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Frauen im Road Movie – Welche Rolle Gender dabei spielt

Von Odysseus über Sal Paradise bis hin zu Easy Rider: Seit der Antike war das Reisen meist Männersache. Mit der Erfindung des Automobils wendet sich die amerikanische Populärkultur jedoch erstmals weiblichen Erfahrungen von Mobilität zu. Ein kleiner Überblick zu Frauen im Road Movie von Autorin Barbara Eichhammer im sisterMAG und wie das urmännliche Genre des Road Movies auf die Frau kam.

Frauen im Road Movie – Welche Rolle Gender dabei spielt

Von Odysseus über Sal Paradise bis hin zu Easy Rider: Seit der Antike war das Reisen meist Männersache. Mit der Erfindung des Automobils wendet sich die amerikanische Populärkultur jedoch erstmals weiblichen Erfahrungen von Mobilität zu. Ein kleiner Überblick zu Frauen im Road Movie und wie das urmännliche Genre des Road Movie auf die Frau kam.

Die Straße als semantischer Raum

Die Straße hat eine lange Tradition als semantischer Raum in der westlichen Kultur: Sie ist ein bewegter Ort, an dem gesellschaftliche Normen aufgebrochen werden können. Denn die Straße fungiert als ein Raum des Dazwischen: zwischen privatem Zuhause und Öffentlichkeit, Heimat und Fremde, Mobilität und Stillstand. Aus historischer Sicht war das Reisen niemals geschlechtslos: Jahrhundertelang blieb es aufgrund der patriarchalen Geschlechterpolitik Frauen verwehrt, ohne Aufsichtsperson, Anstandsdame oder Ehemann unterwegs zu sein. Für sie bedeutete Reisen, sich in physische wie moralische Gefahr zu begeben. Frauen, die man regelmäßig allein im Stadtbild antraf, galten im 19. Jahrhundert beispielsweise als Prostituierte, als das Andere der bürgerlichen Weiblichkeitsnorm. Die Erfindung des Automobils im Jahre 1886 ermöglichte es Frauen der Mittelschichten, endlich frei zu reisen – ob allein oder gemeinsam. Im Jahre 1909 durchquerte so Alice Huyler Ramsay als erste Frau bei einem Auto-Trip das amerikanische Land. Ab den 1920ern ließ die Massenmotorisierung unzählige weibliche Sichtweisen auf die Straße entstehen. Mit der zweiten Frauenrechtsbewegung in den sechziger Jahren wendeten sich auch Filmemacherinnen sowie Schriftstellerinnen neuen Erfahrungen weiblicher Mobilität zu, die solch eine Kultur des Automobils mit sich brachte.

Das war gerade deshalb eine kleine Sensation, weil das Reisen seit der Antike von Männern dominiert war. Die westliche Reiseliteratur greift weitestgehend auf das wirkmächtige Narrativ der Odyssee zurück, Homers dichterischen Beschreibungen von Odysseus’ Irrfahrten. Während Odysseus 20 Jahre lang auf Abenteuern durch die Welt zieht, hütet seine Frau Penelope das gemeinsame Zuhause. Westliche Narrative schreiben seitdem meist dieses geschlechtsspezifische Modell des Unterwegsseins fort: Während der Mann aktiv ist, sich bewegt und den Raum mit seiner Wanderschaft dynamisch erkundet, wird die Frau in der Literatur als passiv und statisch konstruiert, die zu Hause bleibt. Die binären Oppositionen der Erzählung sind klar: er, der Abenteurer, sie, die Hausfrau. Während die Frau zwar vielleicht die Handlung bewegt, bleibt sie selbst unbewegt an einem Ort. Literaturwissenschaftlichen Untersuchungen zufolge drehte sich westliche Frauenliteratur daher meist um das Motiv des Wartens, gewöhnlich des Wartens auf Liebe – wie bei Jane Austen.

Das Road Movie & die Road Novel

Besonders im US-amerikanischen Kontext ist die »Freiheit der Straße« ein mächtiger, nationaler Mythos, der aus der amerikanischen Populärkultur nicht mehr wegzudenken ist. Literatur und Film etablierten seit den 1950ern das Auf-der-Straße-Sein als kulturelle Praxis. Das amerikanische Road Genre entwickelte sich aus einem gegenkulturellen Widerstand gegen das amerikanische Establishment heraus. Kein Text der Beat Generation hat die Gattung so sehr geprägt wie Jack Kerouacs Roman On the Road (1957), der das Reisen als Rebellion gegen die normative Häuslichkeit in den 1950ern entwirft. Mit seiner Geschichte über Sex, Drogen und Jazz dekonstruiert Kerouac den »American Way of Life«. Seine beiden Protagonisten Sal Paradise und Dean Moriarty trampen auf Güterzügen, in gestohlenen Autos oder in Bussen quer durch die USA, von New York bis nach Mexiko. Die ruhelose Wanderschaft westwärts wird dabei zum Ausdruck eines modernen Lebensgefühls. Der Roman schreibt aber zugleich die typisch männliche Reisetradition fort, da er die klassischen Motive des Abenteuers, der mythologischen Queste sowie der männlichen Zusammengehörigkeit aufgreift.

