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Das Jahr 1919 – Als das Bauhaus gegründet wurde

Was passiert in jenen Jahren, in denen das Bauhaus gegründet wird? Was sind wichtige Neuigkeiten, was beschäftigt die Menschen in ihrem Alltag? In der Serie »Das Jahr X« beantworten wir diese Fragen und füllen die Jahreszahl mit Leben. Dafür schauen wir uns verschiedene Bereiche an: Politik und Geschichte ebenso wie Kunst, Meteorologie und die öffentliche Sphäre. Elisabeth Stursberg rekonstruiert im sisterMAG den historischen Kontext der Gründung und zeigt die kleinen und großen Zusammenhänge auf.

Das Jahr 1919

Als das Bauhaus gegründet wurde

Was passiert in jenen Jahren, in denen das Bauhaus gegründet wird? Was sind wichtige Neuigkeiten, was beschäftigt die Menschen in ihrem Alltag? In der Serie »Das Jahr X« beantworten wir diese Fragen und füllen die Jahreszahl mit Leben. Dafür schauen wir uns verschiedene Bereiche an: Politik und Geschichte ebenso wie Kunst, Meteorologie und die öffentliche Sphäre.

In dieser Ausgabe: Das Jahr 1919.

Öffentlichkeit & Stadtleben

Die New Yorker Hotelszene floriert. Am 25. Januar öffnet in Midtown das Hotel Pennsylvania seine Türen, ein riesenhafter Komplex und mit rund 2200 Zimmern das größte Hotel der Welt. Pro Nacht kostet ein Zimmer $2.50. Eisenbahngesellschaften entdecken das Hotelgewerbe als natürliche Erweiterung ihrer Services und Pennsylvania Railroad (die Gründerin des Hotel Pennsylvania) und New York Central Railroad (eine 1853 gegründete Gesellschaft, die Verbindungen nach Chicago und Boston unterhält) scheinen sich einen Wettbewerb zu liefern, denn im selben Jahr eröffnet letztere in direkter Nachbarschaft zum Grand Central Terminal das Commodore, mit rund 2000 Zimmern nur unwesentlich kleiner und mit Bädern auf jedem Zimmer sowie fließendem Eiswasser modern ausgestattet.

Kunst & Gesellschaft

Am 12. April wird in Weimar Walter Gropius zum ersten Direktor eines wenige Tage zuvor gegründeten Kunstinstituts ernannt: Das »Staatliche Bauhaus in Weimar« hat sich nicht weniger als die Revolution der Architektur und der Welt des Designs zum Ziel gesetzt. Obwohl mit dem Jugendstil die Moderne in vielen Wohnzimmern bereits angekommen ist, steht das »weniger ist mehr« des Bauhaus für einen Umbruch, denn die typische Einrichtung im Jahr 1919 ist behaglich: Stühle und Sofas sind gepolstert, die Vorhänge schwer, die Linien geschwungen. An den Wänden hängen gerahmte Landschaftsansichten. Das Ambiente ist dominiert von dunklem Holz, dessen Maserung auf den großen, polierten Oberflächen schön zur Geltung kommt.

Geschichte & Politik I

Nach dem Ende des Krieges sind die Zeiten in Deutschland unruhig. Insbesondere in Berlin halten gewalttätige Auseinandersetzungen zwischen Kommunisten und Freikorps (den sich im Laufe des Frühjahrs auch ehemalige Frontsoldaten anschließen) die Öffentlichkeit in Atem. Währenddessen wird der Versailler Friedensvertrag ausgehandelt; einen Entwurf bezeichnet der Berliner Lokal-Anzeiger am 8. Mai als »Gewaltfrieden«. Die angekündigten Bedingungen werden in Deutschland als niederschmetternd empfunden.

In Asien

Der Versailler Vertrag hat Konsequenzen nicht nur für die europäischen Länder, sondern weltweit. In China, eigentlich ein Gewinner des Kriegs, gibt es Anfang Mai Proteste, als bekannt wird, dass das Pachtgebiet Kiautschou (ehemals deutsches Kolonialgebiet) an Japan fallen soll. Das wollen die Alliierten. Der empfundene Verrat erweist sich als folgenreich, denn China misstraut von nun an dem Westen (bis heute), und die später alleinherrschende Kommunistische Partei wird die sich aus den Studentenprotesten entwickelnde »Bewegung des Vierten Mai« als einen Ursprungsmoment ihrer Gründung bezeichnen.

