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Rezension des Bildbandes „Die Fotografinnen Nini und Carry Hess“

Der Fotobildband des Münchner Verlages HIRMER, herausgegeben von Eckhardt Köhn und Susanne Wartenberg, erzählt eindrucksvoll von der Arbeit der hervorragenden Fotografinnen Nini und Carry Hess. Wer sie noch nicht kannte, nach der Lektüre dieses Fotobildbandes wird Nini und Carry Hess, ursprünglich als Stefanie und Cornelia getauft, nicht mehr vergessen. Zwei Fotografinnen, die nicht nur in ihrer Heimatstadt  Frankfurt am Main Fotogeschichte geschrieben haben, sondern eine landesweite, internationale Berühmtheit in ihrem Fach erlangten. 

Man muss betonen, der Bildband berichtet über die Arbeit und die Erfolge beider Frauen, denn Quellen über ihr Aussehen, über ihr Privatleben existieren so gut wie nicht. 

Sie waren kreativ und erfolgreich, solange sie in einer  demokratischen Gesellschaft lebten. Nach 1933 wurden ihnen alle Lebens- und Arbeitschancen genommen, sie waren Jüdinnen! 

Beide im Abstand von 5 Jahren in den 1880iger Jahren als Töchter des jüdischen Kaufmannes Samuel Hess und seiner Frau Lina in Frankfurt geboren, gründeten sie am Rathenauplatz in Frankfurt ein „Atelier für Porträtphotografie“. Ab sofort nannte sich Stefanie „Nini“ und Cornelia „Carry“, was die Marketingoffensive deutlich unterstützte. Gut in Frankfurt vernetzt gelang es ihnen recht schnell, prominente Kundschaft zu fotografieren. Ihre natürlich wirkenden Bilder, ihr Umgang mit Licht und Schatten und ihr professioneller Blick, Hände auf einem Porträtbild „sprechen“ zu lassen, fanden in Fachkreisen rasch Anerkennung. Ihre Arbeiten wurden auf zahlreichen Fotoausstellungen prämiert, schon bald in Lehrbüchern als Beispiele für das „richtige“ Fotografieren behandelt. Modernere Auffassungen des Fotografierens, die in der Gestaltung neben der handwerklichen Solidität Natürlichkeit und Lebendigkeit  forderten, letztlich auch, um sich von der Malerei abzugrenzen, fanden bei beiden schnell Gehör. 

Wer durch Frankfurt kam, mit Rang und Namen, saß bald vor ihrer Linse. Der vorliegende Bildband bietet einen breiten Überblick ihrer Porträtkunst von  Dichtern, Schauspielern, Tänzern, Personen des öffentlichen Lebens jener Zeit beiden Geschlechts.

Nini & Carry Hess: Mary Wigman
in „Die sieben Tänze des Lebens“, 1921
Theaterwissenschaftliche Sammlung,
Universität Köln

 

 

 

 

In einem gesonderten Kapitel wird die Arbeit der beiden Fotografinnen für die jüdische russische Theatergruppe „HABIMA“ vorgestellt, die in einem Fotobuch mündete. Charakteristische Ablichtungen von Theaterszenen gehörten schon vorher zu ihrem Arbeitsalltag. HABIMA führte russische und jiddische Stücke in Hebräisch auf. Sie hatten in Frankfurt und  auf ihren Tourneen grossen Erfolg. Sie bedienten sich einer durch Körpersprache betonten expressiven Spielweise, die besonders in Frankfurt, bekannt für expressionistisches Theater, auf große Gegenliebe stiess. Ninis und Carrys Einstellungen schafften es, den Charakter der Rollen fotografisch auf eine lebendige, eindrucksvolle Weise darzustellen. Der Bildband zeigt viele Beispiele künstlerischer Theaterfotografie der beiden, zumal das Fotobuch HABIMA der breiten Öffentlichkeit sicher nicht zugänglich ist. 

