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Die Erfindung des Wintertourismus

Dass wir im Winter zur Erholung in die Berge fahren, ist tatsächlich eine recht junge Erfindung. Der  kleine Überblick im sisterMAG von Autorin Barbara Eichhammer zeigt euch, wie es seit dem 18. und 19. Jahrhundert überhaupt dazu kam, dass wir im Winterurlaub in den Bergen machen.

Die Erfindung des Wintertourismus

Winterurlaub – das ist für uns oft selbstverständlich eine Reise in die verschneiten Berge, mit Skifahren oder Wellness. Tatsächlich ist diese Art des Reisens aber eine recht neue Erfindung. Unser kleiner Überblick zeigt euch, wie es seit dem 18. und 19. Jahrhundert überhaupt dazu kam, dass wir im Winter zur Erholung ins Gebirge fahren.

 Ueber allen Gipfeln

Ist Ruh‘,

In allen Wipfeln

Spürest Du

Kaum einen Hauch;

Die Vögelein schweigen im Walde.

Warte nur! Balde

Ruhest du auch.

Wanderers Nachtlied – Goethe

 Das 18. Jahrhundert: Die Entdeckung der Natur

Die Faszination für die alpine Bergwelt begann mit der Zeit der Aufklärung und Romantik. Gemäß Jean-Jacques Rousseaus Ausspruch »Zurück zur Natur« brachen die Romantiker im 18. Jahrhundert zu Entdeckungsreisen durch Europa auf. Ihre Impressionen hielten sie in Gemälden und Gedichten fest. Dabei schufen sie ein gänzlich neues Naturbewusstsein: Plötzlich reiste man auch aus Freude an der Umgebung und nicht mehr nur zu wissenschaftlichen Forschungszwecken. Zwei Schlüsseltexte der Zeit veränderten dabei den Diskurs über die Berge grundlegend: Das Lehrgedicht »Die Alpen« von Albrecht von Haller (1729) und der Briefroman »Die neue Heloise« (1761) von Jean-Jacques Rousseau ließen mit ihren idealisierten Schilderungen der Alpen eine nie gekannte Begeisterung für das Gebirge entstehen. Während die Bergwelt seit dem Mittelalter als gefährlich gefürchtet wurde, wurde sie nun romantisch verklärt. Tatsächlich hatten Berge bis dato als ein unheimlicher Ort voller Gefahren gegolten, an dem sich dem Aberglauben nach nur Hexen und Teufel trafen. Dieser mythischen Angst vor den Bergen wich im 18. Jahrhundert eine regelrechte Verehrung des Alpinen. Gerade Reisende aus der Stadt waren fasziniert von der scheinbar idyllischen Natur und der Erhabenheit der Berggipfel, die die ästhetische Kategorie des Sublimen erfüllten. Die Berge wurden in Zeiten der Industrialisierung zu einer Gegenwelt des modernen Stadtlebens. Sie galten nun als Sinnbild der Einsamkeit, der Ruhe, des Überblicks und der Weitsicht. Durch Rousseaus Roman entstanden auch die Anfänge des literarischen Tourismus: Inspiriert von seiner Schwärmerei für den Genfersee, reisten zahlreiche Literaturliebhaber in die Schweiz, um die Handlungsorte von »Die neue Heloise« mit eigenen Augen zu entdecken.

 Die Grand Tour

Bis dahin war das Reisen in die Berge der wohlhabenden Elite vorbehalten, die sich die langen Kutschfahrten leisten konnte. So war es im 18. Jahrhundert für junge Adelige und reiche Bürgerliche Englands etwa üblich, zum Abschluss ihrer Erziehung eine Bildungsreise durch Europa zu unternehmen: die sogenannte Grand Tour. Die Adeligen suchten berühmte europäische Bauwerke auf, lernten neue Sprachen und Sitten oder sprachen an Fürstenhöfen vor. Die Kavaliersreise führte die jungen Adeligen auch durch die Alpen und die Schweiz, wobei sich die erste touristische Infrastruktur zu bilden begann. Nach 1815 entstanden die ersten Berggasthäuser – 1823 etwa auf dem Faulhorn (das höchstgelegene Gasthaus Europas). Bergbahnen, Hotellerie, Berghütten und anglikanische Kapellen folgten. Ihre Eindrücke von der Bergwelt berichteten sie den Daheimgebliebenen, so dass die Alpen immer bekannter wurden.

