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The Museum of Broken Relationships

Weil es in dieser sisterMAG Ausgabe um Roy Lichtensteins Liebespaar in »In The Car« geht, somit um Romantik und Aufregung, widmet sich der folgende Artikel den konträren Modi und Gefühlsseiten einer Beziehung – ihren Krisen, Trennungen und Herzschmerz. Damit: willkommen im Museum of Broken Relationships!

The Museum of Broken Relationships

Krisen, Trennungen, Herzschmerz

»Museen sind eigentlich langweilig«, so etwa denkt die Allgemeinheit, was sich leider auch in sinkenden Besucherzahlen alteingesessener Kunsthäuser widerspiegelt. Kunst ist ein elitären Sozialgruppen vorbehaltenes Bildungsgut, heißt es mancherorts. Nicht so im »Museum für zerbrochene Beziehungen«! In Zagreb erfährt der Besucher im hell erleuchteten Miniatur-Labyrinth, dass »Kunst« auch Alltägliches einschließt und wenn es um Themen wie Liebe geht, Kunst kollektive Kräfte entfalten kann. Dann betrifft sie uns alle.

Alles begann 2006 mit einem Plüschhasen, den die Künstler und Gründer Olinka Vištica und Dražen Grubišić zum ersten Exponat ihres Museums auserkoren. Der »Honey Bunny« ist zugleich Symbol ihrer Beziehung und Trennung. Den kleinen Hasen liess das ehemalige Liebespaar zum Grundstein ihrer Ausstellungen werden. Denn in ihm verkörpert sich die traumatische Frage: Wohin mit den uns allen bekannten Gegenständen einer Beziehung, die an die schöne gemeinsame Zeit, aber auch ihr trauriges Ende erinnern? Višticas und Grubišićs Antwort: in den musealen Kontext, in ein autonomes neues Zuhause zugunsten der kathartischen Ehrung einer gewesenen Liebesverbindung. Die Idee einer allumfassenden Anatomie der Liebe nahm somit ihren Lauf.

Ihre Ausstellungen widmeten sich fortan dem brillanten Einfall, solche materiellen Relikte und Erinnerungsstücke zu sammeln und in dieser Weise die Hintergrundgeschichten diverser Beziehungen in die Welt hinauszutragen. Ihnen geht es dabei um die Bereitstellung eines öffentlichen Raums mit breiter Präsenz, der Menschen durch gemeinsame (Nach-)Erfahrungen von Liebes- und Trennungsschmerz miteinander zu verbinden sucht.

Während Vištica und Grubišić anfangs im Freundkreis Objekte noch anfragen mussten, verselbstständigt sich die Sammlung mit jeder neuen Schau. Die beiden Kuratoren wurden nicht nur auf ihren Reisen fündig. Durch ihre öffentlichen Aufrufe werden sie von gespendeten Objekten nahezu überhäuft. Gebrochene Herzen, so scheint es, gibt es immer mehr.

Was zunächst als Wanderausstellung begann und sich in Zagreb 2011 zum dauerhaften Museum etablierte, wurde in den nächsten 12 Jahren im Format von Stadtausstellungen etwa in Berlin und Melbourne, Singapur und Mexico City fortgeführt. »Die Sammlung umfasst heute mehr als 2800 Objekte«, so Vištica und Grubišić, »und sie wächst […] täglich, seit jeder spenden kann, indem er ein Beitragsformular auf unserer Website ausfüllt und das Objekt an unsere Zagreber Adresse sendet.« Wer also ein gebrochenes Herz hat und einen Gegenstand besitzt, der das leidvolle Lebewohl immer wieder hervorholt und dadurch den Heilungsprozess verhindert, der kann dieses Überbleibsel an das Museum schicken und mit einer dazugehörigen Erklärung in Form einer anekdotischen Kurzgeschichte versehen. Damit ist ganz im demokratischen Sinne jedermann und jedem Objekt die Möglichkeit gegeben, kollektiver Teil einer »globalen Geschichte der Emotionen« zu werden. Welch schöne Vorstellung!

