Follow my blog with Bloglovin

Wonder Woman & Co – Superheldinnen im Comic

Superheldinnen im Comic kämpfen seit bald 80 Jahren in einer Männerdomäne gegen das Böse – manchmal als Sexobjekt, manchmal als Kultfigur des Feminismus. Wie Wonder Woman & Co. für Empowerment stehen, zeigt euch Autorin Barbara Eichhammer in diesem kleinen historischen Überblick im sisterMAG No. 51.

Wonder Woman & Co – Superheldinnen im Comic

Das goldene Zeitalter der Comics

Die 1930er & 1940er 

Feministische Kultfigur oder Sexobjekt? Superheldinnen im Comic kämpfen seit bald 80 Jahren in einer Männerdomäne gegen das Böse. Sie fordern traditionelle Geschlechterrollen heraus, werden jedoch selbst bisweilen zum Blickobjekt degradiert. Wie Wonder Woman & Co dennoch für Empowerment und weibliche Utopie stehen, zeigen wir euch in diesem historischen Überblick.

Der kostümierte Superheld war in seiner Anfangszeit typischerweise weiß, männlich, heterosexuell, jung und aus der US-amerikanischen Mittel- und Oberschicht. Seine kulturelle Geburtsstunde feierte er im Juni 1938 mit Superman, der als erster Superheld das sogenannte »GOLDENE ZEITALTER DER COMICS« anbrechen ließ: In kürzester Zeit wurde das Comicheft zur populären Kunstform, dessen Leserschaft sich als eine Art exklusive Subkultur verstand. Schon bald erfanden verschiedene Verlage ihre eigenen Superhelden: Allein zwischen 1939 und 1941 entstanden die Geschichten um BATMAN, AQUAMAN, GREEN LANTERN, GREEN ARROW oder CAPTAIN AMERICA. Genau zu einer Zeit, als die Welt Superhelden wirklich brauchte. Amerikas Eintritt in den Zweiten Weltkrieg 1941 wirkte wie ein Katalysator für die Comic-Handlungen. Das Private wurde sogleich politisch. So kämpften die Superhelden gegen die neuen ideologischen Feinde und repräsentierten eine super-patriotische Weltsicht (bestes Beispiel: Captain America). Superhelden waren zunächst ein genuin amerikanisches Phänomen, das die nationalen Werte wie Freiheit, Unabhängigkeit und Demokratie im Kampf gegen die Achsenmächte verkörperte. Die Erzählwelt entwickelte sich entlang binärer Oppositionen wie Gut vs. Böse, West vs. Ost oder später auch (während des Kalten Krieges) Demokratie vs. Kommunismus.

Die Heroen der Moderne

Die Ursprünge solch einer Heldenverehrung liegen weit zurück: Die Superhelden-Narrative weisen viele Parallelen zu den Mythen der frühesten Religionen auf. Antike Heroen wie HERKULES, ACHILLES oder ODYSSEUS kämpften bereits vor dreitausend Jahren mit übermenschlichen Kräften, wobei sie politische, soziale, geschlechtsspezifische und kulturelle Grenzen überwinden konnten. Einige der heutigen Comic-Superhelden verweisen sogar direkt auf solch mythische Sagenwelten, wie etwa Marvels Thor. Zwar hat sich die Erzählgestalt von der Antike bis in die Gegenwart stetig gewandelt, doch zeigen kulturwissenschaftliche Untersuchungen, dass all den Heldengeschichten eine archetypische Grundstruktur zugrunde liegt, die zeitlich und kulturell unabhängig ist. So hat der Kulturanthropologe JOSEPH CAMPBELL in seiner berühmt gewordenen Studie DER HEROS IN TAUSEND GESTALTEN (1949) universelle Erzählmuster entdeckt, die sich in allen Mythologien der Welt nachweisen ließen. Die Taten des heldenhaften Protagonisten finden dabei auf einer sogenannten Heldenreise statt, die auch in den Erzählungen von JESUS, PROMETHEUS, BUDDHA oder MOSES wiederkehren. Campbells Theorie der Heldenreise entwickelte sich übrigens selbst zur beliebten Grundlage für moderne Narrative. So diente sie beispielsweise George Lucas als Vorlage für sein Leinwandepos STAR WARS, aber auch Blockbuster wie MATRIX oder PRETTY WOMAN greifen auf das Motiv zurück.

