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Im Rausch des Risikos – Über die Suche nach dem Kick

Die einen lieben den Nervenkitzel. Die anderen packt schon bei dem Gedanken an schnelle Autofahrten oder Fallschirmsprünge die Angst. Psychologen, wie Autorin Nele Langosch, sind dem Ursprung unserer Risikofreude auf der Spur.

Im Rausch des Risikos – Über die Suche nach dem Kick

Eine rasante Autofahrt, ein Fallschirmsprung, der Abenteuerurlaub: Manche Menschen sehnen sich nach dem Nervenkitzel – und gehen dafür auch Risiken ein. Psychologen untersuchen das Bedürfnis nach neuen Erfahrungen schon lange. Und haben herausgefunden: Ein wenig Herzklopfen kann richtig glücklich machen.

Die Landschaft rauscht vorbei. In atemberaubender Geschwindigkeit scheint sich das Paar im Gemälde »In The Car« von Roy Lichtenstein fortzubewegen. Die blonde Frau wird tief in den Sitz gedrückt. Der Mann hinter dem Steuer schaut prüfend zu ihr hinüber. »Ob sie wohl Angst hat?«, scheint er zu fragen. Er selbst genießt die rasante Fahrt offenbar in vollen Zügen.

Doch die Leidenschaft für das Abenteuer teilt nicht jeder von uns gleichermaßen. Während die einen gerne Achterbahn und Motorrad fahren, im Urlaub von den Klippen springen oder mit dem Rucksack durch ferne Länder trampen, können die anderen dem Nervenkitzel überhaupt nichts abgewinnen. Sie ziehen Ruhe und Gewohnheit vor und begeben sich lieber in Situationen, die sie wenig überraschen.

Psychologen sprechen von »Sensation Seeking«, wenn sie die Suche nach dem Kick beschreiben. Der Begriff geht zurück auf den US-amerikanischen Psychologieprofessor Marvin Zuckerman, der die Eigenschaft in den 1960er Jahren ausgiebig erforschte. Mit Hilfe eines selbst entwickelten Fragebogens konnte er zeigen, dass jeder Mensch sich unterschiedlich stark nach neuen und intensiven Reizen sehnt. Wer eine hohe Punktzahl in seinem Fragebogen erreicht, kann es zum Beispiel gar nicht abwarten, mit dem Fallschirm aus einem Flugzeug zu springen, einen Triathlon zu meistern oder einen Horrorfilm zu gucken. Das Besondere: Die »Sensation Seeker« verspüren bei diesen Erfahrungen keine lähmende Angst, sondern den sogenannten Thrill, eine Mischung aus Anspannung und Lust. Und dafür nehmen sie auch das Risiko in Kauf, dass ihnen etwas zustoßen könnte.

 

Wie der österreichische Extremsportler Felix Baumgartner, der im Jahr 2012 mit seinem atemberaubenden Sprung aus der Stratosphäre Schlagzeilen machte. Oder der Deutsche Jochen Schweizer, der 1997 mit einem Bungee-Seil aus einem Helikopter in 2500 Metern Höhe sprang. Inzwischen verkauft er erfolgreich Erlebnis-Gutscheine an jeden, der den Nervenkitzel nachempfinden möchte. Denn gewaltige Abenteuer erscheinen heute machbarer als noch vor wenigen Jahren: Immer mehr Menschen wagen etwa pro Jahr den Aufstieg auf den Mount Everest.

Psychologen wissen: Ein Auf und Ab von Anspannung und Entspannung empfinden wir alle als angenehm. Wir unterscheiden uns jedoch darin, was das optimale Anspannungsniveau in uns auslöst. Während es einigen Menschen reicht, ihre Lust nach Abwechslung hin und wieder durch actionreiche Computerspiele oder Kinofilme zu stillen, müssen andere Wolkenkratzer erklimmen, um den Kick zu spüren.

Für das angenehme Glücksgefühl während des Nervenkitzels sorgt der Botenstoff Dopamin. Er kurbelt das Belohnungssystem im Gehirn an. Die Folge: Wir fühlen uns richtig gut. »Sensation Seeker« wollen diesen Zustand immer wieder erleben. Deshalb sind sie Wiederholungstäter: »Höher, weiter, schneller« ist ihr Motto. Sie testen ihre eigenen Grenzen aus. Die Sucht nach dem Thrill treibt sie an. Viele berichten, dass sie sich im Rausch von Geschwindigkeit und Abenteuer erst so richtig selbst spüren können. Ihr Herz klopft, ein Gefühl der wohligen Erregung breitet sich im Körper aus. Stress empfinden sie dagegen kaum, konnten Wissenschaftler zeigen. Die Forscher schickten unterschiedlich risikofreudige Menschen auf einen Kletterparcours – eine Aufgabe, bei der normalerweise eine Menge Stresshormone im Körper ausgeschüttet werden. Nicht so bei den »Sensation Seekern«: Ihr Stresshormonlevel im Blut war nach dem Parcours immer noch genauso niedrig wie zuvor. Sie waren sich einfach sicher, die Aufgabe meistern zu können und unbeschadet zu überstehen.

Doch was bestimmt, ob wir das Risiko lieben oder nicht? Eine große Rolle spielen offenbar die Gene: Ob wir dem Thrill hinterherjagen, scheint zu einem großen Teil erblich bedingt zu sein. Wie stark die Risikofreude letztlich ausgeprägt ist, hängt aber ebenso von nicht-genetischen Faktoren ab wie Erfahrungen oder Vorbilder. Auch Alter und Geschlecht sind von Bedeutung: Junge Menschen und Männer suchen besonders häufig nach Abwechslung. Mit zunehmendem Alter steigt dagegen das Bedürfnis nach Sicherheit.

Und Achtung! Wer sich nah am Abgrund bewegt, kann auch fallen: Einige unterschätzen die Gefahr und verunglücken bei ihren waghalsigen Aktionen. Andere »Sensation Seeker« treibt ihr Bedürfnis nach dem Risiko auf Abwege: Sie nehmen Drogen, um noch extremere Erfahrungen zu provozieren, oder werden sogar kriminell, haben psychologische Untersuchungen gezeigt.

Den meisten Menschen dagegen tut ein wenig Abenteuer einfach gut. Eine Studie hat ergeben, dass risikobereite Menschen im Leben zufriedener sind als andere. Möglicherweise liegt das daran, dass sie auch mehr Erfolg haben, meinen die Autoren. »Wer wagt, gewinnt« heißt es. Es muss ja nicht gleich ein Fallschirmsprung sein. Aber öfter mal über den Tellerrand zu schauen und offen für neue Erfahrungen zu sein, kann ganz unerwartet glücklich machen.