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Rezension zu „Charlotte Berend-Corinth“ im HIRMER-Verlag, 2022

Selbstporträt, Santa Barbara, Kalifornien, 1941
Öl auf Leinwand
Jüdisches Museum Berlin

Ihr Leben war als Künstlerin, Frau, Ehefrau Lovis Corinths, Mutter zweier Kinder, kunstpolitische Netzwerkerin und Jüdin wichtiger als wir es vielleicht bisher wahrgenommen haben:
Charlotte Berend-Corinth!  

Es ist ein Verdienst der Stiftung Saarländischer Kulturbesitz, des Saarlandmuseums, mit einer Retrospektive ihres Schaffens unter dem Titel
Charlotte Berend-Corinth. Wiederentdeckt! Rediscovered!“
an diese großartige Frau zu erinnern. Begleitet wurde diese Ausstellung, die vom 5. November 2021 bis zum 20. Februar 2022 in Saarbrücken stattfand durch eine Publikation des HIRMER-Verlages München, gestaltet von einem Autorenkollektiv unter der Leitung der Museumsdirektorin Andrea Jahn. 

Fast möchte man die aktuelle Präsentation „traditionell“ nennen, denn im Januar 1932 fand in Saarbrücken die Ausstellung „Werke deutscher Künstlerinnen“ statt, in der erstmals eine geschlossene Kollektion ihrer Gemälde gezeigt wurde. Neben einer interessanten Würdigung dieser Ausstellung zeigt die vorliegende Publikation , so wie damals, eine umfangreiche Übersicht über das malerische Kunstwerk Charlotte Berend-Corinths, einer Vertreterin der Klassischen Moderne, sich zwischen impressionistischen Anklängen und der Neuen Sachlichkeit bewegend, die sich aber auch in expressionistischen Techniken übte.

Charlotte Berend-Corinth lebte von 1880 bis 1967. Schon  frühzeitig hatte sie die Möglichkeit, sich nicht nur im Zeichnen zu üben, sondern zielstrebig studierte sie schon mit 19 Jahren an der Malschule des Kunstgewerbemuseums in Berlin. Sie sah und begeisterte sich für Werke von Lovis Corinth und bald war sie nicht nur die erste Schülerin seiner Malschule für Akt und Porträt, sondern die Geliebte des 43jährigen Malers. Ab 1904 waren sie ein verheiratetes Paar. Eine intensive gemeinsame Zeit lag vor ihnen, die ihr, nicht typisch für diese Zeit, die Gelegenheit eröffnete, sich rege an Ausstellungen zu beteiligen und ihr 1911 die Mitgliedschaft in der Berliner Secession ermöglichte. Im gleichen Jahr erlitt  Lovis Corinth einen schweren Schlaganfall. Neue, pflegerische Aufgaben beanspruchten sie, aber gemalt, gezeichnet und porträtiert wurde weiter,  vor allem in Schauspielern, Tänzerinnen, Kabarettisten fand sie ihre Motive. 

1925 starb ihr Mann Lovis Corinth. Ein Wendepunkt in ihrem Leben. 

Nach intensiven Arbeiten um den Nachlass ihres Mannes kehrte ihr Lebensmut mit zunehmender Eigenständigkeit zurück. Porträtaufträge und Einladungen zu Ausstellungen förderten ihre künstlerische Tätigkeit, Mitarbeit im Vorstand der Berliner Secession, vor allem jedoch Ihr Engagement für eine moderne, liberale Kunstpolitik in der sich festigenden Weimarer Republik stärkten ihre Persönlichkeit. Ausdruck ihrer Karriere war die Bekanntschaft des Kultusministers Adolf Grimme, dazu passend ihr viel beachtetes in Öl auf Leinwand in neu-sachlicher Weise aufgetragenes Porträt von ihm im Jahr 1931. Sie gründete eine eigene Malschule. Zahlreiche Ölgemälde aber auch Aquarelle künden von Reisen in die arabische Welt, nach Dänemark, längere Aufenthalte in Italien und der Schweiz folgten. Aber 1939 war auch für sie kein Platz mehr in Deutschland, sie emigrierte in die USA nach New York, und setzte von hier aus ihr aktives Leben mit Malen, Unterrichten, publizistischer Arbeit fort. Nur vereinzelt kehrte sie nach Europa zurück um ihre Werke in Ausstellungen zu begleiten.

