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Nach dem »Happy End« – Teil 2 mit Juliane

sisterMAG-Gründerin Toni Sutter spricht mit interkulturellen Paaren über die große Liebe, die man im Ausland getroffen hat und darüber, wie es eigentlich nach dem Happy End weitergeht. Juliane, die für die Liebe nach Schweden gezogen ist, gewährt Einblicke hinter die Kulissen ihrer Partnerschaft, die nach über einem Jahrzehnt leider in die Brüche gegangen ist. Wie funktioniert der Umzug und die Eingewöhnung in ein anderes Land? Wie findet man einen Job, ohne Muttersprachler zu sein? Warum geht das Paar nun getrennte Wege? All das und mehr erfahrt ihr hier.

Nach dem Happy End – Ein Blick hinter die Kulissen interkultureller Paare

Juliane

wohnt in Sösdala, Schweden

Aus welchen Ländern kommt ihr beide?

Er kommt aus Schweden, ich bin aus Deutschland.

Wie habt ihr euch kennengelernt?

Wir haben uns 2007 ganz klassisch in Schweden auf einem verregneten Mittsommerfest kennengelernt, auf das mich gemeinsame Freunde mitgenommen hatten.

Wie habt ihr entschieden, in welchem Land ihr leben möchtet?

Zu Beginn unserer Beziehung arbeitete ich in Norwegen, wir pendelten zwischen Vestvågøy, einer Insel weit über dem Polarkreis, Berlin und Südschweden hin und her. Das war sehr anstrengend und für uns war deshalb relativ schnell klar, dass wir unsere Basis in Schweden haben wollten. Für ihn wäre der Sprung von Skåne nach Berlin ein sehr großer gewesen, durch meine Arbeit an wechselnden Theatern war ich es wiederum gewohnt, mich an neuen Orten schnell zurechtzufinden, deshalb fiel unsere Wahl dann auf Schweden.

Eure Beziehung ist nach über einem Jahrzehnt zu Ende gegangen. Kannst Du einen Einblick geben, ob und wenn ja wie, eure beiden unterschiedlichen Kulturen dabei eine Rolle gespielt haben?

Die Gründe für das Ende unserer Beziehung sind vielschichtig, der kulturelle Hintergrund hat aber sicher auch eine Rolle gespielt.

Die klassischen Herausforderungen einer binationalen Beziehung waren uns beiden anfangs gar nicht so klar, vor allem deshalb, weil die kulturellen Unterschiede zwischen Ländern wie Schweden und Deutschland erst einmal gar nicht so groß schienen. Derjenige, der in das Herkunftsland des anderen zieht, erweitert ja zwangsläufig seinen Referenzrahmen und entwickelt schnell ein ganz anderes Bewusstsein für Unterschiede und Gemeinsamkeiten. Ich war es, die ins Ausland zog, wir sprachen miteinander ausschließlich Schwedisch, mir fiel es deshalb auch viel leichter, die Art und Weise, wie mein Partner kommunizierte, in einen gesellschaftlichen und kulturellen Kontext zu bringen. Umgekehrt war das nicht immer so einfach. Der Umzug nach Schweden ging für mich aber auch mit einer Verschiebung des Kräfteverhältnisses in unserer Beziehung einher. Ich habe mich anfangs sehr abhängig gefühlt, weil ich so einfache Dinge wie eine Online-Überweisung nicht beherrscht habe oder Hilfe beim Umgang mit den schwedischen Behörden brauchte. Nach und nach habe ich all das zwar gelernt und meine Selbständigkeit zurückerlangt, eine kleine Unwucht ist in all den Jahren dennoch bestehen geblieben.

Gerade dann, wenn einer der Partner in das Land des anderen zieht, ist es für eine tragfähige Beziehung wichtig, dass man als binationales Paar eine neue, gemeinsame kulturelle Identität findet, in der die Wurzeln beider ausreichend Platz haben. Uns ist das nicht gelungen, die Zeit in Schweden möchte ich trotzdem nicht missen.

Fragen an dich Juliane

War es schon immer ein Traum von Dir, dauerhaft in Schweden zu leben?

Mich hat es schon immer eher in den Norden gezogen. Als Kind und Jugendliche habe ich die gesamte Hausbibliothek nach skandinavischen Autoren durchforstet, von Astrid Lindgren, Selma Lagerlöf zu Martin Andersen Nexø, von Stig Dagerman über Olav H. Hauge bis hin zu Tomas Tranströmer. Die nordische Weite, die Kargheit, die ungebändigte Natur, das hat meine innere Landschaft geprägt, dort fühle ich mich zuhause.

Hast du die Sprache gesprochen, bevor du in das Land gezogen bist?

Ja, ich sprach bereits Schwedisch, bevor ich nach Skåne zog. Ich habe 2007/ 2008 in Lofoten/ Norwegen an einem Theater gearbeitet. Dort war die Arbeitssprache offiziell Englisch – daran hielt sich aber niemand so richtig, denn die Skandinavier sprechen untereinander in ihrer jeweiligen Muttersprache. Nach ein paar Wochen hatte ich mich reingehört und kommunizierte in einem Mix aus Norwegisch, Dänisch und Schwedisch. Letzteres hat sich dann schnell zu einem breiten und diphtongreichen Skånska entwickelt, das ist der Dialekt, der hier im Süden Schwedens gesprochen wird.

