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Paynesgrau – Wenn eine Farbe für ein Gefühl steht

Berliner Blau, Ockergelb und Karmesinrot: Wer hätte gedacht, dass man mit einer Kombination aus diesen lebhaften Farbtönen die Atmosphäre eines freudlosen Wintertags abbilden könnte? Doch genau das schafft Paynesgrau – eine Farbe, die einen nicht mehr loslässt, wenn man sie erst einmal gesehen hat. Erfahrt im sisterMAG mehr darüber von Autor Christian Näthler.

Wenn eine Farbe für ein Gefühl steht

Wenn ich ein Bild malen soll, das Melancholie ausdrückt, werde ich zu Paynesgrau greifen.

Berliner Blau, Ockergelb und Karmesinrot: Wer hätte gedacht, dass man mit einer Kombination aus diesen lebhaften Farbtönen die Atmosphäre eines freudlosen Wintertags abbilden könnte? Doch genau das schafft Paynesgrau – eine Farbe, die einen nicht mehr loslässt, wenn man sie erst einmal gesehen hat.

Wahrscheinlich verdanken die meisten Maler Payne mehr als Van Gogh oder Monet.

Ja, der William Payne. Der Aquarellmaler? Ah, wahrscheinlich habt ihr das Buch »Farbstandards und Farbnomenklatur« aus dem Jahr 1912 nicht gelesen. Ok, dann einmal von vorn.

Payne, der 1760 in Exeter in Großbritannien geboren wurde, arbeitete als Bauingenieur, bevor er seine Berufung als Maler fand. Obwohl sich Payne in London niederließ, blieb er Landschaftsmaler und zeichnete das, was der Rest Londons als »hinterste Provinz« bezeichnete. Dabei war es weniger die Topografie, die ihn ansprach, als vielmehr die Atmosphäre einer Landschaft. Als er begann, als Kunstdozent zu unterrichten, hielt er seine Schüler dazu an, nicht zu zeichnen, was sie sahen, sondern das, was sie fühlten (meine Worte, nicht seine). Payne war ein Dichter unter den Bauzeichnern, eher Wordsworth als Hemingway.

So gut er als Lehrer auch war, tat er sich schwer, etwas zu fertigen, was ihm selbst Ruhm brachte. Während viele seiner Zeitgenossen das malten, was in den angesehenen »Watercolour Societies« (Vereinigungen von Aquarellmalern) als modisch galt, stagnierte Paynes Arbeit und ließ sogar nach. In Paynes Eintrag im Dictionary of National Biography, der Nationalbiografie namhafter britischer Persönlichkeiten, wird angemerkt, dass seine Kunst 1812 zu einer »Eigenart verkommen war«. Autsch! Das ist so, als ob man in der Epoche des Regency mit einem barocken Akzent spräche. Wie passé. Leider wurde Payne vor seinem Tod im Jahr 1830 »von besseren Künstlern übertroffen und vergessen«.

Wie viele Künstler wurde Payne erst nach seinem Tod berühmt. Sein Vermächtnis ist ein »Happy little accident« (R.I.P. Bob Ross) mit dem Namen Paynesgrau, einem Blaugrau, das Maler an der Existenz der Farbe Schwarz zweifeln ließ. Es entstand, als Payne Berliner Blau, Ockergelb und Karmesinrot grob miteinander vermischte. Angenehme Farbtöne an sich; zusammen jedoch lassen sie an die nasse Asche einer Zigarette denken, die in der Sonne trocknet. Paynesgrau ist die perfekte Farbe, um etwas zu zeichnen, das dort drüben ist. Stellt euch die Skyline von New York City am Horizont vor. Die Alpenkulisse hinter München. Vor Paynesgrau war es üblich, sich in der Dämmerung schimmernde, weit entfernte Objekte in einem mittleren oder verwässerten Schwarz zu zeichnen.

Die hellste Variante von Paynesgrau gleicht den Schatten, die Monet im Winter zeichnete. Die dunkelste Variante ist vergleichbar mit der Titanic, die in einer sternenverhangenen Nacht ins tiefschwarze Meer sinkt. Pariser Dächer an einem stürmischen Tag befinden sich in der mittleren Farbskala. Für mich ist Paynesgrau Winter in Berlin. Farbautor Kelly Kelleher, die für The Awl schreibt, bezeichnet es als »eine lange, schmerzhafte Dunkelheit«, »mürrisch und feucht«, »düster und ruhig«[1]. Wenn sich das nicht nach einer Straßenbahnhaltestelle in Hohenschönhausen an einem trostlosen Tag im Januar anhört. Und wenn Robert Lewandowski Mitte März in der Alten Försterei einen spielentscheidenden Abstauber in der 94. Minute verpatzt, wird er auf die Knie sinken und zum paynesgrauen Himmel über Köpenick hinaufschauen.

Wie kann eine einzige Farbe so viel Unterschiedliches hervorrufen? Kelleher vergleicht Paynes Mischen von Farben mit »einem Koch, der frei nach Geschmack kocht … ohne Rezept«. 2003 fand ein Maler heraus, welche Farbtöne neun führende Hersteller von Aquarellfarben nutzen, um ihr vermarktetes Paynesgrau herzustellen. Jeder hatte eine eigene Rezeptur. »Es ist unfassbar, welche Vielfalt an Farbpigmenten es gibt. Es gibt keinerlei Standardisierung und einige Farben ergeben einfach keinen Sinn«, schrieb sie. Holbein beispielsweise verwendet vier Farbtöne: Alizarinkarmin, Antwerpenblau, Ultramarin und Rußschwarz. Da Vinci nutzt nur zwei: Rußschwarz und Berliner Blau. Und manche gehen sogar so weit und nutzen ein Chinacridon-Violett.

Das nächste Mal, wenn ihr Paynesgrau in einem Gemälde seht, dann wundert euch nicht, wenn es fast aus dem Gemälde zu kriechen und euch zu berühren scheint, wenn sich die durch diese Farbe feucht scheinende Luft kalt auf eurer Nase anfühlt und sich in euren Knochen festsetzt. Denn es wird ein nächstes Mal geben: wie ein bisher unbekanntes Wort, das man auf einmal überall hört. Und wahrscheinlich auch fühlt. Leider lauert ja auch schon die saisonale Depression auf uns. Wenn ich ein Bild malen soll, das Melancholie ausdrückt, werde ich zu Paynesgrau greifen.

[1] https://www.theawl.com/2018/01/paynes-gray-the-color-of-english-rain-and-henry-millers-paris/