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Zur Ausstellung »Max Liebermann. Zeichnungen und Grafiken« in den Kunstsammlungen Chemnitz

Tage der jüdischen Kultur sind in der Gegenwart nicht mehr nur Gedenktage, sondern Momente, die wieder an eine menschliche, tolerante und demokratische Haltung appellieren müssen. Jedem sind die an den Juden verübten Verbrechen bekannt, begreifen wird man es nie, wozu Menschen fähig sind.

Selbstporträt, stehend und zeichnend, 1913
Max Liebermann (1847–1935)
Kaltnadel auf Papier, 17,9 x 12 / 25 x 18 cm
Kunstsammlungen Chemnitz, Inv.-Nr. KH 661
1920 erworben
Foto: Kunstsammlungen Chemnitz/László Tóth

Max Liebermann (1847 – 1935) war Jude und Deutscher. Er entstammte einer wohlhabenden, weit verzweigten Familie, die Persönlichkeiten hervorbrachte, die Deutschland auf verschiedenste Weisen hervorragend dienten: der exzellente, später ermordete Außenminister Walther Rathenau, sein Vater Emil Rathenau, der Berlin Licht und Energie brachte oder Unternehmer wie Georg Liebermann, Textilfabrikant im Flöhatal in Falkenau. Alle als »assimiliert jüdisch-preußische« Bürger lebend, immer auf Anerkennung und Zugehörigkeit hoffend, wurden sie letztendlich verstoßen, ins Ausland oder in den Tod.

Max Liebermann war neben Max Slevogt, Ernst Oppler und Lovis Corinth der bedeutendste deutsche Impressionist. Eher zaghaft in jungen Jahren beginnend, lange unverstanden (Elendsmaler), sich immer mehr seines Könnens bewusst werdend, gefragt und gefeiert, wurde er im hohen Alter verfemt, seine Werke verstoßen.

Die Präsentation dreier Zeichnungen, von 68 Radierungen und Lithografien sowie Buchillustrationen in den Chemnitzer Kunstsammlungen sind eine wunderbare Würdigung seines Schaffens und ein eindringlicher Mahnruf im Rahmen der diesjährigen jüdischen Kulturtage.

Obwohl Chemnitz einen umfangreichen Bestand grafischer Arbeiten besitzt, zum großen Teil von Liebermann selbst geschenkt, ist es die erste Einzelausstellung zu diesem Künstler in Chemnitz. Die Chemnitzer Unternehmer und Kunstsammler Erich Goeritz und David Leder beflügelten den für Chemnitz fruchtbaren Kontakt mit ihm. Vom Direktor des Wiener Burgtheaters Baron Alfred Freiherr von Berger, der 1905 von Max Liebermann porträtiert worden war, bekamen die Kunstsammlungen 11 Grafiken geschenkt.

Die Ausstellung ist thematisch aufgebaut und gibt einen Überblick über das grafische Schaffen Liebermanns von 1890 bis 1927. Oft stehen diese Arbeiten thematisch in enger Beziehung zu seinen Zeichnungen und Gemälden. In seinen jungen Jahren standen Landschaftsbilder und der arbeitende Mensch im Mittelpunkt. Kombiniert mit seinen Eindrücken, die er auf seinen regelmäßigen Besuchen in Holland aufnahm, bildete er Frauen beim Netzflicken, bei der Arbeit im Feld oder im Waisenhaus ab. Die Achtung vor jahrhundertealten Arbeitsvorgängen, Menschen in ihrer gewohnten Arbeitsumgebung motivierten zu zahlreichen Skizzen, Grafiken und Gemälden. Grafiken jüdischer Viertel in Amsterdam schuf er in einer Weise, die bereits Vorstellungen impressionistischen Malens verraten.

Aus dem Judenviertel in Amsterdam: Die Judengasse (groß), 1908
Max Liebermann (1847–1935)
Radierung auf Bütten, 31,5 x 22,7 / 43,1 x 34,8 cm
Kunstsammlungen Chemnitz, Inv.-Nr. 25-138
1925 erworben im Auktionshaus Paul Graupe, Berlin
Foto: Kunstsammlungen Chemnitz/László Tóth

Neben einer großen Zahl von Selbstporträts – dabei hervorzuheben eine Lithografie, die ihn von der Seite am Strand mit einem Panama-Hut zeigt – war Liebermann allgemein als Porträtist geschätzt. Der Kunsthistoriker Wilhelm Bode (1909), Gerhart Hauptmann (1913), Albert Einstein (1925), auch der Reichspräsident von Hindenburg (1927) gehörten zu seinen »Kunden«.

