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Auf dem Schirm – Die Geschichte der Baseballkappe

Was haben Tom Selleck, Jay-Z und Donald Trump gemeinsam? Genau: die Baseballkappe. Wir folgen den Anfängen Mitte des 19. Jahrhunderts bis heute – schließlich ist eine solche Kopfbedeckung oft aussagekräftiger als das eigene Sternzeichen. Hier gibt es den ganzen Artikel von Autor Christian Näthler im sisterMAG.

Auf dem Schirm

Wie Fernsehen, Identitätspolitik und Hip-Hop die Geschichte der Baseballkappe schrieben

Was haben Tom Selleck, Jay-Z und Donald Trump gemeinsam? Genau: die Baseballkappe. Wir folgen den Anfängen Mitte des 19. Jahrhunderts bis heute – schließlich ist eine solche Kopfbedeckung oft aussagekräftiger als das eigene Sternzeichen.

Die Baseballkappe ist ohne Zweifel ein Modeaccessoire, dessen Ursprünge wir mittlerweile komplett vergessen haben.

Abraham Lincoln war noch nicht Präsident der Vereinigten Staaten gewesen, die Schreibmaschine für 8 Jahre noch nicht erfunden und auch das Periodensystem war noch nicht vollständig. Zur gleichen Zeit würde ein Amateur-Baseballteam aus New York City für immer in die Geschichte von Mode und Sport eingehen. Wir schreiben das Jahr 1860.

Die Brooklyn Excelsiors gewannen die nationale Baseball-Championship in diesem Jahr. Das Team hatte eine Spitzen-Aufstellung, unter anderem den ersten Superstar der Sportart, James Creighton, Jr., den fantastischen Pitcher Asa Brainard und, wohl am wichtigsten, die Baseballkappe – ein Beanie mit Schirm, um helles Sonnenlicht abzuwehren. Die Kappe bestand aus sechs Wollteilen, mit einem Knopf obenauf zusammengehalten, sowie einem kurzen Mützenschirm über den Augen. Eine Kopfbedeckung mit Markise, sozusagen. Von bekannten Stücken wie Oliver Twists Zeitungsjungen-Kappe bis zu der typischen Kopfbedeckung der Proletarier in den billigen Kabinen der Titanic: um 1900 war auch die in Brooklyn geborene Kappe zu einem ebenso festen Teil der Baseball-Uniform geworden wie der Gürtel.

Genau wie bei Overalls, begann auch die Mode alsbald, Arbeitskleidung zu verändern. Teams aus Boston, Philadelphia und Chicago brachten ihren Stil mit eigenen Logos und Designs in die Kappen ein. Die Jahrhundertwende sah einen neuen “Pillbox”-Stil, der von den Ivy League-Baseball Clubs der Universitäten Yale und Harvard popularisiert wurde. Weitere modische Änderungen – eine höhere Form und gestärkter Schirm – folgten in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Doch noch war es unangebracht, eine Baseballkappe außerhalb des Sportfeldes aufzusetzen.

All das änderte sich um 1980, als Schauspieler Tom Selleck in Magnum P.I. die Baseballkappe zum heißesten Modetrend seit dem Hawaiihemd machte. Ein Jahr vor der Magnum P.I.-Premiere bot eine Marke namens New Era die sportlichen Baseballkappen erstmals zum Kauf über Post-Bestellung an. Troy Patterson schrieb in einem New York Times Artikel 2015, dass die Kräfte der Kunst und des Handels die Baseballkappe in eine fortgeschrittene Phase der Kultiviertheit brachten.

In den späten 80ern und 90ern war die Baseballkappe zu einem bestimmten Lebensstil geworden. Man konnte durch die Art der Kappe mehr über eine Person erfahren, als durch ihr Sternzeichen – in der berühmten Serie Seinfeld, der größten Sitcom zu dieser Zeit, setzt George seine Kappe falsch herum auf um cooler zu erscheinen. Jerrys unbekümmert-arrogante Einstellung kommt am deutlichsten zum Vorschein, wenn er seine Yankees-Kappe trägt. Diese Einstellung strahlt er heute immer noch aus – im echten Leben als fast-Billionär. In einer Folge macht Elaine ein politisches Statement, als sie ihre Orioles-Kappe bei einem Yankees-Spiel nicht absetzt – “this is America!”. Vielleicht war es also nicht zu vermeiden, dass das stärkste politische Statement in den heutigen Staaten auf einer roten Kappe stehen würde.

Bevor sie zu einem Symbol einer bestimmten Identitätspolitik wurde, war die unschuldige rote Kappe ein Ausdruck von Street Style. 1996, 20 Jahre vor Donald Trump’s Wahl zum US-Präsidenten, änderte der Produzent Spike Lee die Geschichte der Baseball-Kappe als er den legendären New York Yankees Besitzer George Steinbrenner anrief – der übrigens auch in Seinfeld zu finden ist – und eine maßgefertigte Kappe anfragte. New Era, damals seit drei Jahren in exklusivem Geschäft mit Major League Baseball, hatte bis zu diesem Zeitpunkt nur Kappen in den offiziellen Teamfarben produziert. Für die Yankees war das Navy Blau – Lee wollte rot. Und Steinbrenner willigte ein, sodass New Era die Produktion begann. Seit diesem Zeitpunkt gehören Baseballkappen zu jeder Jugendkultur von Skateboarding-Kreisen bis zu Hip-Hop Gruppen. 2009 rappt Jay-Z auf “Empire State of Mind”: “I made the Yankees hat more famous than a Yankee can.”

Heute ist die Baseballkappe auf den Regalen von Primark ebenso zu finden wie auf den Straßen Brooklyns. Vielleicht gibt es also nur noch eine Möglichkeit für die Kappe: langsam aber sicher in die Schatten der zahlreichen Modeaccessoires zu verschwinden, vielleicht wird sie auch vom Beret oder dem Urban Sombrero[1] ersetzt. Bis sich in 20 Jahren, wie bei allen Modetrends, eine Renaissance einstellt. Oder es kommt anders: vielleicht ist die Kappe jetzt schon so in unsere Kultur integriert, dass sie – ähnlich wie Schuhe und Schlaf – nicht mehr wegzudenken ist.

[1] https://fortune.com/2016/04/13/j-peterman-urban-sombrero-seinfeld/