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Girlfight – Boxen als Frauensport

In der neuen Ausgabe des sisterMAG berichtet Autorin Sophia Schillik über ihre persönlichen Erfahrungen und Gedanken im Boxcamp für Frauen in Bad Gastein und erklärt, was ein solches Intensivtraining beinhaltet. Lernt außerdem inspirierende Frauen im Boxsport kennen.

Girlfight

Der Wecker klingelt um 6.30 Uhr und reißt mich aus meinen Träumen. Draußen ist es stockfinster. Widerwillig schäle ich mich aus den Federn, zwänge mich in meine Sportklamotten und schlüpfe in die Laufschuhe. Dann trabe ich los, zusammen mit sechs anderen Frauen, atme die kalte, klare Luft. Der Kopf ist dick, die Beine schwer, die Muskeln brennen noch von gestern. Aber der Kopf sagt: »No mercy.« Es ist der 16. Dezember und der vorletzte Tag des Frauenboxcamps. Die Aktivierungsläufe sind noch der leichteste Teil.

Fünf Wochen zuvor habe ich mich in einer Nacht-und-Nebel-Aktion für dieses Camp in Bad Gastein angemeldet. Der Zufall hat mir das Bild einer Frau in die Instagram-Timeline gespült, ich fühle mich instinktiv angezogen: von der eisernen Entschlossenheit in ihrem Blick, den dicken Boxhandschuhen, der Idee, Dampf abzulassen. »The Future is Female«, sagt der Text. Am nächsten Tag telefoniere ich mit Tim Yilmaz vom Mariposa Boxclub in München. »Boxen«, sagt er, »ist ein koordinativ und muskulär sehr hochwertiges Training. Also der perfekte Sport. Und man kann wunderbar dabei abschalten.« Dann sagt er noch, dass es intensiv werden wird und dass ich viel schweißaufsaugende Sportklamotten mitnehmen soll. »Aber alles halb so wild«, scherzt er, bevor wir auflegen. Ich prüfe unsicher meinen Bizeps. Muckis quasi nicht vorhanden. Anmeldung auf eigene Gefahr.

Im Netz finde ich viel Geschichte, ein paar Filme und reichlich männliche Idole. Ich klicke mich durch die Hall of Fame der letzten 200 Jahre: Max Schmeling, Muhammad Ali, Mike Tyson, Wladimir Klitschko, Henry Maske. Weibliche Boxer? Ich muss überlegen. Tatsächlich fällt mir nur Regina Halmich ein. Dann taucht Katie Taylor auf. Die 32-Jährige steht für ein neues Frauenbild in diesem Metier, sicherte sich zwischen 2005 und 2015 Goldmedaillen bei Europa- und Weltmeisterschaften und holte 2012 olympisches Gold. Ein ziemlich episches Ereignis, markiert die Jahreszahl doch auch die erstmalige Zulassung des Frauenboxsports zu den Olympischen Spielen. 2012? Tatsächlich. Auch im Amateurbereich sind Frauen erst seit 1996 vom Weltboxverband zu Wettkämpfen zugelassen. Ein männerlastiger Sport in einer männlich geprägten Gesellschaft. Und obwohl es in der langen Boxgeschichte – vom antiken Faustkampf bis hin zum Wiederaufflammen des Faustfechtens im Englands des 17. Jahrhunderts – auch weibliche Kämpferinnen gegeben hat, wurden Frauenkämpfe aus gesellschaftlichen Gründen effektiv verboten. Bis, nun ja, fast bis zum heutigen Tag.