Porträt Gerhart Hauptmann, 1913
Max Liebermann (1847–1935)
Lithografie auf Bütten, 35 x 28 / 61,5 x 42 cm
Kunstsammlungen Chemnitz, Inv.-Nr. 25-143
1925 erworben im Auktionshaus Paul Graupe, Berlin
Foto: Kunstsammlungen Chemnitz/László Tóth
Selbstporträt
Max Liebermann (1847–1935)
Lithografie
Musee Marmottan Paris
Foto: Michael Neubauer

Besonders beliebt waren in bürgerlichen Kreisen die Darstellungen von Freizeitvergnügungen am Strand, auf dem Tennisplatz, in Ausflugslokalen oder auf dem Reitplatz. Eindrücke von Reisen belegen Grafiken von der Stadtsilhouette Roms mit angedeutetem Petersdom oder der Alsterblick in Hamburg.

Uhlenhorster Fährhaus, 1910
Max Liebermann (1847–1935)
Kaltnadel, Radierung auf Bütten, 32,5 x 43,5 / 48,5 x 63,5 cm
Kunstsammlungen Chemnitz, Inv.-Nr. 25-139
1925 erworben im Auktionshaus Paul Graupe, Berlin
Foto: Kunstsammlungen Chemnitz/László Tóth

1909 erwarb Max Liebermann ein Grundstück am Wannsee und ließ hier eine Villa errichten. Eine Reihe von Grafiken widmen sich diesem geliebten Ort mit seinem zur Havel abfallenden Garten.

Garten in Wannsee. Mit dem Mädchen auf der Bank, 1916
Max Liebermann (1847–1935)
Radierung, Kaltnadel auf Van Geldern Zonen-Bütten, 17 x 24,5 / 21,2 x 28,6 cm
Kunstsammlungen Chemnitz, Inv.-Nr. 22-105
1922 Schenkung des Künstlers
Foto: Kunstsammlungen Chemnitz/László Tóth

Weibliche Akte findet man im Werk Liebermanns eher selten. Er schuf Bilder seiner Frau Martha, seiner Familie. Die geliebte Tochter Käthe und nach 1917 seine Enkelin Maria malte er liebevoll, schaffte Zeugnisse ihrer Entwicklung.

Interessant ist die Kaltnadelarbeit »Dame im Pelz«. Sie zeigt die Frau des Chemnitzer Kaufmanns David Leder. Diese Lola Leder, eine elegante, sehr weiblich anmutende, selbstbewusste Dame reizte ihn mehrfach zu sinnlichen Porträts, ihn, dessen Sicht auf das Weibliche eher nüchtern war. David und Lola waren die Eltern von Stephan Hermlin.

Dame im Pelz, sitzend [Bildnis Frau L. (Lola Leder)], 1923
Max Liebermann (1847–1935)
Kaltnadel auf Bütten, 29,9 x 23,4 / 54,3 x 37,5 cm
Kunstsammlungen Chemnitz, Inv.-Nr. 25-150
1925 erworben im Auktionshaus Paul Graupe, Berlin
Foto: Kunstsammlungen Chemnitz/László Tóth

Die Ausstellung schließt mit Arbeiten, die vor allem auf Initiative des Verlegers Bruno Cassirer entstanden. Ein Mappenwerk mit 9 Steinzeichnungen von 1926 in einer Auflage von 60 nummerierten Exemplaren zeigen Landschaften, Porträts und seltenerweise einige weibliche Akte. Für Bruno Cassirer illustrierte Max Liebermann auch Bücher. Hervorzuheben ist eine nummerierte Vorzugsausgabe Heinrich Heines »Der Rabi von Bacharach« von 1923.

Im Juni 1922 war der Großcousin Liebermanns, der Außenminister der Weimarer Republik Walther Rathenau erschossen worden. Tief betroffen in einer Zeit wachsender Unsicherheit und Bedrohung illustrierte er Heines Roman.

Eine stille Ausstellung, eine Ausstellung zum Nachdenken, zum Erinnern, zum Teilhaben. Grafiken brillantester Ausführung belohnen mit Freude am Gesehenen.

Max Liebermann
Zeichnungen und Grafiken
10.03. bis 10.06.2019

Kunstsammlungen Chemnitz
Museum am Theaterplatz
Theaterplatz 1
09111 Chemnitz
Tel.: 0371/488 4474

Di, Do bis Sonntag, Feiertag: 11:00 bis 18:00 Uhr
Mi: 14 bis 21 Uhr
Website: http://www.kunstsammlungen-chemnitz.de/

Ergänzende Veranstaltungen zur Ausstellung über oben genannte Adressen.