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Reisebericht: Moskau und St. Petersburg

Moskau und St. Petersburg waren in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts DIE Kunst-Metropolen für die Entwicklung der russischen Avantgarde. Robert Eberhardt berichtet im sisterMAG über seinen Aufenthalt in den beiden Großstädten und lässt euch teilhaben an seinen Eindrücken und Erfahrungen mit der russischen Kultur.

Reisebericht

Moskau und St. Petersburg

Für Kulturtouristen mit Bildungshunger

Wer als Wochenendtourist die westeuropäischen Metropolen abgeklappert hat, den zieht es irgendwann in andere Welten, die fremder erscheinen, vielleicht auch gefährlicher. Moskau und Sankt Petersburg bieten mit ihren Starbucks-Filialen und altbekannten Hotelketten sicherlich keine völlig andere Erfahrungswelt. Doch lässt in Zeiten der offenen Grenzen allein das im Vorfeld zu organisierende Visa ein wenig mehr Spannung aufkommen. Und vor Ort ist dann doch Manches von einer anderen Qualität…

Ein warmer Sommertag 2018: Ich fliege mit der russischen Staatsairline AEROFLOT von Hannover nach Moskau. Im Flugzeug sitzen vor allem Russen, die in Westeuropa arbeiten oder ihre Verwandten in Moskau besuchen. Die Gepäckstücke sind riesig: Plastiktaschen, die nochmals mit Folie umwickelt sind. Viele meiner Mitreisenden haben Shirts mit Glitzer an: Ärmere Russen tragen welche aus dem Supermarkt, reichere von Philipp Plein. Der Flieger landet am großen Sheremetyevo-Flughafen.

Mit dem Taxi geht es in die Innenstadt durch die „Oblast Moskau“, einen riesigen Außenbezirk mit bunt bemalten Plattenbauten, kitschigen Einkaufszentren und sehr großen Autohäusern. Die Autobahn mit fünf Spuren ist verstopft, es regnet. Alles erscheint sehr abweisend. Interessant wird es, als die ersten stalinistischen Wohnblocks auftauchen: Die Karl-Marx-Allee im Original.

Eindrucksvoll sticht das Hilton-Hotel „Moscow Leningradskaya“ aus der Skyline hervor. Wie viele Stalin-Bauten weist es mit seiner Spitze gen Himmel. Es sieht aus wie ein kosmonautischer Traum, eine fantastische Architektur im wörtlichen Sinne. Was muss das für eine Stimmung gewesen sein, als ein Großteil der Menschen des riesigen Landes noch ohne Strom und in mittelalterlichen Verhältnissen lebte? Und sie gleichzeitig hoch hinaus wollten im Zuge einer besseren, gleicheren Welt. Oder war das von Anfang an nur eine Machtstrategie, ein Vorwand? Jedenfalls schickten sie 1961 Jury Gagarin ins All und ließen ihn um die Erde kreisen. Wer diese ferne Welt entdeckt, muss an solche Geschichten denken. Sie ist immer noch kommunistisch geprägt, auch wenn der Kapitalismus die Geschäftsschilder farbiger machte und den meisten Menschen mehr „Wohlstand“ brachte.

Für Touristen sind die Preise der Hotels angenehm. Insgesamt ist die Reise durch einen günstigen Umtauschkurs nicht teuer. Ein kurzer Trip reicht freilich nur aus, um das Stadtzentrum der Metropole zu erkunden. Hier wird in Museen und Geschäften durchweg Englisch gesprochen. Das andere, das tiefe Russland bleibt dabei unberührt. Zum Beispiel die Armut in den Plattenbausiedlungen oder auch die wieder auferstandenen Schlösser und Herrenhäuser, bei denen der Anschluss an die zaristische Zeit sichtbar wird.

In Moskau ist alles weit. Die Metro-Bahnen bringen mich von Ort zu Ort. Die Stationen sind groß und prächtig und mit neobarocken, glasierten Fliesen geschmückt. Grundsätzlich wirkt hier jeder Dekor, jede Schmuckform für das gleichmäßig geschulte, europäische Auge exzentrisch. Sei es der Zwiebelkuppel-Zauber auf den Kirchen wie an der berühmten Basilius-Kathedrale oder die Farbigkeit am Kreml. Er bietet sich übrigens als Startpunkt für einen Stadtrundgang an. Auf dem Roten Platz lassen sich unterschiedliche Zeitstufen entdecken: das urwüchsige, weite Altrussland, das Reich der frühen Zaren, bevor sie ihre Residenz Anfang des 18. Jahrhunderts nach Sankt Petersburg verlegten, das Russland der Revolution, des Kommunismus und eben jenes zeitgenössische Putin-Russland. Überhaupt Putin: Das Antlitz des neuen Herrschers ziert im Souvenirladen jede zweite Tasse: Wladimir auf einem Bären, Wladimir eine Militärparade abnehmend, Wladimir beim Handschlag mit anderen großen Männern. Einige kaufen es als Gag und machen beim Verschenken eine spaßige Bemerkung – wohlwissend, dass es für manchen Russen alles andere als lustig ist.

