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Kulturgeschichte der Treppe

Die Treppe ist fast so alt wie die Menschheit selbst: Sie hilft uns Höhen zu überwinden und in die Tiefe zu gehen. Von der Antike bis heute besitzt die Treppe darüberhinaus eine kulturelle Symbolkraft, die über ihre schlichte Funktion weit hinausreicht. Barbara Eichhammer führt euch im sisterMAG durch die Kulturgeschichte der Treppe.

Stairway to Heaven – Kulturgeschichte der Treppe

Die Treppe ist fast so alt wie die Menschheit selbst: Sie hilft uns Höhen zu überwinden und in die Tiefe zu gehen. Von der Antike bis heute besitzt die Treppe darüberhinaus eine kulturelle Symbolkraft, die über ihre schlichte Funktion weit hinausreicht. Sie gilt als religiöses Sinnbild, Statussymbol oder gar als Auslöser eines Internethypes – wie z.B. im Film »Joker« (2019). Ihre Bedeutung wandelte sich im Laufe der Jahrhunderte, Inwieweit, erzählt unsere kleine Kulturgeschichte der Treppe.

Frühzeit und Antike: Zwischen Himmel & Erde

Die Idee, Höhenunterschiede mit Stufen zu überwinden, reicht tatsächlich bereits in die Steinzeit zurück. Sogenannte Steigbäume, also Baumstämme mit eingeritzten Stufen, halfen den frühzeitlichen Menschen in die Höhe zu gehen. Als ästhetisches Gestaltungselement kamen Treppen erstmals nachweislich 10.000 vor Christus in Göbekli Tepe zum Einsatz, einem prähistorischen Fundort in der Türkei. Er ist für seine gestuften Tempeltürme berühmt. Diese sogenannten »Zikkurats« avancierten in der damaligen Zeit in Mesopotamien zur beliebten Bauform. Auch der biblische »Turmbau zu Babel« geht vermutlich nach heutiger Erkenntnis auf eine solche Architektur zurück. In den besagten Türmen gab es in der obersten Etage einen Tempel, der nur über eine steile Treppe erreichbar war.

Schon damals entwickelte sich die Treppe zum kulturellen Sinnbild der Verbindung zwischen Himmel und Erde, als räumlicher Zugang zum Transzendenten und zur Unendlichkeit. Die steilen und scheinbar in den Himmel ragenden Stufen der »Maya Pyramide« in Chichén Itzá (Mexico) zeugen seit tausenden Jahren von dieser Symbolkraft. Der wörtliche Gang nach oben gilt im metaphorischen Sinne als Aufstieg oder als Prozessionsweg. Auch soziale, wirtschaftliche und politische Rangunterschiede konnten mit Stufen sinnbildlich hervorgehoben werden.

Symbolkraft der Treppe

Die Treppe hatte nicht nur eine praktische Funktion. Sie wurde zum dynamischen Zeichensystem, dessen Bedeutung sich über die Zeit hinweg wandelte. Zum alltäglichen Stadtbild gehörten Treppen seit der Antike: Wegen ihrer Symbolkraft kamen sie hauptsächlich beim Bau von sakralen und repräsentativen Gebäuden zum Einsatz. Imposante antike Konstruktionen wie das »Theater von Delphi« oder das »Kolosseum« in Rom zeichneten sich architektonisch durch ihre zahlreichen Stufen aus. Treppen dienten allerdings nicht nur als Wege, sondern ebenso als praktische Sitzplätze für Zuschauer. Dieser populäre Aufbau findet sich übrigens bis heute in unseren Fußballstadien oder Konzertarenen wieder. Auch das Symbol der Treppe als Weg in den Himmel ist in unserer heutigen Populärkultur noch stark verankert, wie das Lied »Stairway to Heaven« von Led Zeppelin zeigt.

Das Mittelalter: Funktion

Im Mittelalter stand hauptsächlich der praktische Nutzen von Treppen im Vordergrund, nämlich Höhenunterschiede auszugleichen. Denn gerade bei den Kaufmannshäusern erfreuten sich mehrgeschossige Bauten immer größerer Beliebtheit, deren Lagerräume im Dachstuhl beherbergt waren. Die Treppe war unerlässlich für den Warentransport nach oben. Um den neuen Anforderungen zu entsprechen, wandelte sich auch die Form der Treppen. Gerade für runde Burgtürme erlebte etwa die Wendeltreppe im Mittelalter ihre Blütezeit. Sie vereinte mehrere nützliche Funktionen: Durch ihre geschwungene Konstruktion konnte sich Feuer im Treppenaufgang langsamer ausbreiten. Zudem sollte sie dem Burgherren im Nahkampf einen entscheidenden Vorteil verschaffen. Im Mittelalter waren nämlich alle Wendeltreppen im Uhrzeigersinn gedreht, so dass bei einer Flucht der von unten kommende Gegner mit seinem Schwert schlechter ausholen konnte als der Burgherr von oben.

