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Kulturgeschichte des Blumenstraußes

Im alten Ägypten halfen sie beim Übergang ins Jenseits, der Barock feierte sie als vergängliches Geschenk und während der Tulpenmanie wurden sie zum beliebtesten Handelsgut der Welt: Blumen! Wie es dazu kam, dass wir Blumensträuße verschenken, zur Hochzeit tragen oder damit das Zuhause schmücken, verrät euch Autorin Barbara Eichhammer in dieser kleinen und zugleich wechselhaften Kulturgeschichte des Blumenstraußes in der neuen Ausgabe des sisterMAG.

Eine kleine Kulturgeschichte des Blumenstraußes

»Es gibt immer Blumen für diejenigen, die sie sehen wollen.« – Henri Matisse

Im alten Ägypten erleichterten sie den Toten den Übergang ins Jenseits, der Barock feierte sie als vergängliches Geschenk und während der »Tulpenmanie« wurden sie zum beliebtesten Handelsgut der Welt: Blumen. Wie es dazu kam, dass wir Blumensträuße verschenken oder damit unser Zuhause schmücken, verraten wir euch in dieser kleinen Kulturgeschichte des Blumenstraußes. Sie erlaubt uns dabei spannende Rückschlüsse auf die jeweiligen Mentalitäten einer Epoche.

Altes Ägypten

Als der Archäologe Howard Carter im Jahr 1922 die ägyptische Mumie des Tutanchamun entdeckte, fand er Sträuße aus blauen Lotusblumen und Nachtschattenbeeren auf den pharaonischen Särgen. Regelrecht gerührt soll der Brite von den Bouquets gewesen sein, die von tausend Jahre alter ägyptischer Begräbnisgeschichte zeugten. Frische Schnittblumen waren im Alten Ägypten nämlich beliebte Grabbeigaben. So lassen sich die weltweit allerersten Hinweise über die kulturelle Verwendung von Blumensträußen in ägyptischen Darstellungen aus dem Jahr 1540 v. Chr. finden. Sie zeigen Bestattungen mit Blumenschmuck aus rotem Mohn, gelben Alraunen und blauen Kornblumen. Die Ägypter sahen in den Bouquets einen spirituellen Sinn: Sie sollten böse Geister vertreiben und die Götter milde stimmen, um den Toten den Übertritt ins Jenseits zu erleichtern.

Die Antike und das Mittelalter

In der Antike waren Blumengebinde beliebter Schmuck und Gaben; erstmals genauso für die Lebenden wie die Toten: Die antiken Griechen schenkten ihren Frauen Blumen, um deren Schönheit zu würdigen. Zu festlichen Anlässen schmückten sie ihr Haar mit Blumenkränzen. Im antiken Rom verkörperte Blumenschmuck einen ausladenden Luxus: Ganze Räume dekorierten die Römer mit Rosenblättern oder Safranblüten. Der Untergang des römischen Reiches um 550 n. Chr. setzte dieser opulenten Blumenkultur ein Ende. Bei den frühen Christen erweckten Blumen eher Misstrauen, da sie darin Beweise für den Verfall heidnischer Kulturen sahen. Im Zuge der Christianisierung verlor der Blumenstrauß in Europa zunehmend an Bedeutung. Einzig Benediktiner und Zisterzienser Klöster versuchten mit Heilpflanzengärten das Blumenwissen der Antike zu erhalten. Um 800 n. Chr. wandelte sich mit Kaiser Karl dem Großen allmählich der mittelalterliche Diskurs über Blumen. Auf seinen Feldzügen gegen die Mauren in Spanien konnte er die imposanten arabischen Gärten erkunden, in denen Blumen als Sinnbild für das Göttliche galten. Karl der Große war so beeindruckt, dass er für seine heimischen Burggärten einen gewissen Anteil an medizinischen Heilpflanzen und Zierpflanzen forderte. Während in Japan Ikebana, die Kunstform des Blumenbindens, bereits seit dem 6. Jahrhundert n. Chr. praktiziert wurde, sollten aber in Europa noch mindestens 600 weitere Jahre verstreichen, bis der Blumenstrauß überhaupt als Kunstform wiederentdeckt wurde.

Die Renaissance

Denn das Bouquet feierte in Europa erst in der Neuzeit sein Comeback. Die Renaissance sah sich einem noch nie dagewesenen Wiederaufleben der Antike gegenüber. Neu entdeckt wurde im 15. und 16. Jahrhundert auch der antike Brauch, einen Blumenstrauß als Geschenk zu reichen; wenn auch eher aus praktischen Gründen. Die stark duftenden Blüten sollten unangenehme Körpergerüche verdecken. Wenig romantisch, aber wahr: So ist auch die Tradition des Brautstraußes in der Renaissance entstanden. Meist trugen Bräute bei ihrer Trauung Sträuße aus frischen, aromatischen Kräutern wie Rosmarin und Myrrhe. Auch sie sollten Körpergerüche, böse Geister und den eindringlichen Duft des Weihrauchs in der Kirche verjagen. Die ersten richtigen Blumengärten entstanden in Deutschland nach dem Fall von Konstantinopel (1553). Durch das Ende des byzantinischen Reichs gelangten immer mehr Zwiebelgewächse wie Tulpen, Hyazinthen oder Narzissen auf den Handelsrouten aus der Türkei nach Europa.