Am Roten Platz kann auch das Lenin-Mausoleum, als ein Prototyp einer neuzeitlichen Herrschergrabanlage, besichtigt werden. Auf der anderen Seite des Platzes öffnet sich labyrinthisch verschachtelt ein Feinkostreich. Hier gibt es noch andere Speisen zu entdecken, als die uns bekannten aus den hiesigen Kühltheken: Wurst aus Elch oder Braunbär, echten (und auch hier teuren) Kaviar sowie sehr gut mundende Pralinen, die in Papier gewickelt sind. Natürlich mit einem Aufdruck von Putins Gesicht. Unweit des Roten Platzes befindet sich ein sehr avantgardistischer Platz, der mit amorphen Formen und vielen Birken aussieht wie jeder Museumsgarten an einem Daniel-Libeskind-Museum. Anlässlich der Fussball-WM 2018 sollte hier im Zentrum etwas Westliches geschaffen werden. Die Russen sind stolz drauf, wie jeder einstige Ostblockbewohner, mit viel Aufwand etwas Modernes aus dem alten Westen kopiert zu haben.

In der Nähe befinden sich viele hippe Restaurants. Wer die moderne russische Küche sucht, muss aufpassen, sonst landet er hier in loungigen Bar-Restaurants mit lauter Musik, in denen Salat mit Humus gereicht wird. Am Abend empfiehlt sich die russische Welt der Oper und des Balletts, zum Beispiel im Bolschoi Theater.

Auch russisch, und doch ganz anders, ist Sankt Petersburg. Ich bereiste es an Weihnachten. Am Flughafen empfiehlt sich, ein Taxi zu nehmen. Für 25 Euro transportiert es Besucher auf einer weiten Achsenstraße bequem in die Stadt. Im dichten Schneefall fährt die Taxifahrerin den gelederten Wagen dumpf über die Fahrbahn. In der märchenhaften Winterkulisse taucht auf einmal das Brandenburger Tor auf – so ähnlich sieht jedenfalls das 1834 bis 1838 errichtete Moskauer Triumphtor aus. Schon hier ist das urbanistische Prinzip der Stadt erkennbar, das die großen Residenzstädte Europas nachzuempfinden und zu toppen versuchte. Die ganze Stadt ist ein Wintertraum. Nach einigen Stunden gewöhne ich mich an das Laufen über Schnee und Eis auf Straßen und Gehwegen. Anstrengender als auf geräumtem Untergrund ist es dennoch. Wer nicht die großen Schlösser wie Peterhof und ihre Parks besichtigen möchte, erreicht in Sankt Petersburg alles auf Spaziergängen und mittleren Fußmärschen.

Die Eremitage, eines der bedeutendsten Kunstmuseen der Welt, und ihre Bildersammlung ist beeindruckend. Die gesamte Innenstadt scheint ein im Nordosten „nachgebautes“ Zentraleuropa zu sein. Die Zaren wollten sich nicht lumpen lassen und machten Paris, Potsdam und Dresden Konkurrenz. 1703 gründete Peter der Große die Stadt, um Russland einen Zugang zur Ostsee zu schenken. Baumeister kamen aus Deutschland und den Niederlanden. Der russische Hof wurde eine politische, und durch sein Kunstmäzenatentum, auch kulturelle Instanz. Die Schönheit dieser Idee lässt sich in vielen Museen begutachten. Unverzichtbar ist ein Besuch im Generalstabsgebäude der Eremitage. Hier werden Meisterwerke des 19. Jahrhunderts und der Klassischen Moderne gezeigt. Viele Räume sind fast menschenleer – ein Luxus, der mir sicher in der National Gallery oder im Louvre niemals vergönnt wäre.

Wer einen inbrünstigen, russischen Dichter entdecken möchte, dem sei das Puschkin-Museum empfohlen. Es präsentiert das kurze Leben des romantischen Schriftstellers und Nationaldichters Alexander Puschkin bis zu seinem Duell-Tod 1837 in einer authentischen Wohnung. Unweit davon ist das Hilton-Hotel in einem alten Palais, dessen Hotelbar zu einer wärmenden Teestunde einlädt. Gruselig und makaber ist die Sammlung von eingelegten Fehlbildungen und „Monstertieren“ in der alten Kunstkammer an der Newa. Der weite Fluss ist im Winter zugefroren. Nur eine schmale Rinne verrät die Passage von eisbrechenden Schiffen. Im Sommer erscheint hier alles „venezianisch“, wenn in den berühmten weißen Nächten die Sonne fast nicht untergeht.

Einen guten Überblick ermöglicht ein Abstecher auf die Kuppel der Isaakskathedrale. In der Nähe befindet sich ein weiteres architektonisches Schmankerl: 1912 wurde hier die Botschaft für das Deutsche Kaiserreich eröffnet, geplant durch den berühmten Architekten Peter Behrens. Wer nach all dem Sightseeing Hunger verspürt, dem seien die unzähligen Lokale empfohlen, zum Beispiel mit georgischer Küche. Für „Imbisspreise“ gibt es hier sehr köstliche, bodenständige Gerichte. Selbst ein Drei-Gang-Dinner im Restaurant des noblen Astoria Hotels kostet nicht mehr als ein Abend bei einem mittelguten Hamburger Italiener.

Nach dem Restaurantbesuch durchstreife ich noch die nächtlichen Plätze der Stadt. Auf dem menschenleeren Palastplatz steht bereits ein großer, blitzender Weihnachtsbaum. Auch, wenn in der orthodoxen Kirche das Fest erst am 6. Januar begangen wird. Auf Pferden kommen zwei junge Frauen vorbeigeritten. Sie fragen, ob ich eine Runde mitreiten möchte. Ich habe keinen Mut und lasse mich einschneien. Unterwegs in einer Stadt, die ein optimales Reiseziel für Kulturtouristen mit Bildungshunger ist. Großstadtliebhaber, denen ein einsames Pferd in der Nacht nicht reicht, sollten nach Moskau reisen.