»Faust ans Kinn«, sagt Kai, »denk an deine Deckung.« Die habe ich natürlich vergessen, schließlich bin ich voll und ganz damit beschäftigt, mich auf den richtigen Abstand zwischen den Füßen, die gleichmäßige Gewichtsverlagerung auf beide Beine, die saubere Ausführung der Schrittfolgen und meine Arm- und Schulterhaltung zu konzentrieren. BoxsteIlung, BeinsteIlung und Beinarbeit bilden das Fundament für alle technischen und taktischen Handlungen. Dazu kommen die Schlagbewegungen, und bei alledem soll ich auch noch ständig meinen Gegner taxieren. Grundidee des Boxens ist es, Treffer anzubringen, ohne selbst entscheidend getroffen zu werden. Für praktisch jeden Schlag des Gegners gibt es eine entsprechende Abwehrmöglichkeit: Paraden, Meid- oder Ausweichbewegungen. Ich gehe in Deckung, ducke mich, mache Sidesteps, kontere, pariere, mehr oder weniger erfolgreich. Von außen betrachtet wirkt alles wie eine Choreographie, die aber nur bedingt nach einstudierten Mustern abläuft. Boxen ist sehr situativ. Die Entfernung zum Gegner verändert sich fortlaufend. Ich muss in der Lage sein, auf jede veränderte Situation flexibel zu reagieren. Ok, Kopf aus, Autopilot an. Erst an Tag drei gelingt es mir, die Abläufe automatisch abzurufen. Einigermaßen zumindest.

Unser Training ist vielfältig. Wir testen unseren Gleichgewichtssinn und unsere Explosivkraft, verbinden kraft-koordinative und kraft-dynamische Trainingselemente. Lernen die Basics kennen. Machen Kniebeugen, Liegestütze und Jumpings, hüpfen um Seilschlingen herum und dribbeln Tennisbälle durch den Raum. Üben immer wieder Schläge, am Sandsack, an den Tatzen, in Partnerübungen. Bandagieren unsere Hände. Natürlich macht das Boxcamp aus mir noch keine Kanone. Was ich in den vier Tagen allerdings zu begreifen beginne, ist die Essenz dieses allumfassenden Sports. Boxen ist Aktion und Reaktion. Nähe und Distanz. Es formt Geist und Körper. Schult Reflexe und Antizipationsfähigkeit. Ich entwickle ein Verständnis für die boxspezifischen Bewegungsmuster und koordinativen Abläufe. Was nicht so einfach ist. Ständig setze ich den Fuß falsch auf oder den falschen Fuß vor, bringe Führhand und Schlaghand durcheinander, kippe nach hinten. Kai korrigiert meine Beinstellung, Körper- und Handhaltung und gibt den Rhythmus der Jabs vor: »Links, rechts, links« oder »links, links«, »rechts, rechts«. An Tag zwei ziept meine rechte Sehne empfindlich. Ich bin wahnsinnig müde. Wir lernen alle schnell.

In dem preisgekrönten Independent-Film »Girlfight« der Regisseurin Karyn Kusama gibt es eine Szene, in der Michelle Rodriguez alias Diana Guzman das erste Mal in den örtlichen Boxclub geht und zu ihrem Trainer Hector sagt: »Ich will boxen. Richtig fighten.« Woraufhin dieser erwidert: »Nun, du kannst trainieren. Aber nicht kämpfen.« – »Warum?«, entgegnet sie. Seine anfängliche Antwort: »Weil das nun mal nicht geht. Weil Mädchen nicht so stark sind wie Jungs.« Die Szene verdeutlicht, wie sehr Boxen oft auf reine Muskelkraft reduziert wird bzw. wurde. Und wie wenig man Frauen diesen – zugegeben in seiner Urform recht archaischen – Sport zutraut. Dabei basiert er auf weitaus mehr als nur Potenz. Um boxen zu können, benötigt man Ausdauer und Körperbeherrschung, Schnelligkeit, Koordination und Konzentration, taktisches Kalkül und sehr viel Technik. Über allem steht reichlich Disziplin, ein eiserner Wille und nicht zuletzt Mut.

All das sind Tugenden, die Frauen ebenso wie Männer erlernen können. Und sollten. Die wir auch gut im realen Leben gebrauchen können. Nichts von alledem wurde uns in die Wiege gelegt, beiden Geschlechtern nicht. Im Film steht auf einem Banner: »Champions are made, not born.« Genau darum geht es: Für seine Siege muss man kämpfen. Kämpfen lernen. Und Boxen ist ein gutes Training, physisch und psychisch. Wer weiß, wie es sich anfühlt, eins auf die Nase zu kriegen, kann besser damit umgehen. Boxen macht also nicht nur den Kopf frei, fit und schön und verbrennt überflüssige Pfunde, sondern fördert Resilienz, formt die Persönlichkeit und steigert das Selbstvertrauen.