Die Publikation des Saarländischen Museums nähert sich der Künstlerin auf verschiedenen Wegen. Die Autoren besprechen einzelne Werke, begleiten ihren Lebensweg und würdigen ihr kunstpolitisches Engagement. Breiten Raum nimmt das künstlerische Verhältnis von Charlotte Berend-Corinth zu ihrem Mann Lovis Corinth ein. Sie als Frau, seine Ehefrau, als junge Künstlerin wollte natürlich als modern denkende Partnerin in einem nicht einfachen Umfeld neben ihm, dem viel älteren, allseits anerkannten Künstler bestehen. Bravourös schaffte sie es! Indem sie sich, nicht zuletzt durch Publikationen und Nachlassarbeiten mit seinem Werk identifizierte, aber gleichzeitig ihr eigenes Schaffen fortführte und als unabhängig betonte, legitimiert sie geradezu die Nachwelt  dazu, ihr Werk neben dem ihres Mannes als eigenständig zu sehen. 

Hochinteressant sind Überlegungen der Autoren zu folgendem: Die Bilder „Die Lesende“ (Charlotte) von Lovis Corinth aus dem Jahr 1911 und „Mine Corinth auf einem Diwan“ (Tochter Wilhelmine) von 1930 signiert von Charlotte Berend-Corinth gleichen sich bis auf Bildgrösse und Farbgestaltung nahezu in jedem Pinselstrich. 

Fälschung oder Variation?  

Malte Charlotte Berend-Corinth das Motiv in Erinnerung an ihren Mann und das schwere Jahr 1911?- Leider, es bleiben nur Überlegungen.

Eines ihrer brillantesten Bilder, sie malte es mit 28 Jahren, ist „Die schwere Stunde“. Mit wildem, breitem Pinsel aufgetragen läßt sie uns in wirrer Buntheit daran teilhaben, wie schwer es ist, welche Kraft es kostet, neues Leben zu gebären. Man fühlt es förmlich. 1908 kein unbestrittenes Bild. Aber mehr noch sagt es aus! Mit welchem Schwung, Freizügigkeit und Offenheit diese junge Malerin ihr Leben sah. In eine ungewöhnliche Liebe mit dieser Frau eingebettet malte Lovis Corinth seine Charlotte 80 mal. „Gendergerechtigkeit“ hin und her, erfreuten sie sich an Verkleidung, Rollenspiel und der lebendigen, lebensfrohen Darstellung der jungen verliebten Frau. 

„Ich kann es nie ganz zum Ausdruck bringen, wie glücklich ich war, wenn Lovis mich malte. … Denn ich fühlte mich in jedem Porträt, sowohl mein Naturell als auch die jeweilige Stimmung, in der ich mich befand. Mein ganzes Wesen schließen diese Porträts ein, mein ganzes Sein. Und sie übermitteln mir, wie er mich sah.“
Charlotte Berend-Corinth, Hirmer Verlag GmbH, München 2022, S. 58

Dieses natürliche Glück zwischen einer Frau und einem Mann, mit einer festen, selbstbewußten Moral, gestattete ihr, Frauen und Männer aus Theater und Varietee in einer zum Teil frappierenden Freizügigkeit darzustellen. Stellvertretend seien die Lithographien mit Bildern der Tänzerin „Anita Berber“ genannt, in denen sie sich auch in diesem Milieu zur Schönheit und erotischen Ausstrahlung des weiblichen Körpers bekennt…,vielleicht auch, um den jahrhundertalten Wunsch von Künstlern zu erfüllen, den schönen, wohlgeformten, sinnlichen, oft glorifizierten, aber nie vollständig begriffenen weiblichen Körper vollendet darzustellen,

Mit HIRMER`s Publikation „Charlotte Berend-Corinth“ reiht sich wieder eine Biografie und das Werk einer wahrscheinlich nur Fachleuten bekannten Künstlerin in eine Gruppe weiblicher Malerinnen ein, die in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts erstaunliche, bisher viel zu wenig beachtete Kunstwerke schufen. Erfreuen wir uns nach Mary Warburg, Rene Sintenis, Lotte Laserstein und vielen anderen nun auch an dem von Charlotte Berend-Corinth.

 

HIRMER Verlag GmbH München
„Charlotte Berend-Corinth; Auflage: 2022. 192 S., 40 Abbildungenb in Farbe
Ladenpreis: EUR (D) 29,90  EUR (A) 30,80   CHF 36,80