Barock & Neuzeit: Repräsentation

Während das Mittelalter die Funktionalität der Treppe zu schätzen wusste, wurde im Barock die Symbolkraft der Treppe wieder bedeutsam: So kam sie als repräsentatives und dekoratives Element bei Schlössern und öffentlichen Gebäuden zum Einsatz. Sie visualisierte die gesellschaftliche Ordnung. Je üppiger und prunkvoller die Treppe, desto höher der Stand des Besitzers. Ein Regent stellte beispielsweise gerne auf der Treppe seine Macht zur Schau. Eindrucksvolles Beispiel ist die von Balthasar Neumann entworfene dreiläufige Treppenanlage in der »Residenz Würzburg«. Für eindrucksvollen Prunk sorgte Giovanni Battista Tiepolo, der das Gewölbe über der Treppe 1753 mit dem größten Deckenfresko ausschmückte, das jemals gemalt wurde. Für das Bürgertum und die Kaufmänner wurde die Treppe ab dem 17. Jahrhundert zum ökonomischen Statussymbol: Holland führte etwa zu der Zeit eine Treppensteuer ein, die – je nach Anzahl der Stufen – für Treppen vor der Eingangstür abgeführt werden musste. Wohlhabende Kaufleute bauten sich daher Häuser mit extra hohen Eingangstreppen oder doppelten Treppenaufgängen, um ihren Reichtum offen zu demonstrieren. Die Treppe wurde so zum Ort der Selbstinszenierung der wohlhabenden Schichten. »Demonstrativen Konsum« nannte der US-amerikanische Soziologe Thorstein Veblen dieses Phänomen, das beschreibt, wie Menschen in Relation zu ihren Besitztümern definiert werden und sich selbst darüber imaginieren. An den Bürgerhäusern in Amsterdam sind diese sogenannten Renommiertreppen heute noch zu sehen.

Wie die scheinbar simple Erfindung der Treppe über die Jahrhunderte hinweg den neuen Anforderungen der Zeit angepasst wurde, zeigt sich an den Treppen des 20. Jahrhunderts. Radikal innovativ ist das »Guggenheim Museum« in New York von Frank Lloyd Wright: Anstelle von Etagen windet sich eine große Spirale nach oben. Regelrecht außergewöhnlich wirkt die Konstruktion in Form einer Rotunde. Mit einem Augenzwinkern wird das Museum deshalb auch zur popkulturellen Filmkulisse: Sein »Auftritt« in der Fantasykomödie »Men in Black« setzt die spiralförmige Konstruktion als nahezu außerirdisch in Szene. (Link: https://www.youtube.com/watch?v=icErgB_ZmFM).

Inszenierung im Film

In der Tat beflügelte die Symbolkraft der Treppe Filmschaffende schon seit der Entstehung des Kinos. Eine der berühmtesten Szenen der Filmgeschichte spielt bezeichnenderweise auf einer Treppe. In Sergej Eisensteins »Panzerkreuzer Potemkin« (1925) rollt unter Gewehrschüssen ein Kinderwagen mit einem Baby die Freitreppe von Odessa hinunter, während die Menschenmenge panisch vor den Soldaten flieht (Link https://vimeo.com/146153280 ). Die Brutalität sinnloser Gewalt wurde selten so bildgewaltig in Szene gesetzt: Bilder des Chaos mit mordenden Soldaten und blutenden Gesichtern werden in schnellem Tempo aneinander montiert. Die Treppe zeigt sich hier als Schauplatz der Gewalt und symbolisiert wirkmächtig den Abstieg in den Tod. Im Film wird die Treppe auch oft zum Ort der Begegnung stilisiert. So treffen sich Kate und Jack in »Titanic« (1998) auf der imposanten Eingangstreppe des Speisesaals. Dort verweist sie als Statussymbol auf den großen Klassenunterschied zwischen den beiden Schiffspassagieren. Außerdem versinnbildlichen Treppen im Kino oft die Psyche der Figuren. Der Größenwahn von Charles Foster Kanes in »Citizen Kane« (1942) spiegelt sich beispielsweise an der überdimensionierten, in nahen Aufnahmen eingefangenen Treppe im Eingangsbereich wider. Bei Alfred Hitchcock veranschaulicht die Treppe in »Vertigo« (1958) gar das titelgebende Schwindelgefühl.

Der Film »Joker« (2019) und die Bronx-Treppe

Für besondere Furore sorgt die Treppe derzeit in der aktuellen Verfilmung »Joker« (2019): In nur vier Wochen ist sie in New York zum Pilgerort und weltweiten Kultobjekt avanciert. Auslöser war eine Filmszene: Darin tanzt Hauptfigur Arthur Fleck (Joaquin Phoenix) in kompletter Joker-Montur die 131 Stufen mit schalkhafter Ästhetik hinunter und zelebriert dabei seine Transformation zum Joker (Link zur Szene im offiziellen Trailer:https://www.youtube.com/watch?v=k1z-45O-ZHQ). Die Treppe versinnbildlicht auch hier die Psyche des Protagonisten: Sie beschreibt seinen Weg als Außenseiter, als das Andere der bürgerlichen Gesellschaft, der seine Randstellung mit Gewalt zu kompensieren versucht. Die Treppe mag hier auch seinen persönlichen Abstieg in die Unterwelt des Verbrechens symbolisieren, seinen Weg zum wahnsinnigen Killer. Inszeniert wird er dabei getreu seinem Namen Joker als Spaßmacher zwischen tragischem Helden und komödiantischem Schelm. Die Szene fand weltweit Tausende von begeisterten Nachahmern. Auf Instagram & Co posten seit der Premiere Fans ihre eigenen Tanzeinlagen auf der steilen Treppe in der New Yorker Bronx und posieren auf den Stufen unter dem Hashtag #jokerstairs (»Joker Stufen«). Sogar bei Google Maps findet sich die Treppe inzwischen unter dem Suchbegriff »Joker Stairs«.