Als Inbegriff einer Counter Culture entstand auch der Kult-Road-Movie Easy Rider (1969) (Trailer Link: https://www.youtube.com/watch?v=iLdTZaKMQ9c). Die zwei Aussteiger Wyatt und Billy fahren nach einem erfolgreichen Kokain-Deal mit ihren Motorrädern von Los Angeles nach New Orleans, zum dortigen Karneval. Easy Rider fängt das Lebensgefühl und die Freiheitssehnsucht der Hippie-Bewegung gekonnt mit seiner Filmästhetik ein, die stilbildend für das Genre des Road Movies war: Spektakuläre Landschaftsaufnahmen des amerikanischen Westens wechseln sich in ruhigen Totalen mit den bewegten Bildern der fahrenden Motorbikes ab. Laute Folk- und Rock-Musik gibt dem Film den Klang der Woodstock-Generation. Flucht und Ausbruch aus alten Strukturen skizzieren den Plot. Die Ikonographie der Straße erinnert dabei an die Frontier-Helden des Western. Der Road Movie etabliert sich als ein modernes, uramerikanisches Genre, da es den nationalen Gründungsmythos der Frontier aufgreift, d.h. das Westwärts-Ziehen der ersten Siedler quer über den amerikanischen Kontinent.

Frauen im Road Movie: Thelma & Louise (1991)

Das urmännliche Genre des Road Movies nun mit weiblichen Protagonistinnen zu besetzen, würde das antike Reisenarrativ der Odyssee in Frage stellen und patriarchale Geschlechternormen aufbrechen. Aufsehenerregend umgesetzt hat dies Regisseur Ridley Scott in seinem Überraschungshit Thelma & Louise (1991). Zum ersten Mal überhaupt zeigte ein Mainstream-Road-Movie tatsächlich zwei Frauen hinterm Steuer. Mit Susan Sarandon (Louise) und Geena Davies (Thelma) in den Hauptrollen kehrt Thelma & Louise die Genrekonventionen der Straßenfilme bahnbrechend um. Zugleich beruht die Erzählung auf klassischen Motiven des Road Movies: Der Auslöser für die Fahrt im Auto ist eine Flucht vor dem Gesetz. Thelma und Louise möchten einen spontanen Wochenendtrip in Louises Ford Thunderbird Cabrio machen. Als Thelma in einer Bar fast vergewaltigt wird, erschießt Louise im Affekt den Angreifer. Die beiden beschließen, nach Mexiko zu fliehen. Auch die Kameraeinstellungen verweisen auf die klassische Road-Movie-Ästhetik: In ruhigen Totalen und Panoramaaufnahmen wird der amerikanische Westen als weites Land inszeniert. Einige Szenen erinnern dabei an das ebenfalls maskuline Genre des Western, etwa wenn Thelma und Louise zwischen roten Felsen auf verstaubten Straßen als Outlaws (engl. Gesetzlose) dargestellt werden. Mobilität wird hier als ein Abenteuer weiblichen Empowerments inszeniert. Das Auto wird zum Mythos weiblicher Freiheit. Aber in Thelma & Louise endet die Abkehr von der Heimat mit einem freiwilligen Selbstausschluss aus der Gesellschaft (Link zu Videosequenz https://www.youtube.com/watch?v=66CP-pq7Cx0). Achtung, Spoiler-Alarm: Am Grand Canyon angekommen, springen die beiden Heldinnen mit ihrem Auto in den Abgrund, wobei das bewegte Filmbild in eben diesem Moment in einem Standbild eingefroren wird. Wie stilbildend der Film für den Straßenfilm war, zeigen die zahlreichen intertextuellen Verweise. Die legendäre Schlussszene wird etwa im Road Movie Kaffee, Milch und Zucker (1995) mit Whoopie Goldberg anzitiert, als sie ihren beiden Gefährtinnen im Auto offenbart: »Ich werde mit euch beiden nicht über eine Klippe fahren, also vergesst es.«

Frauen im Road Movie: Tammy (2014)

Eine humorvolle Neuaushandlung des weiblichen Road Movies zeigt die Komödie Tammy (2014) mit Melissa McCarthy in der titelgebenden Hauptrolle (Link https://www.youtube.com/watch?v=mHSy_TpjyYI). Als Tammy an einem Tag ihren Job und ihren Ehemann verliert, macht sie sich mit ihrer Oma in deren Cadillac auf den Weg zu den Niagarafällen. Dabei verweist Tammy schon mit seiner Wahl des Schauspiel-Casts auf seinen wirkmächtigen Prätext Thelma & Louise. So spielt keine Geringere als Susan Sarandon (berühmt geworden als Louise) die Rolle der Großmutter Pearl. Die beiden Heldinnen machen sich auf eine Reise der Selbstfindung sowie Selbstzerstörung: Die für das Genre typischen kleinkriminellen Episoden werden mit Slapstick-Elementen angereichert, etwa als Tammy eine Fast-Food-Kassiererin ausrauben möchte und eine Apfeltasche zum Bargeld verlangt oder einen Jetski schrottet. Auf der Reise trifft sie eine Reihe von beeindruckenden Frauen, die den stereotypen Weiblichkeitsbildern Hollywoods quer entgegenstehen. Hinter dem humorvollen Chaos spricht Tammy ernste Themen des »American Way of Life« an: Alkoholismus, Homosexualität, Armut, Fragen nach Mütterlichkeit und Familienzusammengehörigkeit. Hier nutzt der Film Genrekonventionen des Road Movies aus, der schon immer einen Ausbruch aus alten Strukturen beziehungsweise eine Verweigerungshaltung gegenüber Traditionen mit sich brachte. Ab den 2010ern verkörperte Melissa McCarthy nämlich eine neue Hollywood-Weiblichkeit. Ihre Filme zeigen starke Frauen, die pöbeln, sich schlagen oder obszön sind. Dennoch fiel der Film großenteils bei Kritikern durch, vielleicht gerade wegen seiner brachialen Weiblichkeit. Die Straße wird daher im Road Movie auch immer zur Asphaltgrenze, an der Geschlechterrollen neu ausgehandelt werden.

Filmtipps für weitere »weibliche« Road Movies:

  • Wild (mit Reese Witherspoon, 2014)
  • Little Miss Sunshine (2006)
  • Kill Bill (2002)