Wer sich nun fragt, was im Museum of Broken Relationships in Gedenken an vergangene Lieben archiviert und ausgestellt wird, der wandere durch ein sinnvoll komponiertes Ensemble aus ca. 90 intimen Objekten und ihren noch intimeren Geschichten. Das Themenspektrum, das die Gegenstände dabei aufgreifen, ist breit gefächert. Größtenteils geht es um Liebe zu einer Partnerin/einem Partner. Die Exponate repräsentieren aber auch einstige Freundschaften, vertrackte Familiengeschichten oder prekäre, verrückte Beziehungen, wie etwa zur Nahrung. Apropos verrückt: Zu den irrwitzigsten Relikten zählt das Museum eine Axt, die davon erzählt, wie eine Verlassene/ein Verlassener die Möbel ihrer/seiner Ex-Freundin zerstückelt hat, als diese nach heiligem Treueschwur die Beziehung wegen einer neuen Liebe abrupt beendet; eine Marienstatue aus Plastik, die – metaphorisch gesprochen – ein Casanova vor seinem „Ghosting“ all seinen neuen Liebschaften als Gabe hinterlässt, um heuchlerisch vorzugaukeln, dass er für eine neue Liebe gebetet hat; und einen ausgetrockneten Hautfetzen einer Schorfwunde – igitt! Dieser wurde von einer Person ganze 27 Jahre lang aufbewahrt, nachdem ein harmloser Motorradunfall ihres/seines damaligen Partners traumatische Verlustängste ausgelöst hatte. Auch die aktuellen Ausstellungsstücke in Zagreb stehen ihren Vorgängern in nichts nach: Da gibt es einerseits einen Kräutertee mit aphrodisierenden Wirkstoffen, der als Verführungselixier eingesetzt wurde. Bedauerlicherweise entpuppte sich die Wirkung des Tees weniger als sexuell stimulierend, sondern als narkotisch – ebenso wie die experimentierfreudige Person schlief auch die Beziehung ein. Zum anderen ist ein Paar rosa Gummihandschuhe als Symbol sklavenähnlicher Hausarbeit ausgestellt. Nach Eheschließung entpuppen sich die unter selbigem Dach lebenden Schwiegereltern als eine Unterdrückungs- und Kontrollmaschinerie, der ein freies und eigenständiges Leben zuwiderläuft. Der Auszug aus dieser »Gefangenschaft« und die Spende dieser Gummihandschuhe ans Museum ist dabei als symbolischer Befreiungsakt zu lesen.

Wessen Neugier nun geweckt ist, der hat die Möglichkeit, weitere Exponate im virtuellen Raum des Museums zu anzuschauen. Auf ihrer offiziellen Internetseite haben Vištica und Grubišić in Form eines weltumfassenden Kunstprojekts eine Auswahl zusammengestellt, in der man sich von Objekt zu Geschichte durchklicken kann (https://brokenships.com/explore).

Wie man sieht, stehen im Mittelpunkt des Museums authentische Relikte und aussagestarke Narrationen. »Diejenigen Objekte, die einen am meisten berühren«, so die beiden Künstler, »sind oft jene von Menschen, die einem persönlich einen Teil ihres Lebens anvertraut haben.« Die Herstellung von Nähe in einer von Anonymität gekennzeichneten Welt ist ihre Mission, die Stimulierung von (Mit-)Gefühl weist sich als essenzielle Triebraft ihres Unterfangens aus. »Jede Person«, so hoffen die Ausstellungsmacher, »wird auf etwas Bekanntes stoßen, auf etwas Überraschendes, auf etwas, das ein Lächeln, eine Träne oder eine kurze Auseinandersetzung hervorruft.« Das Museum der zerbrochenen Beziehungen arbeitet an einem kollektiven Genesungsprozess mit, dem jeder auf unterschiedliche Weise zu unterliegen scheint und fördert dadurch die Faszination für »den heiligsten und begehrtesten Teil der menschlichen Erfahrung – die Liebe.«

Es ist unschwer zu erkennen, dass der Besuch dieses Museums ein Erlebnis ist, weil es Emotionen auslöst und zeigt, wie sehr sich Menschen in Sachen Liebe und Verlust ähneln. Die Ausstellungen bieten Vištica und Grubišić zufolge »einen Erfahrungsaustausch, damit sich Menschen nicht mehr allein in ihrem Leid und ihrer Freude fühlen.«

Damit ist das Museum gleichermaßen Ausstellungs-, Gemeinschafts- und »Heilungs«stätte. Und noch mehr: Gerade, weil es sich für die Sensibilisierung für elementarste und tiefste menschliche Empfindungen einsetzt, erweist sich das Museum of Broken Relationships als innovatives Ausstellungkonzept, in dem die Grenzen zwischen künstlerischem Konzept und unserem alltäglichen Leben verschmelzen. Es erweist sich als Ergebnis einer modernen Sichtweise auf das Produkt »Kunst« in der Gegenwart.