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Das Jahr 1915

Was passiert in jenem Jahr, in denen unser Titelkunstwerk »Der Friseursalon« entstanden ist? Was sind wichtige Neuigkeiten, was beschäftigt die Menschen in ihrem Alltag? In der Serie »Das Jahr X« beantworten wir diese Fragen und füllen die Jahreszahl 1915 mit Leben. Dafür schauen wir uns verschiedene Bereiche an: Politik und Geschichte ebenso wie Kunst, Meteorologie und die öffentliche Sphäre.

In dieser Ausgabe stellt euch Elisabeth Stursberg das Jahr 1915 im sisterMAG vor.

Das Jahr 1915

Das Jahr der Entstehung unseres Gemäldes

Öffentlichkeit & Konsum I

In Island ist seit dem 1. Januar 1915 der Verkauf von Alkohol offiziell verboten. Dass die Isländer selbst acht Jahre zuvor in einem Referendum dafür gestimmt haben (ihr allererstes überhaupt), muss vor dem Hintergrund einer europaweiten Abstinenzbewegung gesehen werden, die zwar erstarkt, aber eine gewisse Inkonsequenz in sich trägt: Alkohol, hochprozentiger ebenso wie Bier, bleibt überaus beliebt, was Schwarzbrennerei und einen schwungvollen Schwarzhandel samt der gelegentlichen Verschreibung von Alkohol durch Ärzte zur Folge hat. Die isländische Prohibition ist also von Beginn an herausfordernd, auch weil sie zu Handelskonflikten beispielsweise mit Spanien führt. Dennoch dauert es Jahrzehnte, bis ab dem 1. März 1989 Bier offiziell wieder erlaubt ist.

Darstellende Kunst

Während in Russland beziehungsweise Europa die künstlerische Avantgarde-Bewegung auch das Theater erfasst, gewinnt in Japan Takarazuka rasant an Fans. Anders als das traditionelle Kabuki-Theater orientiert sich die musikalische Revue an westlichen Stücken, die für das japanische Publikum adaptiert werden, und mutet märchenhaft an. Dabei sind die Ursprünge profan: Ein Eisenbahn- und Kaufhausunternehmer hatte das Theater gegründet, um mehr Fahrgäste für seine Bahnlinie Osaka-Umeda – Takarazuka zu gewinnen. Ein planvoll prächtiges Ambiente empfängt seither an der Endstation die Ankommenden, die auf einer Allee in Richtung des Theaterhauses flanieren. Die legendär strenge Auswahl und Ausbildung der ausschließlich weiblichen Darstellerinnen, die geschickte Vermarktung und eine engagierte, überwiegend weibliche Fanbase machen Takarazuka zu einem spannenden Lehrstück in Traditionsschöpfung.

Geschichte & Politik I

22 April 1915, Belgien: Die Deutschen setzen in der Nähe der flämischen Stadt Ypern erstmals Giftgas ein. Dabei ist Belgien im Ersten Weltkrieg eigentlich neutral, was das DeutscheKaiserreich aber nicht davon abgehalten hatte, das Nachbarland buchstäblich zu überrennen. Der renommierte Chemiker Fritz Haber überwacht persönlich die Vorbereitungen des Einsatzes, der aus Sicht der Deutschen erfolgreich verläuft. Flandern bleibt während des Krieges ein Schauplatz zahlreicher Kämpfe und Städte wie Ypern werden später zu bedeutenden Erinnerungsorten, wenngleich sie wegen zahlreicher Blindgänger noch heute mit den Folgen des Grauens zu kämpfen haben.

Öffentlichkeit & Konsum II

Der Krieg bringt akute Nahrungsmittelknappheit. Während Lebensmittel sämtlich staatlich rationiert werden, ist die Lage in ländlichen Regionen mit Landwirtschaft tendenziell besser. Ein schwungvoller Schleich- und Schwarzhandel entsteht, von dem die Bauern profitieren. Dass die Oberschicht sowie Reisende (überraschenderweise nimmt der Fremdenverkehr ab 1915 wieder zu) eine deutlich bessere Versorgung genießen, sorgt bei einem Großteil der Bevölkerung für großen Unmut. Noch wissen die Menschen nicht, dass ihnen ein Hungerwinter bevorsteht (1916/17), doch die Prognosen sind schon düster. Die Empfehlung in sogenannten Kriegskochbüchern, man solle zum Kochen doch Lebensmittel wie Butter oder Sardellen verwenden, wirkt wie ein Hohn. Für viele wird das Stehlen von Kohlen oder Lebensmitteln zur Notwendigkeit, um nicht zu verhungern.

