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Was wir noch pflanzen könnten…

Gedanken von Autor Otto Balkenbogen zur derzeitigen Situation, die uns alle vor neue Herausforderungen und Umstände gestellt hat. Ein Text im sisterMAG darüber, was wir noch alles pflanzen könnten…

  • Text: Otto Balkenbogen
  • Illustrationen: Ezbah Ali

Was wir noch pflanzen könnten…

Über die Wiederentdeckung des Schrebergartens

Lasst mich einige Gedanken äußern, die mir zurzeit durch den Kopf gehen. Alle, die diese Zeilen lesen können, sind mehr oder weniger glücklich durch die letzten Wochen gekommen.  Man hört die unterschiedlichsten Geschichten dazu, Frust bei den einen, Gefallen an der abgebremsten Lebenstour bei den anderen, ganz zu schweigen von wirtschaftlichen Problemen des/der einzelnen. Langsam lösen sich die harten Maßnahmen, aber viele fragen sich natürlich, was kommt jetzt. Kann ich Urlaub machen, wann gehen die Kinder wieder geordnet in die Schule, wie geht das Leben weiter. Eins hat sich schon gezeigt, das gefühlte Leben hat sich für alle enorm verändert. Es kommt beim mundtuchgeschützten Shoppen einfach keine Freude auf, das Bier in der Kneipe ist ein anderes geworden, schon weil der vertraute Kellner sein diensteifriges freundliches Gesicht nicht mehr zeigen kann und der böse Blick des Nachbarn, hat man eine Regel für den Moment vergessen, trägt auch nicht für einen harmonischen Alltag bei. Leere Zuschauerräume in Theater, Oper oder Varieté vermiesen die Stimmung unter den stark dezimierten abstandsgestressten Zuschauern. Wie wird der Sommer werden? Werden deutsche Ferienziele, Parks, Schlösser, Freizeitparks dem vergnügungsgewohnten und urlaubshungrigen Deutschen genügen? Oder wird der Sommer zur allgemeinen Renovierungsorgie in deutschen Zimmern, weil uns die Küsten von Mallorca, Bodrum und Marmaris unter den prophezeiten Schutzmassnahmen nicht mehr so richtig reizen?  All das kann Wirklichkeit werden, zumal wir alle gelernt haben, dass das unmöglich Gedachte von heute auf Morgen Realität sein kann. Also ich glaube, wir müssen uns etwas suchen, das unser Leben unabhängig von organisierten Unternehmungen zufrieden und glücklich macht. Klar, wird der eine oder andere sagen, Wandern, Radfahren, Sporttreiben, das mache ich ohnehin, Bewegung als eine Möglichkeit, unseren Körper gerade in einer infektionsgefährdeten Zeit zu stählen, fitter zu machen ist auf jeden Fall ratsam für die nächsten Wochen, ja, für immer!

Aber wir brauchen auch etwas, wo wir etwas planen, investierten und anschließend ernten können, wo wir uns selbst einen Erfolg machen, der das gemütlich Glas Wein nach »getaner Arbeit« verfeinert. Auf meinen Touren habe ich von so manchen Kollegen/innen gehört, wie froh sie waren, in dieser Coronazeit ihren kleinen, bisher eher etwas vernachlässigten Garten zu haben. Plötzlich wurde er zu dem Stück Natur mit Himmel, Wolken und Regen, das wir sonst weit weg von der Heimat suchen. Plötzlich spross der Gedanke, man könnte doch dort ein paar Rosen pflanzen, und hier vielleicht einen kleinen Kräutergarten. Sogar Kartoffelfurchen wurden gezogen. Die eigene Scholle, ist sie noch so klein, gewinnt an Bedeutung! Noch lächelt vielleicht der großstadtverwöhnte und urbanisierte Mitdreißiger, weil er das zufriedene Gesicht beim ersten kühlen Bier nach getaner Arbeit in froher, bunter Gartenrunde nicht kennt.

Er wird an Spitzweg denken und dabei die Freude, die der Gartenfreund beim Säen, Gedeihen und Ernten empfindet, verkennen und nicht wissen, dass schon in der Mitte des 19. Jahrhunderts der erste Kleingarten aus ähnlichen Erwägungen entstand. Ein Herr Heinrich Karl Gesell legte auf einer Wiese im Johannapark in Leipzig, die bis dahin als Spielplatz gedient hatte, Beete an, um die Kinder an eine nützliche Betätigung zu führen. Das Gelände wurde später umzäunt, so war der erste Leipziger »Schrebergarten« entstanden. Moritz Schreber selbst hatte an dieser Gartengründung keinen Anteil, da lag er schon unter der Erde. Als Orthopäde und Hochschullehrer an der Leipziger Universität war er aber sehr aktiv im Leipziger Turnverein gewesen, auf dessen Initiative dieser erste Garten ins Leben gerufen worden war. Ihm zu Ehren wurden aufgrund seines Wirkens für Bewegung und körperliche Ertüchtigung der Verein und die Gärten nach ihm benannt. Moritz Schreber verwendete für seine Erziehungsmaßnahmen an Kindern allerdings sehr martialische Methoden, so dass sein Ruf zwar als Gartenpate, aber eher noch als Kinderschreck in die Geschichte eingegangen ist. Die Freude an einem Stück Land, einem kleinen Garten am Haus oder im Verband einer Kleingartenkolonie sollte also nicht von einer wohlgeformten Gurke mit einer orthopädisch anerkannten Krümmung abhängen oder nur senkrecht gerade Rosenstocke fordern, »unser Land« sollte ein Refugium werden, das in Zeiten begrenzter Möglichkeiten all das nebenher bietet, was uns mit Erholung, Stolz und Zufriedenheit beschenkt. Aber Vorsicht, einmal damit begonnen, lässt man es nicht wieder. Ich wünsche viel Spaß.