Mariposa Boxclub und Boxcamp Bad Gastein:

„Frauen boxen früher technisch besser als Männer und machen auch schneller Fortschritte“, sagen Tim Yilmaz und Kai Melder, die Gründer und Inhaber des Mariposa Boxclub in München. Genderklischees haben bei ihnen nichts verloren. Jeden Donnerstag ab 20 Uhr findet im Boxclub reines Frauenbox-Training statt.
Link: https://www.bcmariposa.com

Das Ladies Box Camp findet in Bad Gastein statt und führt in knapp vier Tagen in die Grundlagen des Boxsports ein.
Nächster Termin: 17.- 21. April
Link: https://hotelmiramonte.com/ladies-box-camp

BU’s:

Während des Camps wird der Fokus auf solide Ausbildung der boxspezifischen Grundschläge und Bewegungsmuster gelegt, sprich Beinarbeit, die verschiedenen Schläge und Schlagkombinationen.

Die Zulassung weiblicher Boxerinnen im Profi- wie im Amateursport spiegelt das gesteigerte Interesse von Frauen am Boxsport wieder.

Infokästen:

Boxen für AnfängerInnen

Worum geht es im Camp?

eine solide boxsportliche Grundausbildung
das Erlernen des grundlegenden technischen und taktischen Repertoires
das Verinnerlichen von komplexen Bewegungsabläufen
das Trainieren von Kraft, Explosivkraft und Ausdauer
das Trainieren von Balancegefühl, Schnelligkeit und Reaktionsvermögen

Worum geht es beim Boxen?

Kraft
Ausdauer
Technik
Taktik
Körperbeherrschung
Auseinandersetzung
Aktion und Reaktion

Was sollte ich wissen?

Boxtraining ist ein allumfassendes Training, das alle motorischen Eigenschaften

einschließt und durch den Zweikampfcharakter auch deine Persönlichkeitsprofilierung leistungswirksam beeinflußt. Es gibt wenige Sportarten, deren Training den gesamten Organismus so umfassend beansprucht wie das Boxen.

Bei der Auswahl der Trainingsmittel ist es für dich als Einsteigerin zunächst unwichtig, mit welcher Zielstellung du das Boxtraining betreibst, also ob aus Fitnessgründen, zur Leistungssteigerung oder mit der Absicht, irgendwann einmal in den Ring zu steigen.

Die physische Leistung im Boxsport setzt sich zusammen

– aus der komplexen Wettkampfleistung
– den sportartspezifischen Leistungsvoraussetzungen und
– den allgemeinen psychischen, koordinativen und konditionellen Leistungsvoraussetzungen

Die psychische Leistung im Boxsport setzt sich zusammen aus

– der Auseinandersetzung mit sich selbst
– der Überwindung der Angst
– der Ausbildung von Disziplin und Stärke

Inspirierende Frauen im Boxsport:

Zeina Nassar
Zeina Nassar, 20, ist gläubige Muslima. Das steht für sie in keinerlei Widerspruch zu ihrer Leidenschaft. Die deutsche Meisterin boxt in voller Montur und mit Kopftuch und setzt sich damit nicht nur über vorgefertigte Genderbilder und Klischees, sondern auch über sämtliche Vorurteile hinweg. Ihr ist es zu verdanken, dass sowohl der deutsche Verband wie auch der internationale Boxverband AIBA ihre Kleiderordnung für Frauenkämpfe änderten.

Katie Taylor

Katie Taylor, 32, bestritt den ersten Frauenboxkampf der auf irischem Boden je stattfand. Und ist damit so etwas wie ein Role Model der Szene. Zwischen 2005 und 2015 erkämpfte sie sich diverse  Goldmedaillen bei Europa- und Weltmeisterschaften, 2012 holte sie olympisches Gold. Mittlerweile ist sie Weltmeisterin der beiden Verbände WBA und IBF.