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Ostern bei den Sorben

Sophia vom sisterMAG Team ist sorbischen Ursprungs und berichtete im Büro von ihren Osterbräuchen und – traditionen, die das gesamte Team begeistert haben. In der neuesten Ausgabe erzählt Sophia ausführlich von den faszinierenden Festivitäten zu Ostern, die die sorbische Gemeinschaft in Deutschland veranstaltet. Außerdem findet ihr hier ein DIY zum Nachgestalten der typisch sorbischen Ostereier mit Wachsverzierung.

Ostern bei den Sorben

Für viele meiner Freunde außerhalb der Lausitz ist Ostern ein ganz normaler Feiertag wie jeder andere, wahrscheinlich nur mit einer etwas frühlingshafteren Stimmung und viel mehr Schokolade. Für mich ist Ostern nach Weihnachten eines der größten Ereignisse des Jahres. Wie könnte es auch anders sein, wenn man als Sorbin mit Bienenwachs verzierten Eiern, geschmückten Pferden und singenden Osterreitern aufgewachsen ist?

Für alle, bei denen bei sorbischen Ostereiern, Osterreitern oder überhaupt bei „Sorben“ noch nichts klingelt, gibt es hier ein kurzes Briefing:

Wir Sorben sind ein westslawisches Volk, das in der Lausitz zu Hause ist, also im südlichen Brandenburg und dem östlichen Teil von Sachsen. Außerdem sind wir eine der 4 anerkannten Minderheiten in Deutschland. In Sachsen leben die Obersorben und in Brandenburg die Niedersorben bzw. Wenden. Wer schon mal in diesen Gegenden unterwegs war, ist beim Anblick der weitestgehend zweisprachig beschrifteten Ortschilder und Straßennamen eventuell der naheliegenden Annahme unterlegen, man sei wohl schon in Tschechien oder Polen.

Obwohl wir keinen eigenen Staat haben, besiedelten wir gemeinsam mit vielen anderen slawischen Stämmen bereits während der Völkerwanderung im 6. Jahrhundert ein recht großes Gebiet zwischen der Ostsee und dem sächsischen Erzgebirge. Die heute noch in der Lausitz lebenden Sorben sind die übrig gebliebenen Nachfahren der westslawischen Stämme, die es geschafft haben, ihre Kultur, Sprache und Bräuche bis heute zu erhalten.

Wie viele Sorben es tatsächlich noch gibt, ist schwer zu sagen. Schätzungsweise gibt es 60.000, die sich der Minderheit zugehörig fühlen und 20.000 aktiv sprechende Sorben. Zu diesen zähle auch ich mich, mit all meinen Erinnerungen und Traditionen zum Fest des Jahres – Ostern.

40 Tage vor Ostern, am Aschermittwoch, beginnt die Fastenzeit für die katholischen Sorben. Für mich hieß es bereits als kleines Mädchen, Adieu Süßigkeiten. Dafür wurde in dieser vorosterlichen Zeit viel gebastelt und verziert. Eine der wohl bekanntesten Traditionen der Sorben ist das Verzieren von Ostereiern. Zwar gehört das Bemalen von Eiern auch für andere zu Ostern dazu, jedoch geschieht das mit Pinseln und Farbmalkasten und nicht mit Federn und Bienenwachs. Das sisterMAG Team hat sich bei unserer Osterparty der Aufgabe gestellt und zu Wachs und Feder gegriffen. Das DIY dazu findet ihr hier.

Der Countdown für die letzten Tage vor dem Ostersonntag begann für mich immer am Gründonnerstag, dem letzten Donnerstag vor Ostern. An diesem Tag ist es Brauch, dass die Patenkinder etwas von ihren Patentanten und –onkeln bekommen, das sogenannte Gründonnerstagsgeschenk. Dazu gibt es mal eine geflochtene Ostersemmel, mal sorbisch verzierte Ostereier und etwas Kleines für die Sparbüchse.

Ab Freitag vor Ostern kamen dann auch schon die ersten Pferde bei den Familien an. Schließlich leben nicht alle Sorben auf dem Land und nicht alle haben eigene Pferde. Daher werden an Ostern Pferde aus ganz Deutschland und auch aus den östlichen Nachbarstaaten in die Lausitz gebracht. Auf den Straßen und Höfen in den Dörfern ist spätestens ab diesem Zeitpunkt der Trubel ausgebrochen. Insgesamt 1.500 Pferde werden für die nächsten Tage gebraucht. Nun hieß es für die Osterreiter und ihre HelferInnen wie mich: Fell bürsten, Mähne und Schweif waschen und einflechten, die Hufe säubern und zum Schluss noch das Pferdegeschirr auf Hochglanz polieren. Für Heu- und Tierhaarallergiker bringt Ostern bei uns Sorben so manche Herausforderung mit sich. Entgehen sollte man sich dieses Spektakel trotzdem nicht.

Um 5.45 Uhr begann dann der Ostersonntag. Der große Tag! Im Stall begrüßte man sich nun mit „Zohnowane jutry“ (Gesegnete Ostern) und drapierte noch die letzten Blumen und bestickten Schleifen am Pferd. Um 8 Uhr sammelten sich – jedenfalls bei uns im Dorf – alle Osterreiter in ihrer festlichen Kleidung mit Reitstiefeln, Gehrock und Zylinder, an der Kirche. Der Pfarrer überreicht den Reitpaaren die Kirchenfahne, das Kruzifix und die Statue des Auferstandenen. Er segnet sie mir den Worten „Njes´ce poselstwo zrowastanjeneho Chrystusa do susodneje wosady!“ – „Reitet in die Nachbargemeinde und verkündet die Botschaft, Christus ist auferstanden!“

Und ganz in diesem Sinne und nach sorbischem Brauch, reitet die Prozession der einen Gemeinde zur anderen Gemeinde und umgekehrt. Dabei verkünden sie auf Sorbisch, Latein und in einigen Prozessionen auch auf Deutsch, singend und betend die Osterbotschaft.

Am Nachmittag in der besuchten Zielgemeinde angekommen, werden die Osterreiter in den Häusern mancher Bewohner bewirtet und mit Kuchen und belegten Broten verköstigt. In der Zwischenzeit haben die Jugendlichen, mich eingeschlossen, die die Pferde der Osterreiter hielten, während diese aßen, sich dadurch ihr Geld für die Osterparty am Abend verdient.

Seit meiner Kindheit – und daran hat sich bis heute nicht viel geändert – war das Ziel, so viele Prozessionen wie möglich zu sehen, denn das war es, worüber in den nächsten Tagen in der Schule gesprochen wurde. Mitreiten durfte man als Junge ab dem 14. Lebensjahr, so dass auch viele meiner Klassenkameraden mitritten. Mein Sonntag bestand daher hauptsächlich daraus, den veröffentlichten Zeitplan der verschiedenen Prozessionen zu studieren und diejenigen Prozessionen, die ich mir im jeweiligen Jahr anschauen wollte, zeitlich und örtlich einzuplanen. Am Ende des Tages war es wichtig, so viele meiner osterreitenden Freunde wie möglich auf dem Pferd zu fotografieren.

Ach ja, zwischendrin haben wir auch Ostereier gesucht – das war jedoch neben den Prozessionen nur nebensächlich.