Dem Trend ihres Jahrzehnts folgend wurden die Bilder sachlicher. Die Fotografinnen Hess beteiligtem sich an einem weiteren Fotobuch, das „Das Frauengesicht der Gegenwart“ erforschen sollte. Sie lieferten u.a. das Titelbild auf dem Buchumschlag, eine Geschäftsfrau! 

71 abgebildete Frauen, modern gekleidet, schlank, kurzer Haarschnitt, selbstbewußt im Profil dargestellt, sorgten so schon vor 100 Jahren für die uns allen bekannte Unruhe: Vermännlichen die Frauen? Verweiblicht die Gesellschaft?

Nini & Carry Hess: Irene Weill (Tänzerin),
1920 – 1930, Berlinische Galerie –
Landesmuseum für Moderne Kunst,
Fotografie und Architektur

 

Durch ein gut funktionierendes Netzwerk gelang es ihnen, eine feste Zusammenarbeit mit der Ullsteinpresse zu etablieren. Theaterszenen, Porträts von Schauspielerinnen und Schauspielern erfreuten die Leser der „Dame“, der „Berliner Illustrierten“, der „Berliner Morgenpost“ und in weiteren Blättern. Sie brachten Bilder aus dem Frankfurter Gesellschaftsleben bei Ullstein unter, die Beispiele für Mode, Stil, Kunst und Interieur lieferten. 

Aber! – 1933 beendete alles Kreative und Wertvolle in Kunst und Literatur. Die Verlegerfamilie Ullstein wurde selbst enteignet und die Kampagne „Reinigung der Bildpresse“ beendete die Arbeitsgrundlagen auch der beiden Schwestern. 

Carry Hess wanderte im gleichen Jahr mit dem Ziel, eine neue Existenz für beide zu schaffen, nach Paris aus. Es war eine schwierige Zeit ohne den ersehnten Erfolg. Nach dem Überfall Frankreichs 1940 durch die Deutschen kam sie in ein Internierungslager. Armut, Hunger und Gelegenheitsarbeiten waren ihre Begleiter bis Kriegsende. 1957 starb Carry Hess in einem Schweizer Krankenhaus. Eine  fachliche, künstlerische oder gar finanzielle Wiedergutmachung war ihr leider nicht gelungen. 

Nini Hess blieb in Deutschland bei ihrer Mutter. Sie hatte versucht, vor allem für jüdische Gemeinden und Verbände zu arbeiten. Im November 1938 verwüsteten SA-Trupps während des Novemberpogroms das Photoatelier Hess in Frankfurt, zerstörten technische Fotoeinrichtungen, verbrannten das Fotoarchiv. Der Versuch, doch noch auszuwandern, scheiterte. Nini wurde wie so viele andere „evakuiert“, ihre Spuren verlieren sich auf dem Weg in das Konzentrationslager Auschwitz … 

Im Jahr 2022 verstehen wir das Ende dieser beiden ideen- und erfolgreichen Frauen besser als in jedem Jahr zuvor. Sie zeigen aber auch, welche Entwicklungsmöglichkeiten in künstlerischer, aber auch geschäftlicher Hinsicht eine freie, demokratische Gesellschaft bietet. 

Der Bildband ist eine Reise mit vielen ausdrucksstarken Bildern der beiden Fotografinnen in die zwanziger Jahre des 20. Jahrhunderts. Die Bilder fesseln, immer wieder nimmt man den Band zur Hand, um durch diese Welt zu streifen. Viele gesellschaftliche Details der Zwanziger werden gelüftet, man begegnet hervorragenden Bilddokumenten bekannter und berühmter Persönlichkeiten, von Max Beckmann bis Paul Hindemith, von Mary Wigman bis Annette Kolb oder von Stefan Zweig bis Carl Zuckmayer. 

Carry Hess: Albert Schweitzer, 1952
Münchner Stadtmuseum,
Sammlung Fotografie

 

 

 

Man kann sich bei allen, die diesen Bildband geschaffen haben, nur bedanken. 

Der Bildband erschien anläßlich der Ausstellung:
„Die Fotografinnen Nini und Carry Hess“
Im Museum Giersch der Goethe-Universität
in Frankfurt am Main
11. März bis 22. Mai 2022