Politik & Wirtschaft

John Maynard Keynes vertritt bei den Verhandlungen über den Versailler Vertrag als Delegationsführer das britische Schatzamt. Dass er zu einem der bedeutendsten Ökonomen des 20. Jahrhunderts aufsteigen wird, weiß zu diesem Zeitpunkt noch niemand. Er ist unzufrieden mit den Vorschlägen, befürchtet, dass zu hohe Reparationsforderungen an Deutschland eine weltweite Finanzkrise auslösen könnten. Weil seine Warnungen nicht gehört werden, tritt Keynes am 11. Juni aus Protest zurück.

Geschichte & Politik II

Am 28. Juni wird der Versailler Vertrag gegen alle Widerstände unterzeichnet.

Politik & Gesellschaft

Suffragetten, Debatten, Reformen: Das Frauenwahlrecht ist ein weiteres Thema, das 1919 die Gemüter bewegt. Als erstes Land hat Neuseeland schon 1893 das passive Frauenwahlrecht eingeführt, erst jetzt aber dürfen Frauen auch selbst zur Wahl antreten. Länder rund um den Globus haben mittlerweile aufgeschlossen, in Europa zuerst Finnland (1906). In Italien dauert es noch bis 1946; die Schweiz führt das Frauenwahlrecht überhaupt erst im Jahr 1971 ein.

 

Biografien I

Am 20. Juli wird in Auckland, Neuseeland, Edmund Hillary geboren. Bereits als Kind ist er in den Alpen auf der Südinsel unterwegs. Er studiert eine Weile, arbeitet als Imker, doch es ist sein Hobby – seine Leidenschaft trifft es vielleicht besser – die ihn weltberühmt macht, denn im Alter von 33 Jahren, am 29. Mai 1953, erklimmt Hillary zusammen mit dem nepalesischen Sherpa Tenzing Norgay zum ersten Mal (nachweislich) den Mount Everest. Die frohe Nachricht erreicht Großbritannien am 2. Juni (die Expedition war eine von mehreren unter britischer Leitung), wo am selben Tag Königin Elisabeth II. den Thron besteigt.

Forschung & Wissenschaft I

»Lichter am Himmel alle schief« titelt die New York Times am 10. November. Der enthusiastische Bericht bezieht sich auf eine bahnbrechende Entdeckung des britischen Astrophysikers Arthur Stanley Eddington: Ende Mai hatte dieser im Rahmen einer Karibik-Expedition die Verschiebung von Sternen rund um die Sonne während einer totalen Sonnenfinsternis gemessen. Das Ziel, die Ablenkung des Sternenlichts genau zu bestimmen, war erreicht worden, das Experiment geglückt und die Allgemeine Relativitätstheorie, von Einstein vier Jahre zuvor in einem dreiseitigen Aufsatz formuliert: bewiesen.

Biografien II

Im südfranzösischen Cagnes-sur-Mer stirbt am 3. Dezember der Maler Pierre-August Renoir. Er hinterlässt ein umfangreiches Oeuvre. Seine charakteristischen Motive atmen den Geist der Belle Époque: Lebhafte Darstellungen gesellschaftlicher Anlässe, Tänzerinnen, Kleider, Porträts von Kollegen (Monet, Manet und andere) und anderen Zeitgenossen (Richard Wagner). Obwohl sich die Stimmung im frühen 20. Jahrhundert infolge des Krieges drastisch geändert hat, behält Renoir das Heitere seiner Malerei auch in seiner nachimpressionistischen Phase bei, wenngleich seine Formen nun klarer, schärfer umrissen sind

Forschung & Wissenschaft II

Für den Ruhm Albert Einsteins ist es eine Sache, dass Eddingtons Beweis für die Relativitätstheorie jahrhundertealte Grundsätze der Astrophysik widerlegt und das menschliche Verständnis des Universums revolutioniert. Es ist eine andere, dass populäre Zeitungen als das Massenmedium jener Zeit es verstehen, ein derart komplexes Thema herunterzubrechen und die Öffentlichkeit mit unterhaltsamer Berichterstattung dafür zu begeistern. Nach anfänglicher Verhaltenheit tun deutsche Zeitungen es der New York Times nach, am 14. Dezember lobt die Berliner Illustrirte Zeitung eine »neue Größe der Weltgeschichte: Albert Einstein, dessen Forschungen eine völlige Umwälzung unserer Naturbetrachtung bedeuten und den Erkenntnissen eines Kopernikus, Kepler und Newton gleichwertig sind.« Dazu ein Foto – und fertig ist einer der ersten Popstars der Wissenschaft.

Wollt Ihr noch mehr über die Entstehungsjahre unserer 2019 Kunstwerke erfahren? Dann schaut doch auch mal z.B. in das Jahr 1963 von sisterMAG No. 51 oder das Jahr 1642 von sisterMAG No. 47.