Follow my blog with Bloglovin

Jogginghosen und so – Wie wir heute mit Sprichwörtern umgehen

An den Federn erkennen wir den Vogel. Und was sagt uns die Sprache? Ohne Metaphern könnten wir überhaupt nicht sprachlich kommunizieren. Und auch Sprichwörter und Redewendungen sind eigentlich nicht wegzudenken. Warum sie dennoch manchmal unterschätzt werden, und das völlig zu Unrecht, erklärt Elisabeth Stursberg in dieser sisterMAG Kolumne.

Kleider machen Sprache?

Jogginghosen und so

Wie wir heute mit Sprichwörtern umgehen

An den Federn erkennen wir den Vogel. Und was sagt uns die Sprache? Ohne Metaphern könnten wir überhaupt nicht sprachlich kommunizieren. Und auch Sprichwörter und Redewendungen sind eigentlich nicht wegzudenken. Warum sie dennoch manchmal unterschätzt werden, und das völlig zu Unrecht, erklärt Elisabeth Stursberg in dieser Kolumne.

Warum haftet Sprichwörtern oft etwas Antiquiertes an? Diesem Thema widmeten wir uns schon in der letzten Ausgabe. Heute geht es um die Gegenwart. Interessant ist doch die Frage: Wie entstehen neue Sprichwörter? Und welche Sätze aus unserer heutigen Sprache werden später wohl einmal sprichwörtlich sein? Viel Potential haben prägnante Zitate, zum Beispiel vom unvergessenen Karl Lagerfeld, der meint: »Jogginghosen sind ein Zeichen der Niederlage. Wer Jogginghosen trägt, hat die Kontrolle über sein Leben verloren.« In Zeiten von Athleisure und #healthgoals ist es unwahrscheinlich, dass Lagerfeld damit Jogginghosen pauschal verdammt. Vielmehr spielt er wohl auf einen besonderen soziologischen Kontext an. Vor allem auf den speziellen Anspruch eines Menschen an sich selbst, den sich Lagerfeld wünscht. Er mag sich in der Kleiderwahl zeigen, aber auch weit über sie hinausreichen. In diesem Sinne ist die Jogginghose nicht nur als Sportbekleidung zu sehen, sondern als Lebenseinstellung. Und genau damit hat der Ausspruch von Karl Lagerfeld den ersten Schritt in Richtung Sprichwort getan. Denn wie wir bei Georg Büchmann nachlesen können (»Geflügelte Worte – der Citatenschatz des deutschen Volkes«), nimmt der kreative Charakter einer Redewendung zu, »je mehr sich ihr Sinn von der Bedeutung der Einzelwörter entfernt.« Büchmann (1822 bis 1884) wurde dank seiner Arbeit zu geflügelten Worten übrigens selbst sprichwörtlich – eine rare Art von Berufsrisiko. Auch Lagerfelds Ausspruch bewegt sich bis jetzt noch mehr im Bereich des geflügelten Wortes, das sich von einem Sprichwort in einigen Aspekten unterscheidet. Dazu kommen wir in der nächsten Ausgabe. Unsere Sprache ist in ständigem Wandel, wie wir wissen. Nur, in welchem Umfang betrifft das auch die traditionsorientierte Spezies der Sprichwörter? Ein Erneuerungswille ist da, das beweist das Internet: Schon 2016 fragte Deutschlandfunk Nova seine Hörer, welche Sprichwörter »mal ein Update« brauchen. Im Mai 2018 gab es auf Twitter eine Art Wettbewerb für die besten Neuschöpfungen. Das Nachlesen lohnt sich. Auch die Memes-Szene blüht, eine weitere vielversprechende Quelle zukünftiger Sprichwörter. Meme von »mimeme, griechisch für »etwas nachahmen«, sind humorige Inhalte, in Aussprüchen, Ideen oder Verhaltensweisen, die sich von Mensch zu Mensch verbreiten – z.B. über Bilder Hyperlinks oder Videos.

Hinzu kommt ein neues Bewusstsein für Genderfragen und politische Korrektheit. Auch Sprichwörter werden kritisch unter die Lupe genommen. Ironischerweise sind sie es, ,die uns besonders anschaulich vorführen, wie überholt die Gesellschaftsordnung ist, in der sie entstanden sind. »Jemand hat die Hosen an«, hat also das Sagen, trifft die Entscheidungen – ist ein gutes Beispiel dafür. Die Hose,,einst das männliche Kleidungsstück, gehört schon lange ganz selbstverständlich zur weiblichen Garderobe. Wir verwenden die Redewendung auch gerade in Bezug auf Frauen. Übrigens wuchsen Hosen ab dem 13./14. Jahrhundert aus zwei Teilen zusammen: der obere war die »bruoch« oder »bruch«, eine frühe, robuste Variante der Boxershorts. »In die Brüche gehen« hat deshalb vermutlich trotzdem nicht die gleiche Herkunft wie das Hosen-Pendant. Der untere Teil bestand aus langen Strümpfen, den »hosas«. Apropos Strümpfe: Eines Abends, Mitte des 18. Jahrhunderts, erschien ein Gast in Lady Elizabeth Robinson Montagus »Londoner Salon« in blauen Strümpfen. Die Anwesenden waren verwundert über diesen Traditionsbruch, denn üblich waren schwarze Seidenstrümpfe . Außenstehende nutzten diese Gelegenheit gleich, um der ganzen Frauen-Szene einen griffigen Namen zu verpassen: Blaustrumpfgesellschaft. Schnell zum Sprichwort geworden, waren damit vor allem Frauen gemeint, die sich intellektuell betätigten und eine emanzipatorische Haltung vertraten, allerdings ohne organisiert zu sein wie ihre radikaleren Nachfolgerinnen, die Suffragetten. Wir könnten auch sagen, jener Gast damals hätte sich »angehost«, angezogen mit einer Doppeldeutigkeit von »ungewöhnlich«, »unerwartet«. In diesem Sinne also ein durchaus üblicher Vorgang in der Modewelt. »Der Mode entkommt man nicht. Denn auch wenn Mode aus der Mode kommt, ist das schon wieder Mode«, noch so ein Lagerfeld-Klassiker. Diesen Prozess haben zum Beispiel die Hochwasserhosen durchgemacht.

Halten wir fest: Unser heutiger Umgang mit Sprichwörtern lässt sich am besten mit kreativ und spielerisch beschreiben. Ein russisches Sprichwort mahnt: »Zu große Schritte zerreißen die Hose.« Im Sinne Büchmanns sollten wir also nicht zu ungeduldig sein: Es ist nicht zu erwarten, dass etwas über Nacht zum Sprichwort wird.

An dieser Stelle schreibt Elisabeth Stursberg über Mode in Sprichwörtern und Redewendungen und deren Vorzüge.

 

In der sisterMAG Ausgabe No. 56 hat sich Autorin Elisabeth Stursberg mit Hüten und ihren Sprichwörtern auseinandergesetzt. Den Artikel findet ihr hier.