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Ist Sprache tatsächlich die Kleidung unserer Gedanken?

KLEIDER MACHEN SPRACHE? An den Federn erkennt man den Vogel, und an der Sprache … ja, was? Ohne Metaphern könnten wir überhaupt nicht sprachlich kommunizieren und auch Sprichwörter und Redewendungen sind eigentlich nicht wegzudenken. Warum sie dennoch manchmal unterschätzt werden, und das völlig zu Unrecht, erklärt Elisabeth Stursberg in dieser Kolumne. In dieser sisterMAG Ausgabe: Das Kleid

Kleider machen Sprache?

Ist Sprache tatsächlich die Kleidung unserer Gedanken?

Sprichwörter sind unseren vestimentären Tricks auf der Spur

Zu Beginn dieser Kolumne hatten wir es schon erwähnt: Sprichwörter und Redewendungen sind ein Schatz. Sie sind nicht nur prägnant. Sie können auch durchaus Autorität entwickeln: »Ohne Hoffnung ist wie ohne Kleid, auch bei warmem Wetter ist dir kalt.« Wer würde es wagen, solch klarsichtige Beobachtung in Frage zu stellen? (Wie so viele Sprichwörter ist übrigens auch dieses russischer Herkunft, sagt man.) Mit ihrer auf der kondensierten Erfahrung von Generationen ruhenden Lebensklugheit lässt sich nicht ohne Weiteres diskutieren.

Außerdem sind Sprichwörter bildhaft und aktivieren unser Vorstellungsvermögen. Warum Gardine sagen, wenn auch das »Fensterkleid« zur Auswahl steht? Wir bleiben dabei: Sprichwörter machen unsere Kommunikation unterhaltsamer und die Sprache charmanter. »Sprache ist die Kleidung der Gedanken«, befand einst der englische Sprachforscher und Journalist Samuel Johnson (1709-1784) und »Sprichwörter sind die Blumen der Sprache«, sagt man mit durchaus lyrischer Färbung, aber diese Blumen können argumentativ die Kraft eines Vorschlaghammers entwickeln. All das leisten Sprichwörter; auf Metaphern gehen wir gar nicht mehr ein, denn ohne die könnten wir bekanntlich sowieso kaum zwei Sätze formulieren. Es bleibt die Frage: wie anwendbar, wie wahr sind Sprichwörter heute noch?

Diese Ausgabe ist dem Kleid gewidmet. Sprechen wir deshalb gleich den weißen Elefanten im Raum an (war das die Metapher?) und stellen klar, was hier mit »Kleidern« gemeint ist: Interessanterweise hat sich ja die ursprüngliche Bedeutung der Bekleidung insgesamt, also der »Klamotten«, vor allem im Kontext der Sprichwörter erhalten, dort aber reichlich. Beschränkten wir uns nur auf »das Kleid«, bliebe hingegen nicht viel übrig. Für diese Kolumne geben wir uns deshalb mit einer unscharfen Begriffsunterscheidung zufrieden – immerhin sind die betreffenden Sprichwörter meist intuitiv verständlich.

Sprichwörter leisten aber noch mehr, und zwar für jene, die sie verwenden, Stichwort »Kleider machen Leute«. Wie wir Sprache verwenden, sagt viel über uns aus, und der Gebrauch von Sprichwörtern und Wendungen kann dabei, ähm, die Kirsche auf der Torte sein. British English, mit seinen idioms, ist hier wieder ein gutes Beispiel, denn die Sprachenkenntnisse Lernender bemessen sich ab einem gewissen Niveau auch wesentlich daran, ob sie Idioms beherrschen und selbstverständlich zu verwenden wissen, und wie viele. Wie »posh« jemand spricht, lässt das Gegenüber – jetzt sind wir bei den »native speakers« – nicht nur auf seine Heimatgegend, sondern oft auch auf den sozioökonomischen Hintergrund schließen. In Deutschland liegt die Sache etwas anders: hier werden Dialekte, inklusive ihrer Sprichwort-Qualitäten, manchmal als Ausweis für einen bestimmten Bildungsgrad gesehen – leider und offensichtlich völlig zu Unrecht. Trainiert man sich den Dialekt ab, fallen auch diese Verschmückungen weg. Aus England (Shakespeare) stammt übrigens auch: »Die Seele des Menschen sitzt in seinen Kleidern.« Eine mögliche Interpretation davon wäre, dass Verkleiden wenig sinnvoll ist. Bekanntlich kam der Kaiser mit seinen neuen Kleidern auch nicht so weit …

Nur: was ist die Alternative? Die folgende Beobachtung macht Hoffnung: »Die Wahrheit hat ein schönes Angesicht, aber zerrissene Kleider«, denn es gibt offenbar eine weitere Schule, eine, für die dem kleidungstechnischen Erscheinungsbild weniger Bedeutung einräumt. »Ist mein Kleid auch schwarz, mein Gewissen ist rein«, ein weiteres Beispiel russischer Weisheit. Wir erfahren hier zum Beispiel auch, dass selbst wenn sie intakt sind, Kleider die Sache nicht immer retten können, denn – und ich hoffe, mein Glaube daran ist nicht nur jugendlichem Optimismus geschuldet: »Man empfängt die Leute nach ihrem Kleide und entlässt sie nach ihrem Verstand.« Wie erfolgreich jemand eine Position »bekleidet«, wird sich früher oder später herausstellen, und die Garderobe ist dabei nicht der Indikator.

»Auch das schönste Kleid kann man nicht essen«. Was nicht nur Carrie Bradshaw wohl energisch bestreiten würde, läuft letzten Endes auf eine Frage der Prioritäten hinaus und weist dabei auf einen weiteren, wesentlichen Aspekt hin: das subjektive Empfinden. Die unvergessene Coco Chanel stellte bekanntlich fest: »In ihrem schönsten Kleid wird es keiner Frau zu kalt.«

An dieser Stelle schreibt Elisabeth Stursberg über Mode in Sprichwörtern und Redewendungen und deren Vorzüge.

Entdeckt hier weitere Sprichwörter Kolumnen der Autorin zur Hose und zum Hut.