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Hosenrollen

Frauen, die Männerrollen verkörperten – sogenannte »Hosenrollen« sind bereits im 19. und 20. Jahrhundert gang und gäbe. Autor Dr. Michael Neubauer nimmt im sisterMAG den Begriff der »Hosenrollen« genauer unter die Lupe. Lest hier den ganzen Artikel.

  • Text: Dr. Michael Neubauer

Hosenrollen

Wer ist eine Frau, wer ist ein Mann?

Wurde diese Frage früher mit einem vorsichtigen Blick in den jeweiligen Schoß beantwortet, keimten nach den 1950er Jahren des vergangenen Jahrhunderts Zweifel auf, ob damit alles gesagt sei. Forscher im anglo-amerikanischen Raum führten den Begriff »Gender« für die Beschreibung des gefühlten gesellschaftlichen Geschlechts, also der sozialen Dimension des Geschlechts, ein. Der Begriff »Gender-Identität« wurde dafür geprägt, dass Personen, die sich biologisch eindeutig als weiblich oder männlich zuordnen lassen, diese Zuordnung nicht so empfinden. Das subjektiv empfundene soziale Geschlecht weicht von der Bestimmung durch die Geschlechtskörper ab. Gender-Studies umfassen mittlerweile einen großen Forschungsbereich, auch weil die geschilderte Auffassung von anderen Wissenschaftlern nicht unwidersprochen geblieben ist.

Wo heute ernsthaft gestritten wird, ja Standpunkte selbst erst vor Gericht entschieden werden müssen, handelten Dichter, Intendanten, Theatergruppen im 19. und 20. Jahrhundert ohne Beklemmung und steckten Frauen, sei es aus Mangel an männlichen Schauspielern oder aus Respekt vor ihrem Können oder ihrer tollen »mezzosopranischen« Stimme in Hosen und ließen sie spielen

Hosenrollen – ein fester Begriff in der theater- und tanzwissenschaftlichen Welt!

Shakespeare hatte kein Herz für Frauenrollen. Er schrieb für reine Männer-Ensembles, die auch die Frauenfiguren übernahmen. Und manchmal spielten die als Damen verkleideten Herren Damen, die sich als Herren verkleideten. Das Geschlecht der Dargestellten musste nicht mit dem der Darsteller übereinstimmen. Darüber machte man sich lange keine Gedanken. Deshalb war das Auftreten von Frauen in Männerrollen für das Publikum ein zusätzliches Vergnügen, eine Belustigung, weil im Alltag Frauen in Hosen noch unvorstellbar waren. Zu von Frauen geführten Schauspieltruppen (z.B., »Die Neuberin« 1697 – 1760) schreibt Kristina Hecker in ihrem Aufsatz »Die Frauen in den frühen Commedia dell’arte-Truppen«: »In dieser Bewunderung für die geistige Brillanz der Schauspielerinnen, die nach Meinung der Zeitgenossen den besten Rednern, den bedeutendsten Gelehrten und Dichtern nicht nachstanden, schwingt eine Komponente mit, die auch eindeutig artikuliert wird: Die Schauspielerinnen ähnelten nicht nur in ihrer Eloquenz den Männern – ihr Geheimnis war vielmehr auch, dass sie bei ihren Auftritten Frau und Mann zugleich sein konnten.« 

Die Stimmlage von Frauen (und Knaben) zwischen Alt (tief) und Sopran (hoch), das Mezzosopran, eignet sich besonders für Hosenrollen. Die jugendliche Tonfülle reizte eine Reihe von Komponisten, eine männliche Partie mit dieser Stimmlage mit einer Frau zu besetzten. Der Bogen spannt sich von Händels RADAMISTO in der Titelrolle (1720), über Mozarts CHERUBINO in »Die Hochzeit des Figaro« (1786), Rossinis TANCREDI in der Titelrolle (1813) und Offenbachs NICKLAUSSE in »Hoffmanns Erzählungen« (1881) bis hin zu Strauss’ OCTAVIAN in »Der Rosenkavalier« (1911) oder dem KOMPONISTEN in Strauss’ »Ariadne auf Naxos« (1912). Auch in Operetten findet man typische und bekannte »Hosenrollen«. Johann Strauss schrieb die Rolle des PRINZEN ORLOFSKY in der Fledermaus für eine Frauenstimme (1874) und in der »Schönen Galathee« Suppe’s singt GANYMED (1865) im Mezzosopran.

Hosenrollen sind auch heute nicht von modernen Bühnen wegzudenken. Ob als Hamlet oder als Karl in Schillers »Räubern«, Frauen stehen »ihren« Mann in jeder Beziehung. Theaterwissenschaftler unterscheiden dabei 3 Typen: Frauen spielen eine Männerrolle von Anfang bis zum Ende eines Stücks (echte Hosenrolle), Frauen verhalten sich in ihrer Rolle durch Gebärden, Sprüche und Auftreten sehr »männlich« (falsche Hosenrolle) und die verkleidete Hosenrolle meint die weiblichen Figuren, die sich während des Stückes optisch in Männer verwandeln.

Wir sehen, dass zumindest auf den Bühnen der Welt das »Gendern« schon seit langer Zeit gang und gäbe war, ohne Streit und Kontroversen.