Über Julianes Instagram Kanal könnte man ein ganzes Feature machen: Die #onebouquetperday Serie begann Juliane 2013: Vintage Kleider, wilde Blumen & Nachhaltigkeit

Wie gut kanntest du die Kultur?

Ich hatte schon vor unserem Kennenlernen beruflich und privat immer mal wieder in Skandinavien zu tun, deshalb war mir vieles bereits vertraut, ich habe das Land nicht nur mit den Augen eines Touristen gesehen. Trotzdem habe ich wie die meisten Expats die klassischen Stadien des Kulturschocks erlebt, die große Euphorie und Neugier am Anfang, später die Frustration und Isolation, die Umorientierung und die Phase des Sich-Anpassens. Mittlerweile fühle ich mich sowohl als Deutsche als auch als Schwedin.

Wie leicht oder wie schwer war es für dich, dir in dem neuen Land, eine berufliche Karriere aufzubauen?

Ich habe in Berlin Puppenspielkunst studiert und war es gewohnt, an größeren Häusern und in gemischten Ensembles zu arbeiten. Die Möglichkeiten hier waren begrenzt, Objekttheater hat in Schweden so gut wie keine Tradition. Hinzu kam, dass wir auf dem Land wohnten, in einer Großstadt wie Stockholm oder Göteborg wäre es vielleicht anders gewesen. Als Theaterschaffende war es für mich sehr schwierig, in Schweden Fuß zu fassen, deshalb habe ich mich beruflich umorientiert.

Was vermisst du am meisten an deinem Heimatland?

Ich vermisse vor allem Spontanität, Herzenswärme und die deutsche Direktheit.

Du ziehst bald wieder in dein Heimatland Deutschland zurück. Worauf freust du dich am meisten? Was denkst Du, werden die größten Punkte bei der Umstellung?

Es wird eine Weile dauern, bis ich mich in meinem neuen Alltag in Deutschland wieder zurechtfinde, nach über einem Jahrzehnt in Schweden ist mir inzwischen vieles sehr fremd. Auch der Wechsel von Land zu Stadt wird kein leichter sein, ich ziehe von einem kleinen Hof inmitten von Feldern und Wäldern ins lebendige Erfurt.

Die Natur, mein Garten, die Weite, die Ruhe hier, all das wird mir fehlen, aber ich freue mich auch auf eine andere Art von Freiheit. Zu wissen, dass ich von der Mitte Deutschlands aus mit dem Zug ganz schnell bei Freunden in der Schweiz, Frankreich oder Großbritannien sein kann, ist für mich ein großes Geschenk. Ich freue mich auf Theater, auf Ausstellungen, die Thüringer Bachwochen, auf spontane Besuche von Freunden, darauf, meinen kleinen Neffen regelmäßig sehen zu können, auf einen großen Küchentisch mit Kerzen, dampfenden Schüsseln und genügend Stühlen für die Menschen, die mir wichtig sind.

Wie hat Dich der Aufenthalt im Ausland geprägt? In welchen Punkten hast du dich sehr an dein zweites Heimatland angepasst?

Der Perspektivenwechsel hat mich gelassener werden lassen, ich bin nachsichtiger geworden, sowohl mir als auch anderen gegenüber. Nachhaltigkeit nimmt einen noch höheren Stellenwert in meinem Alltag ein. Ich konsumiere viel bewusster, kaufe so gut wie ausschließlich second-hand, fliege nicht und verbringe viel Zeit in und mit der Natur.

Auch die selbstgewählte Einsamkeit ist etwas, das ich erst hier so richtig zu schätzen gelernt habe. Ich bin gerne mit mir allein und brauche Zeit in der Stille für meine kreative Arbeit. Würde ich im Herbst nicht nach Erfurt ziehen und deshalb gerade viel um die Ohren haben, wäre ich in diesem Sommer in Lappland im Sarek-Nationalpark wandern, allein. Jetzt reicht die Zeit zumindest aber für ein paar Tage in der Schweiz in einer kleinen einsamen Alphütte, wo ich schon die letzten beiden Sommer gewesen bin.

Aus Schweden nehme ich auch einen neuen Nachnamen mit. Dank der Gesetzgebung hier konnte ich meinen alten Familiennamen ablegen und heiße seit dem letzten Jahr offiziell Solvång, ein Name, den außer mir niemand sonst trägt.

Nach Deutschland kehre ich zurück mit einem offeneren, wacheren Blick und freue mich auf einen Neuanfang. Vielleicht schlage ich in Erfurt Wurzeln, vielleicht zieht es mich irgendwann wieder in den Norden. Den inneren Kompass sollte man ohnehin regelmäßig neu ausrichten, damit man weiß, ob die Richtung noch stimmt.

Wollt Ihr weitere Interviews in unserer Serie »Nach dem Happy End« lesen? Dann lest hier z.B. das Interview mit Maria.