anders waren als ihre bürgerlichen Zeitgenossen. 100 Jahre nach seiner Gründung wird hier kuratorisch versucht, Design und Kunst des frühen Bauhauses nicht als abgeschlossene Episode zu präsentieren, sondern das Lebensgefühl und Denken mit unsere Gegenwart abzugleichen und Geschwadern von Kreativarbeitern eine Anschlussmöglichkeit zur großen Geschichte zu ermöglichen. Du hast keine Gardinen? Auch du bist Bauhaus! Denn viele Einstellungen der Bauhäusler wie das des kreativen Selbstausdrucks, der Liebe außerhalb bürgerlicher Ehekonstellationen, einer Hinwendung zur Natur harmonieren mit unseren Lebenswelten. Und zugleich werden beim Museumsrundgang freilich Unterschiede klar, Elemente des Bauhauses, die uns heute doch weitgehend fremd sind – wie ein gewisser Okkultismus –, oder gesellschaftliche überholte, damals  aber auch im Bauhaus herrschende Geschlechterungerechtigkeit.

Bauhaus-Universität

Kein Museum, sondern ein lebendiger Ort des Denkens und Planens ist die Bauhaus-Universität, die in der Nähe des Goethe-Hauses am Ilmpark liegt. An der staatlichen Hochschule studieren heute mehr als 4.000 Studenten gestalterische und technische Studiengänge. Walter Gropius forderte 1919 in seinem Bauhaus-Manifest: »Architekten, Bildhauer, Maler, wir alle müssen zum Handwerk zurück! Denn es gibt keine Kunst von Beruf. Es gibt keinen Wesensunterschied zwischen dem Künstler und dem Handwerker. Der Künstler ist eine Steigerung des Handwerkers.« Auch wenn das Studium heute doch eher an Theorie und Credit-Points orientiert ist, lebt hier der Geist des Bauhauses im jugendlichen Leben und Arbeiten fort wie vielleicht an keiner anderen Stelle. Das Hauptgebäude der Universität lohnt einen Besuch. Es wurde 1904 bis 1911 nach den Entwürfen von Henry van de Veldes als Ateliergebäude der Großherzoglich-Sächsischen Hochschule für bildende Kunst errichtet und gehört seit 1996 zum UNESCO-Weltkulturerbe. Eine sehr gut ausgestattete und moderne Bibliothek gehört zur Uni und sollte nicht vergessen werden.

Haus Hohe Pappeln

In dieser 1906/07 erbauten Jugendstil-Villa lebte der belgische Designer Henry van den Velde bis 1917. Damit ist das Wohnhaus freilich kein »Bauhaus-Gebäude«, doch kündet es von van de Veldes architektonischem Prinzip: Das Äußere des Hauses muss sich aus den inneren Strukturen und der Funktion der einzelnen Räume ergeben. Nicht Dekor und Schaufassaden prägen diesen Bau, sondern eine der Idee folgende reduzierte und funktionale Formensprache. Diese zurückhaltende und daher elegante Ästhetik bereitet das Denken des Bauhauses vor.

Haus am Horn

Nur 16 Jahre liegen zwischen der Errichtung des Haus Hohe Pappeln und dem Haus am Horn, doch welcher Quantensprung der Architektur war bei diesen beiden unweit voneinander entfernt liegenden Wohnhäusern geschehen! Das flache Gebäude, zwölf mal zwölf Meter, ist das einzige in Weimar ausgeführte »Bauhaus«, in dem Meister und Schüler ihre Idee vom modernen Wohnen paradigmatisch präsentierten. Anlass für den Bau war die 1923 veranstaltete Bauhaus-Ausstellung. Nach dem »Baukastenprinzip« von Walter Gropius sollte mit dem Gebäude ein kostengünstiges Musterhaus für eine berufstätige Kleinfamilie errichtet werden. Ausgeführt wurde der Bau von der »Sozialen Bauhütte«, einer gewerkschaftlich organisierten Organisation des Bauhauses.

Das Haus am Horn kann heute komplett durchschritten werden: Um ein zentral und von oben beleuchtetes Wohnzimmer ordnen sich alle weiteren Räume an. Nach einer wechselvollen Geschichte wurde es 1998/99 wieder im Originalstil saniert. Die ursprüngliche Möblierung wird mittels einiger Rekonstruktionen angedeutet.

