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Startup Spotlight: »Fuckup Nights«

In unserer Rubrik »Startup Spotlight« stellen wir euch regelmäßig interessante Startups und Gründer*innen vor. In dieser sisterMAG Ausgabe wird es besonders spannend, denn was macht man eigentlich, wenn’s mal in die Hose geht mit der eigenen Idee? Lernt hier »Fuckup Nights« kennen, die sich das Scheitern zum Thema genommen haben.

Startup Spotlight: »Fuckup Nights«

  • Branche: Event & Beratung
  • Hauptsitz: Berlin
  • Gründer: Prof. Ralf Kenner & Patrick Wagner1. Stelle euch kurz vor. Wer seid ihr und was macht ihr?

Ralf und ich veranstalten seit 5 Jahren im 2 Monatsrythmus die Fuckup Night Berlin und Beraten Unternehmen im Rahmen von Führungskräftenschulungen bei der Implementierung von Fehlerkultur.

2. Was ist eine »Fuckup Night«?

Die Fun (kurz für Fuckup Night) ist eine öffentliche  Veranstaltung (200-400 Zuhörer & Besucher), bei der Unternehmer*innen über ihre wirtschaftlichen Pleiten und deren Folgen sprechen.
Die Veranstaltung findet immer an anderen Orten statt, bei Firmen, Coworkingspaces bis hin zu einer Katholischen Kirche. Wir versuchen immer eine enge inhaltliche Zusammenarbeit mit unseren Gastgeber*innen zu erarbeiten.

3. Woher stammt das Format »Fuckup Night«? Und seit wann gibt es dieses schon in Deutschland?

Das Format wurde ursprünglich in Mexiko City gegründet 2014.
In 2015 schwappte die Welle nach Europa und Deutschland.

4. Wie bist du dazu gekommen, die »Fuckup Night« in Deutschland einzuführen?

Ich war als Sprecher bei der zweiten Fuckup Night überhaupt in Düsseldorf geladen. Spiegelonline hat meine Rede in einem Artikel verwurstet, so war es folgerichtig mit Freunden die Fuckup Night in Berlin zu veranstalten.

5. Was ist das Ziel dieser Veranstaltungsreihe?

Es war von Beginn an unser Ziel, das tabuisierte Thema »Scheitern« in der Gesellschaft salonfähig zu machen und neu aufzuladen.
Anfangs wurde das Thema eher belächelt im Sinne von »jetzt heroisieren die Künstler aus dem Prenzlauerberg auch noch ihre Pleiten«. Doch dann wendete sich das Blatt. Spätestens, als wir Wirtschaftsaufmacher bei “Der Zeit” wurden und darüber gesprochen wurde das die typisch deutsche Eigenschaft, Fehler nicht zugeben zu können, sowohl die gesamtwirtschaftliche Entwicklung hemmt, Innovation verhindert, als auch die einzelnen Gescheiterten über die gesellschaftliche Stigmatisierung aus produktiven Prozessen verbannt.

6. Über welche »Fuckups« wird gesprochen? Und wer darf sich bei dir/euch mit einem persönlichem »Fuckup« melden?

Grundsätzlich jede(r) Unternehmer(in) oder Angestellte, die mit einer Firma oder einem Projekt gescheitert ist und darüber sprechen will. Dabei geht es weniger um die Fallhöhe, als um die Reflektion des Scheiterns.

7. Wem fällt es leichter »Fuckups« zuzugeben – Frauen oder Männern?

Wir können da nur wenige Unterschiede feststellen und inzwischen auf einen Frauenanteil von ca. 40% verweisen. Großartig ist aber auch, dass unser Publikum zu 60% weiblich ist und sich auch sehr rege an den Diskussionen beteiligt. Nach 5 Jahren können wir auf jeden Fall festhalten, dass die Empathiefähigkeit und das Reflexionsniveau, die Grundvorraussetzungen für eine neue Fehlerkultur sind, weibliche Stärken sind.

8. Was hat die Arbeit mit gescheiterten Projekten mit euch gemacht?

Ich denke, es hat unser Leben als solches verändert. Wir verzeihen uns selbst mehr. Wir führen durch unsere Rolle als Veranstalter der Fuckup Night andere, oft spannender Gespräche mit Fremden, da viele sich den Quatsch bei uns sparen mit »Mein Haus, Meine Frau/Mann, Mein Auto«. Stattdessen wird von vornherein darüber geredet, was die Menschen wirklich umtreibt. Innerhalb unserer Firma fällt es uns übrigens immer noch sehr schwer über unsere Fehler zu sprechen. 20 Jahre falsches Schul- und Bildungssystem, sowie 20 Jahre Berufsleben hinterlassen tiefe Spuren in uns. Aber wir zwingen uns immer wieder.

9. Was ist Scheitern für dich?

Diese Frage lässt sich nicht einfach und kurz beantworten.
Für mich persönlich, besteht das größte Scheitern darin, aus Angst vor Misserfolg/ negativen Reaktionen, bestimmte Ziele oder Ideen erst gar nicht anzugehen.
Mit einer Idee zu scheitern, für die man alles getan hat und für die man gebrannt hat, nehme ich als reinen Prozess war, aus dem wir lernen.

10. Erzählt uns von einer »Fuckup Story«, die euch besonders inspiriert.

Bei über 120 Fuckup Stories unterschiedlichstem Facon, fällt es uns immer schwer, die inspirierenste Geschichte herauszustellen.
Einen interessanten Fehler machte ein 23 Jähriger Startupper, der 1,6 Mio € für ein App sammelte und dann total paranoid wurde und mit niemandem über diese App sprechen wollte (nicht einmal mit seiner Freundin), alles bei sich behielt, weil er Angst hatte jemand könne ihm die Idee klauen. Dadurch wurde er so langsam, dass eine andere Firma seine Idee entwickelte und an den Markt brachte. Die Geschichte war sehr absurd und man hatte das Gefühl, dass dieser energetische Jungunternehmer etwas verrückt sei.
Abschließend verkündete er, dass er bald (das war 2016) das Bankensystem angreifen würde und hatte alle Lacher auf seiner Seite.
Kurz darauf gründete er die Online Bank “Penta”, die inzwischen mit N26 die erfolgreichste “neue” Bank in Deutschland ist.

11. In Europa ist der Anteil an Startups um einiges niedriger als in Nordamerika. Woran könnte das deiner/eurer Meinung nach liegen?

Das hat natürlich erst einmal mit der Gründermentalität zu tun. Aber natürlich auch mit einer Systematik. Das deutsche Insolvenzrecht (aus dem 19. Jh.), das Bildungssystem, die Schufa, Banken und Dienstleister. Überall treffen wir ausschließlich auf Blockaden.

Wir hatten Sprecher*innen, die mit einer Firma in jungen Jahren Pleite gegangen sind, inzwischen Geschäftsführer bei einem Daxunternehmen sind und immer noch keinen privaten Handyvertrag oder keine Kreditkarte bekommen. Das ist doch absurd.

12. In welchen deutschen Städten werden regelmäßig »Fuckup Nights« organisiert?

Berlin, Düsseldorf, München, Frankfurt, Mannheim, Leipzig, Ruhr, Köln.