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Zeitreise in die Vergangenheit – Daguerreotypie

Lange vor der Filmfotografie gab es den »Daguerreotyp« oder auch die »Daguerreotypie«, ein Prozess, bei dem Licht und Chemikalien miteinander interagieren und Bilder auf Glasplatten erzeugen. Eine Zeitreise und ein Mann mit einem Todeswunsch veranlassten Autor Christian Näthler, die moderne Fotografie für sisterMAG zu ergründen.

Zeitreise in die Vergangenheit – Daguerreotypie

Wenn sie bisher das »Fotografieren auf Film« für cool hielten, dann stellen sie sich das Ganze einmal auf Glas vor 

Lange vor der Filmfotografie gab es den »Daguerreotyp«, ein Prozess, bei dem Licht und Chemikalien miteinander interagieren und Bilder auf Glasplatten erzeugen. Eine Zeitreise und ein Mann mit einem Todeswunsch veranlassten mich, die moderne Fotografie zu ergründen.

Ich bin in Jena und bewege mich rückwärts durch die Zeit. Nicht nur, weil es sich in Jena so anfühlt, sondern auch, weil ich – wie bei jedem Besuch im Haus meines Opas – eine Kiste mit Relikten aus einem Land finde, welches nicht mehr existiert. Ich bin von Nostalgie und Spannung berührt. Es ist wie ein Weihnachtsmorgen im Oktober.

Im Inneren des Kartons befinden sich viele Reihen von Glasscheiben, die wie »After Eight«-Minzplättchen angeordnet sind. Ich nehme eine der Platten aus dem Behälter und halte sie gegen das Licht des Fensters. Es ist ein Foto von meinen Großeltern im Urlaub in der Tschechoslowakei, in der Blüte ihres Lebens. Ich schließe daraus, dass die Technologie in meinen Händen schon längst veraltet ist. Dabei werde ich an den Tod meiner Oma erinnert und genieße es, diese Zeit einen unsterblichen Augenblick lang festhalten zu können. Ich fühle mich tief mit der Vergangenheit verbunden.

Ich frage mich, welche Maschinen diese wunderbaren Scheibchen geschaffen haben. Wie könnten sie heißen? Siri zu fragen ist leider keine Option – und ich bin auch gerade in einer analogen Stimmung. Ich lege das Quadrat wieder in die Box und schlage eine Ausgabe des »New Yorker« auf. Darin ist ein Porträt des Naturfotografen Thomas Joshua Cooper zu sehen, der bis ans Ende der Welt wanderte und dabei eine alte Kamera mit dem Gewicht einer Wassermelone mitschleppte. Cooper’s Kamera war ein Agfa-Gerät von 1898. Es sah aus wie ein Vogelhaus mit Beinen. Obwohl er die Fotos auf nachgerüsteten Kodak-Filmen produzierte, nahm diese Kamera ursprünglich auf Glasplatten auf.

Fotografische Platten sind für die Fotografie, was Räder fürs Auto sind. In den 20er Jahren des 19. Jahrhunderts bemalte der Erfinder Joseph Nicéphore Niépce Glas- und Metallplatten mit Asphalt. Unter Lichteinwirkung wurde der Asphalt gehärtet, so dass bei der anschließenden »Entwicklung« mit Lavendelöl und Petroleum nur die schwächer belichteten Asphaltpartien herausgelöst wurden. Daher war das Bild zugleich »fixiert« und lichtbeständig. Er entwickelte so ein Verfahren, das als erstes in der Geschichte der Fotografie dauerhafte Bilder erzeugen konnte. Er nannte den Prozess Heliographie. Die Griechen nannten dieses Verfahren »Sonnenschreiben«. Niépces heliographischer Prozess produzierte die weltweit erste, permanente Fotografie, »View from the Window at Le Gras« – »Blick aus dem Fenster seines Arbeitszimmers im Maison du Gras«, auf einer mit Asphalt beschichteten, polierten Zinnplatte, 21 cm × 16 cm groß. Die Belichtungszeit betrug damals acht Stunden. Es sieht aus wie ein Werk von Gerhard Richter.

Ab 1829 arbeitete Niépce mit dem französischen Maler Louis Daguerre zusammen. Daguerre verfeinerte die Erfindung von Niépce mit einem Bildherstellungsverfahren. Es verwendet Quecksilberdämpfe, um ein Foto auf versilberten Kupferblechen zu produzieren. Die Bildaufnahme erfolgt in der »Camera Obscura«, lateinisch für »dunkle Kammer«. Niépce starb 1833. Sechs Jahre später, im Jahr 1839 wurde das Daguerreotypie-Verfahren zum globalen Standard für die Fotografie.

Bemerkenswert an den »New Yorker«-Porträts ist Coopers Prozess. Er ist eher philosophisch als technisch besonders: Cooper machte nur eine Aufnahme an jedem Ort. Viele der Orte, die er während seiner Karriere besuchte, erforderten von ihm Leben und Tod in Einklang zu bringen – wortwörtlich. Man stelle sich vor, man würde Wochen damit verbringen, das tückische Meer oder das Eis der Arktis für einen einzigen Knopfdruck zu durchqueren. Und erst zurück auf sicherem Terrain in einer dunklen Kammer offenbart sich dem Chemiker die Persönlichkeit des Bildes.

In meiner eigenen dunklen Kammer, auf dem Dachboden meines Opas, auf dem ich die Kiste finde, staune ich über Coopers Strenge. Er mag jetzt Fotos auf Kunststoff produzieren, aber dennoch arbeitet er mit der Besonnenheit, die einst das Glas verlangte. Das ist das Gegenteil der digitalen Fotografie im iPhone-Zeitalter mit ihren Schnellschüssen und 50.000 Fotos auf einer Kamerarolle. Heutzutage fotografieren wir die Motive kaum noch bewusst.

Die klassische Fotofrage »ist das interessant?« wird nicht mehr gestellt, sondern eher die Frage »ist das teilbar?«. Heute sehen wir das Leben durch einen Bildschirm, tippen mit einem Finger auf die Oberfläche und vertrauen anschließend auf die Cloud.

Ich nehme weitere Glasplatten aus der Kiste und betrachte die Szenen und die Menschen, wie mein Opa es getan hätte, nachdem er die Fotos gemacht hat. Einige der Figuren erkenne ich, viele sind mir jedoch fremd. Ein Bild sieht aus wie Richters »Frau, die Treppe herabgehend“ (1965) – »Woman walking down the stairs«. Ich mache davon ein Foto mit meinem iPhone und schicke es an einen Freund.