Wirtschaft & Internationale Beziehungen

Dabei nimmt der internationale Handel an Fahrt auf. Im Vergleich zu 1913 importieren mittel- und südamerikanische Staaten deutlich weniger Produkte aus Großbritannien und Frankreich, wovon die USA profitieren. Effektiv entwickeln sich Staaten wie Argentinien, Peru, Uruguay und Chile zu Exportnationen, deren Handelsbeziehungen zu den europäischen Ländern allerdings starken Schwankungen unterliegen. Kuba, zum Beispiel, das vor allem Zucker exportiert, verdoppelt zwischen 1913 und 1915 seine Ausfuhr nach Großbritannien, während sich die nach Frankreich halbiert. Auch die Exporte in die USA (von wo übrigens über 80 Prozent der Importe kommen) steigen, sie umfassen nun ein Volumen von 200 Millionen Dollar. Die Weltzuckerpreise sind noch nicht eingebrochen.

Reisen

Meran, die blühende Oase Südtirols, ist ein beliebtes Reiseziel für Erholungssuchende. Als Italien Österreich-Ungarn den Krieg erklärt, liegt die Stadt auf einmal im Frontgebiet und die Kriegsparteien verlieren keine Zeit mit dem Bau kriegswichtiger Infrastruktur. Damit ist der traditionelle Kurort beispielhaft für die sich verändernde Reisesituation in Europa, und wie andere Gegenden leidet Südtirol unter der Frontlage. Die entstehenden Passstraßen, Bahntrassen und Gipfelsteige jedoch sollten den Krieg weit überdauern.

Geschichte & Politik II

Die russische Hauptstadt St. Petersburg, von Zar Peter I. im 18. Jahrhundert nach deutschem Vorbild erbaut, heißt seit August des Vorjahres »Petrograd«. Die Umbenennung, ein Akt nationalistischer Selbstversicherung, soll verdeutlichen wie sehr deutsche Einflüsse nicht mehr erwünscht sind, seit das Deutsche Kaiserreich Russland den Krieg erklärt hat. Mit ihren wechselnden Namen bleibt die Zarenstadt ein Indikator für die politische Situation in Russland: Von 1924 bis 1991 heißt sie »Leningrad« und erhält erst nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion ihren ursprünglichen Namen zurück.

Biografien

  1. August, Stockholm: Ingrid Bergman wird geboren.

Politik & Gesellschaft

Die Situation deutscher Immigranten in den USA – sogenannter »Deutsch-Amerikaner« – wird schwieriger, als der Erste Weltkrieg andauert; Stichwort: »Hyphenated Americans«. Auf diesen Begriff bezieht sich Präsident Roosevelt in einer Rede am 12. Oktober, als er betont: »Ein guter Amerikaner ist Amerikaner und sonst nichts. (…) Wir haben nur Platz für eine Flagge und das ist die amerikanische Flagge.« [Link 1]

Forschung & Wissenschaft

Am 25. November stellt in Berlin in der Preußischen Akademie der Wissenschaften Albert Einstein die Allgemeine Relativitätstheorie vor. Er präsentiert sie knapp, in wenigen mathematischen Formeln – die zu entwickeln ihn Jahre gekostet hat. Obwohl seine Theorie Isaac Newtons Gravitationsgesetz, eine Grundfeste der klassischen Physik, widerspricht und von der Mehrheit seiner Physikerkollegen verhalten aufgenommen wird, weiß Einstein: Er hat recht mit seiner Theorie. Jetzt muss sie nur noch bewiesen werden.

Wollt Ihr noch mehr über die Entstehungsjahre unserer 2019 Kunstwerke erfahren? Dann schaut doch auch mal z.B. in das Jahr 1919 unserer Bauhaus-Ausgabe sisterMAG No. 52 oder in das Jahr 1880 von sisterMAG No. 46.