Der Mythos des Alpinismus im 19. Jahrhundert

Die Begeisterung für die Bergwelt fand Mitte des 19. Jahrhunderts ihren vorläufigen Höhepunkt in den »goldenen Jahren des Alpinismus«. Bergsteigen wurde nun als Sport ausgeübt, aber auch als Grenzerfahrung zelebriert. Denn ab 1800 wollten vorwiegend britische Kletterer, meist reiche Akademiker oder Adelige, die alpinen Gipfel erklimmen. Klettern wurde dabei zum Ausdruck nationaler Identität. Die Symbolkraft der Berge ließ sich auf patriotische Ideale übertragen: Der Gipfel stand für die höheren Ziele, die Stärke und Errungenschaften einer vereinten Nation. Hatten die Briten zuvor mit Schiffen fremde Kontinente erobert, wollten sie nun auch schwindelerregende Höhen als Zeichen ihrer (kolonialen) Macht bezwingen. Mit der Erstbesteigung der Jungfrau 1811 durch einen Schweizer setzte eine Serie von Gipfelstürmen ein, die 1865 ihren tragischen Höhepunkt fand. Das vermeintlich unbezwingbare Matterhorn veranlasste England und Italien 1865 zu einem Wettrennen um die Erstbesteigung. England gewann, bis ein Seil riss und vier Begleiter tödlich verunglückten. Aller Patriotismus war schlagartig verpufft. Was aber blieb, war die Faszination für die Berge: In ganz Europa wurden nationale Alpenvereine gegründet. Selbst Walt Disney war 1959 noch immer so angetan vom Mythos des Matterhorns, dass er eine Replik des Berges samt Achterbahn im Disneyland Kalifornien errichten ließ.

Thomas Cook & der Massentourismus

Zur gleichen Zeit bewirkte der Ausbau des Eisenbahnnetzes in Europa, dass das Reisen nun endgültig zum Massenphänomen für alle Gesellschaftsschichten werden konnte. Die neuen Züge waren ein kostengünstiges Transportmittel, das es jetzt auch der Arbeiter- und Mittelklasse ermöglichte, Urlaubsreisen und Tagesausflüge zu unternehmen. Übrigens entstand so die Pauschalreise: Als der Engländer Thomas Cook im Jahre 1841 seine erste Gruppenreise anbot, führte sie von Leicester ins 17 Kilometer entfernte Loughborough. Insgesamt 571 Fahrgäste nahmen an der Zugreise teil. Im Preis inbegriffen waren eine Tasse Tee, ein Schinkensandwich sowie musikalische Unterhaltung im Zug. Die Pauschalreise und mit ihr der kommerzialisierte Massentourismus waren geboren. Ab 1858 führte Thomas Cook erstmals eine englische Reisegruppe durch Europa und ab 1863 in die Berge. Ihre Reiseroute durch die Schweiz kann heute noch auf der sogenannten »Via Cook« nachgewandert werden. Der Grundstein für den Winterurlaub war nun gesellschaftlich wie kulturell gelegt.

Die Alpen als Kurort

Dass wir im Winter zur Erholung in die Berge fahren, verdanken wir auch einer weiteren Entwicklung des 19. Jahrhunderts. Zu der Zeit wurden die Berge immer mehr zum Symbol für Fitness, Gesundheit und Heilung, da Ärzte die therapeutische Wirkung des Hochgebirgsklimas bei Lungenleiden entdeckt hatten. 1841 wurde in Davos ein Sanatorium für schwindsüchtige Kinder eröffnet, und ab 1853 galt das Davoser Klima offiziell als Heilmittel gegen Tuberkulose. Eine Vielzahl von Kuranstalten entstand, die mit Kneippbädern und frischer Bergluft warben. Spätestens mit Thomas Manns »Der Zauberberg« (1924) erreichte etwa Davos als Kurort weltweite Berühmtheit. Auch St. Moritz avancierte 1864 zum internationalen Hotspot und vermarktete sich als Luftkurort. Eine legendäre Rolle spielte dabei Johannes Badrutt, der Besitzer des berühmten Kulm Hotels in St. Moritz. Weil er damit unzufrieden war, dass sein im Sommer so gut besuchtes Hotel im Winter fast leer stand, überlegte er sich der Legende nach eine Art Geld-zurück-Garantie für seine englischen Stammgäste. Wenn sie auch im Winter kämen und es ihnen nicht gefiele, würde Badrutt ihnen das Geld komplett zurückerstatten. Als neue Kundengruppe versuchte er zudem Tuberkulosekranke zu gewinnen, denen er in der trockenen Winterbergluft Heilung versprach. Nur zehn Jahre später kamen schon mehr Touristen im Winter nach St. Moritz als im Sommer. Mit dem Bau von Bergbahnen und Skiliften im frühen 20. Jahrhundert setzte sich der Wintertourismus endgültig durch. Es entstanden neben Skifahren viele neue Trendsportarten wie Bouldern, Canyoning oder Mountainbiking, die die Bergwelt mit Grenzerfahrungen und Abenteuerlust verbinden.

Heute

Gerade in den letzten Jahren erlebten die Alpen eine Renaissance im kulturellen Bewusstsein. So ist eine regelrechte Alpinisierung des urbanen Raumes zu beobachten: Kletterhallen, Restaurants mit alpinen Gerichten oder alpine Kleidung als Street Wear bringen die Berge in die Stadt. Die kulturelle Symbolkraft der Alpen als Ort der Gesundheit und Fitness wird dafür auf das heutige Stadtleben übertragen. Und ein Bild aus der Romantik dauert fort: Die verschneite Berghütte – heute mit prasselndem Kaminfeuer – bleibt ein Sehnsuchtsort. Auch jetzt noch schreibt die Populärkultur die alpine Bergwelt als Rückzugsort romantischer Einsamkeit, Ruhe und Erholung fest. Sozusagen als Gegenraum zur hektischen Stadt und den Widrigkeiten der Moderne.