Die Barockzeit

Eine neue ästhetische Bedeutung erlangten Blumen im 17. Jahrhundert: Denn der Barock stilisierte den Blumenstrauß zur Kunstform des Vergänglichen. Maßgeblich geprägt wurde die Epoche von den Schrecken des Dreißigjährigen Krieges (1618 – 1648). Knapp drei Jahrzehnte lang beherrschte die Angst vor dem Tod den Alltag der Menschen. Antithetische Motive bestimmten die zeitgenössischen Diskurse: VanitasSymbole betonten einerseits die Vergänglichkeit des Seins und erinnerten an die eigene Sterblichkeit. Andererseits standen sie im starken Gegensatz zur Idee des »Carpe Diem«. Frische Blumen symbolisierten dabei Schönheit bei gleichzeitigem Verfall. Schnittblumen galten nicht nur als Sinnbild für Lebenskraft, sondern auch als Zeichen für die Flüchtigkeit der Zeit. Schließlich sind Blumen immer schon per se zum Verwelken verurteilt. Vertrocknete Bouquets im Kontrast zu frisch blühenden Sträußen entwickelten sich so zum ästhetischen Prinzip in den Stillleben des Barock.

Die Tulpenmanie

Wie sehr Blumenschmuck nicht nur das gesellschaftliche, sondern auch das wirtschaftliche Zusammenleben im 17. Jahrhundert prägten, zeigt die holländische »Tulpomanie«: Tulpen waren seit ihrer Einführung aus Konstantinopel im Jahre 1560 aus den Gärten der gehobenen Adelsschichten Europas nicht mehr wegzudenken. Als neue Ware avancierten sie zum begehrten Sammlerstück und Spekulationsobjekt. Zwischen 1632 und 1637 brach in den Niederlanden aufgrund ihrer kurzen Blütezeit eine regelrechte Tulpenhysterie aus. Das Zwiebelgewächs wurde an der Tulpenbörse zu schwindelerregenden Preisen gehandelt. Zwischenzeitlich lag der Marktwerkt für eine einzige Tulpenzwiebel bei rund 800 Gulden, dem Fünffachen eines durchschnittlichen Jahresgehalts. Eine »Semper Augustus« Tulpenzwiebel soll sogar einen irrsinnigen Wert von 10.000 Gulden erreicht haben, bis der Markt 1637 in einem Börsencrash um 95% einbrach. Die Tulpenmanie gilt übrigens als erste Spekulationsblase der Wirtschaftsgeschichte und zeigt, wie sehr Blumen die kollektive Begeisterung der Menschen im Barock anzuregen vermochten.

Die Sprache der Blumen

Nach diesem Spekulationshype kam bei den Adeligen des 18. Jahrhundert eine komplexe Blumensymbolik in Mode: Blumen dienten plötzlich als nonverbales Mittel der Kommunikation. Erstmals dokumentierte Lady Mary Montagu diese »Sprache der Blumen« in ihren »Briefen aus dem Orient« (1718). Auf Reisen durch Istanbul begegnete sie den versteckten Bedeutungsebenen osmanischer Blüten, die Blumen wie semiotische Zeichen verstanden: Iris standen beispielsweise für Treue, rote Rosen für Liebe oder Kornblumen für Hoffnung. Selbst Beleidigungen oder Vorwürfe konnten Blumen nonverbal ausdrücken. Die versteckten Blumencodes lösten einen Hype beim europäischen Adel aus, der es Frauen trotz der restriktiven Bedingungen des 18. Jahrhunderts erlaubte, ihre sozialen Wünsche oder Konflikte angemessen zu kommunizieren. Die ersten Floristen banden daher Blumensträuße weniger wie heute nach optischem Gefallen; vielmehr wählten sie die Blumen nach der zu übermittelnden Botschaft aus.

Das 19. Jahrhundert

Im 19. Jahrhundert entdeckte das Bürgertum den Blumenstrauß für sich: Mit der Blütezeit der Klipper Schiffe, d.h. schnellen Fracht-Segelschiffen, Mitte des 19. Jahrhunderts und des Kolonialismus kamen immer mehr exotische Blumen preiswerter nach Europa. Aus China importierten Handelsleute Azaleen und Rhododendron; aus Südafrika Gladiolen und Freesien. Im Zuge der Industrialisierung war es außerdem einfacher, in Fabriken preisgünstige Vasen zu fertigen. So hielt der Blumenstrauß zum ersten Mal Einzug ins bürgerliche Heim: Waren Schnittblumen bis dahin ein Privileg der Adelsschichten gewesen, schmückte fortan das Bürgertum sein Zuhause mit floralen Sträußen. Indem sich die Mittelschichten die Bräuche der Aristokratie aneigneten, wollten sie einen gehobenen Lebensstandard und »noble« Respektabilität demonstrieren. In dieser Zeit erst entwickelte sich der Strauß zu einer eigenständigen und bewusst gestalteten Form. Er war nicht mehr nur ein Geschenk, sondern auch Dekorationsobjekt für Wohnräume.

Bis heute

Blumen und wie wir sie verwenden sagen immer etwas über die soziokulturellen Gegebenheiten einer Epoche aus: Als transkulturelles Handelsgut zeichnen Blumen kulturgeschichtlich die schicksalsträchtigen Wege des Kolonialismus nach. Sie zeigen, wie technische Errungenschaften der See- und Luftfahrt unsere Warenwelt maßgeblich veränderten und wie gesellschaftliche Entwicklungen wie die Industrialisierung sie preiswert in unser Zuhause brachten. Mittlerweile können wir sie aus aller Welt einfliegen lassen oder online bestellen, ihre Faszination haben Blumensträuße im 21. Jahrhundert dennoch nicht eingebüßt.

»Die Erschaffung einer kleinen Blume ist das Werk von Jahrtausenden.« – William Blake (1757 – 1827)