Wonder Woman & die 1940er

»Wonder Woman symbolisiert viele der Werte einer Kultur von Frauen, die Feministinnen nun in den Mainstream bringen möchten. Stärke und Selbstständigkeit; Schwesternschaft und Gegenseitige Unterstützung unter Frauen. Wertschätzung menschlichen Lebens uns eine Verminderung von ‚maskuliner‘ Aggression als auch den Glauben, dass Gewalt die einzige Lösung für Konflikte ist.«
– Gloria Steinem, Feministin

Männlich, weiß und jung: Der kostümierte Superheld folgte in den 40er Jahren oftmals narrativen Klischees – bis auf eine Ausnahme: WONDER WOMAN! Die allererste weibliche Superheldin hatte ihre Comic-Premiere 1941. Ihr Erfinder war der Psychologe und Feminist WILLIAM MOULTON MARSTON, der die starke, selbstbewusste Frauengestalt als Vorbild für weibliche Generationen erschuf. Schon durch ihren Stammbaum wird sie zur mythischen, feministischen Figur: WONDER WOMAN ist die Tochter von HIPPOLYTE, der Königin von Amazonien, einer alten griechischen Nation ohne Männer, die seit Jahrhunderten von Frauen regiert wird. Ihre Insel wird zur Utopie weiblichen Zusammenlebens stilisiert. Mit der bürgerlichen Geheimidentität DIANA PRINCE kommt sie 1941 in die USA, um gegen die Nazis für Frieden, Gerechtigkeit und Frauenrechte zu kämpfen. Gegen biedere Frauenrollen rebellierte sie mit Nacktheit und Stärke.

Amazone – New Woman

Die Figur wurde damals kontrovers diskutiert, weil schon 1910 Begriffe wie »AMAZONE« oder »NEW WOMAN« für Frauen verwendet wurden, die sozialen Normen trotzten, ihr Zuhause verließen oder das College besuchten. Wonder Woman repräsentierte damit auch immer die unkonventionellen, emanzipierten Frauen der Kriegszeit. Geradezu subversiv forderte sie traditionelle Geschlechterrollen und Vorstellungen von Weiblichkeit heraus. Ihre Superkräfte sind dabei übermenschliche Stärke, Schnelligkeit und (seit 1960) Fliegen. Magisch ist auch ihre Ausrüstung: Sie trägt ein goldenes Lasso, das jeden bei Berührung zwingt, die Wahrheit zu sagen. Und ihre Handgelenke zieren silberne Armbänder, mit denen sie Kugeln abwehren kann. Allerdings kann WONDER WOMAN auch männlicher Macht unterlegen sein. So verliert sie ihre Kräfte, wenn ein Mann sie in Ketten fesselt. Weitere Schwäche: Ihre ikonographische Repräsentation erinnert an die eines Pin-Up-Girls in den Farben der Nationalflagge. Eine goldene Tiara, ein enganliegendes rotes Bustier, blaue Unterhosen und kniehohe rote Lederstiefel machten sie mit ihren teils überzeichneten weiblichen Rundungen zum Objekt eines lustvollen männlichen Blickes. Wonder Woman lebt so von ihrer populärkulturellen Ambivalenz: liberal-feministische Ikone einerseits und Sexobjekt andererseits.

Das silberne Zeitalter: 1950 bis 1970

Nach dem Tod ihres liberalen Schöpfers William Marston im Jahr 1947 flaute Wonder Womans feministische Haltung ab. Zudem sank in der Nachkriegszeit das Interesse an Superhelden. Um ihre Absatzzahlen zu sichern, setzten Comic-Verlage vermehrt auf Romantik und Konservatives. Auslöser hierfür waren die öffentlichen Proteste gegen Comichefte, die mit ihren Darstellungen von Sex, Gewalt und Straftaten aus Sicht der Kritiker den moralischen Verfall der Jugend bewirkten. So entstand der »COMICS CODE« von 1954, eine Liste von Regeln, die die Selbstzensur von Comicheften vorschrieb. Emanzipation gehörte für Wonder Woman damit der Vergangenheit an: Während sie in einem Heft von 1943 noch die Wahl als Präsidentin gewann, nahm sie in den 1950ER-Jahren Jobs als Babysitterin und Model an. Erst mit der zweiten Frauenrechtsbewegung in den 60er und 70er Jahren wurde Wonder Woman als feministische Ikone wiederentdeckt. So zeigte die bekannte Feministin GLORIA STEINEM Wonder Woman auf dem allerersten Titelblatt ihrer Zeitschrift »MS. MAGAZINE«.