Beim Durchschreiten des Hauses stellt man sich die Frage, ob man denn gerne selbst in einem solch klaren, kühlen Bau wohnen möchte… Die meisten werden mit »Nein« antworten und sind damit in guter Gesellschaft mit den prominenten Bauhäuslern, die meistens in beschaulichen und gemütlichen Wohnungen wohnen blieben. Auch wenn der heutige »Ikea-Stil« viel auf das Bauhaus-Design rekurriert, strahlt das farbige, angefüllte Zimmerensemble des Goethe-Hauses ebenso stark auf heutige Vorstellungen vom Wohnen aus. Wer verstehen möchte, warum unsere Wohnungen heute so aussehen, wie sie aussehen, der kann in Weimar trefflich Erkenntnisse erzielen: Eine Mischung aus biedermeierlicher Gemütlichkeit und ordnenden Bauhaus-Elementen prägen die allermeisten Einrichtungen unserer Tage und Freunde und, oh Schreck, unseres eigenen Wohnzimmers! 

Neues Museum Weimar

Wer den ideengeschichtlichen, historischen und ästhetischen Hintergrund verstehen will, vor dem das Bauhaus ab 1919 in Weimar entsteht, dem sei die ebenso in diesem Jahr neu eingerichtete Ausstellung im Neuen Museum empfohlen. Viele halten sie sogar für besser konzipiert als jene im benachbarten Bauhaus-Museum. Und in der Tat: Der Rundgang vermittelt eine faszinierende geistige Szene der frühen Moderne in der Stadt. Zu entdecken ist neben der »Weimarer Malerschule« das Wirken des beeindruckenden Kosmopoliten Harry Graf Kessler, des Designers Henry van de Velde und das fulminante Denken und wilde Konzipieren unter dem prägenden Einfluss Friedrich Nietzsches um die Wende zum 20. Jahrhundert.

Nietzsche-Archiv

In der einstigen Villa »Silberblick« verbrachte der Philosoph Friedrich Nietzsche seine letzten Lebensjahre im Wahnsinn. Nach seinem Tod ließ seine Schwester Elisabeth Förster-Nietzsche das Gebäude von Henry van de Velde 1902 umgestalten. Dies geschah noch nicht im Stile des Bauhauses, aber die Innenarchitektur und die Ausstattung zählen zu den gelungensten Schöpfungen des belgischen Architekten und Designers, der mit der Leitung der Kunstgewerbeschule Weimar die Keimzelle des Bauhauses prägte.

Tempelherrenhaus

Im Stadtgebiet von Weimar sind viele Wohnhäuser bekannt, in denen die Heroen des Bauhaus in den wenigen Weimarer Jahren lebten. Die meisten sind in privater Hand und heute nicht mehr zugänglich. Die Erinnerung an Bauhaus-Meister Johannes Itten ist jedoch mit einem öffentlichen Gebäude verbunden, auch wenn dieses wegen Kriegsschäden nur noch in Teilen erhalten ist: das Tempelherrenhaus im Ilmpark. Der neogotische Bau war einst ein Garten-Salon für die herzogliche Familie. Johannes Itten hatte in dem Gebäude sein Atelier. Die Bauhäusler veranstalteten hier zudem rauschende Feste, denn das rationale Bauhaus war auch eine Institution dionysischer Feste. Damit sollten unter anderem Konflikte, die zwischen den eigensinnigen Künstlern oder mit der Öffentlichkeit entstanden, gelöst werden, wie Ise Gropius in ihrem Tagebuch vermerkte: »Mein Mann hatte festgestellt, dass die beste Methode, mit diesen Problemen fertig zu werden, ist, ein Fest zu feiern. Das war so eine Art Katharsis, eine Reinigung, wie ein Gewitter – danach ist die Luft klar. Man hat über den anderen gelacht, Scherze gemacht. Und das war ganz klar pädagogisches Ziel.« Und auch der Leiter der Theater-Werkstatt, Oskar Schlemmer, hatte verkündet: »Sag mir, wie du feierst – und ich sage dir, wer du bist.«

Denkmal für die Märzgefallenen

Walter Gropius, der Gründer des Bauhauses, schuf dieses Denkmal für die Opfer des Kapp-Putsches 1920. Das abstrakte Denkmal, laut Gropius ein »Blitzstrahl aus dem Grabesboden als Wahrzeichen des lebendigen Geistes« ist die einzige seiner baulichen Ideen, die in Weimar umgesetzt wurde. Auch wenn das Denkmal eine Rekonstruktion mit leichten Änderungen aus dem Jahr 1946 ist (das Original wurde 1936 von den Nazis zerstört), lohnt sich der Besuch, um sich auch mit den abgründigen Erinnerungsorten der Stadt Weimar zu beschäftigen. Denn am Denkmal wurde 1946 der erste Jahrestag der Befreiung des KZ Buchenwald begangen