Ab den 1970ern wurden in den Comics verstärkt weitere Superheldinnen wie SUPERGIRL, BAT-GIRL, ARROWETTE, BATWOMAN oder MISS MARVEL erfunden. Allerdings kam ihnen nur eine Nebenrolle zu. Einzig als Helferinnen durften sie ihren männlichen Kollegen zur Seite stehen. So super wurden die Heldinnen also gar nicht dargestellt, lauteten die berechtigten Einwände. Der Hauptkritikpunkt: Die Superheldinnen (außer vielleicht WONDER WOMAN) waren ihren männlichen Kollegen kräftemäßig meist unterlegen. Ihre Superkräfte transportierten vielmehr stereotype Genderrollen. Während die männlichen Superkräfte überwiegend physischer Natur waren, setzten Superheldinnen oft passive, psychische Kräfte ein, die indirekt wirkten und unsichtbar blieben, wie Formwandlung (MYSTIQUE), Wetterkontrolle (STORM), die Absorption von Gedanken und Erinnerungen (ROGUE) oder Telepathie/Telekinese (PHOENIX). Dieses Ungleichgewicht zeigte sich auch in den Kinosälen: Bis die erste Superheldin die große Leinwand in einer Hauptrolle erobern durfte, sollten nochmal fast 20 Jahre vergehen…

Superheldinnen heute – Wonder Woman

2017 durfte Wonder Woman endlich auch im Kino kämpfen, was einer Sensation im konservativen HOLLYWOOD gleichkam. Schließlich ist der Film der erste Kassenschlager mit einer Superheldin als Protagonistin und zugleich der erste Blockbuster einer weiblichen Regisseurin. Bei CATWOMAN (2004) und ELEKTRA (2005) erwiesen sich Comicverfilmungen mit weiblichen Hauptrollen noch als komplettes Kassengift. Während die Zahl männlicher Superheldenfilme ab 2000 rasant stieg, ließ Hollywood aus Angst vor einem Flop lieber die Finger von einer Titelheldin. Bis PATTY JENKINS kam. Mit ihrem Kinofilm Wonder Woman wendete sich die Regisseurin dem Ursprungsmythos der Superheldin zu. Sie entwickelt die Figur dabei als gerechte Kriegerin und verlegt die Handlung in die Zeit des Ersten Weltkriegs. Wonder Woman thematisiert damit die Schrecken des allerersten mechanisierten Krieges. Der Film mit GAL GADOT in der Hauptrolle avancierte innerhalb weniger Tage zum Kassenhit: Am Startwochenende spielte der Film allein in den USA über 100 Millionen Dollar ein. Damit hat WONDER WOMAN sogar Blockbuster wie THOR, CAPTAIN AMERICA und DOCTOR STRANGE geschlagen. Und sich auch finanziell in der Männerwelt behauptet.

Die Heroen der Captain Marvel

[REGIE: RYAN FLECK, ANNA BODEN; 2019]

2019 schaffte es die erste Superheldin aus dem Marvel-Universum in einer Hauptrolle auf die große Leinwand: CAPTAIN MARVEL. Als ehemalige Kampfjet-Pilotin verfügt CAROL DANVERS (Brie Larson) seit einer Explosion über kosmische Superkräfte. Der Film ist zugleich effektvolles Spektakel und Spiegel der sich wandelnden Gesellschaft: Längst ist Captain Marvel keine reine Nebendarstellerin mehr oder wird als Pin-Up-Girl inszeniert. Auch ihr Name hat sich vom mädchenhaften »MISS MARVEL« zu »CAPTAIN MARVEL« geändert. Mit ihrer übermenschlichen Physis und auch mentalen Kraft erschafft sie ein starkes, selbstbewusstes Frauenbild in Zeiten von #METOO. Weibliche Superhelden stellen trotz ihrer Ambivalenz unsere Auffassungen von stereotypen Geschlechterrollen auf kämpferische Weise in Frage. Sie fordern mit ihren Darstellungen von Stärke und Kampfeslust auch unser Verständnis von Männlichkeit und Weiblichkeit heraus. Sie lassen Grenzen verschwimmen und überwinden soziale Normen. Und sie verleihen aktuellen Debatten um #METOO, »FEMALE EMPOWERMENT« und Postfeminismus in Hollywood ein Gesicht: Superheldinnen haben seit 2017 unbestritten Konjunktur auf der Leinwand, und starke Weiblichkeit scheint dank des Zeitgeistes endlich kein Kassengift mehr zu sein. So dürfen wir uns 2020 auf eine Fortsetzung von WONDER WOMAN freuen!