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Das Jahr 1963

Was passiert in 1963, jenem Jahr, in dem unser Titelkunstwerk »In The Car« entsteht? Was sind wichtige Neuigkeiten, was beschäftigt die Menschen in ihrem Alltag? In der Serie »Das Jahr X« beantworten wir diese Fragen und füllen die Jahreszahl mit Leben. Dafür schauen wir uns verschiedene Bereiche an: Politik und Geschichte ebenso wie Kunst, Meteorologie und die öffentliche Sphäre.

In dieser sisterMAG Ausgabe stellt euch Elisabeth Stursberg das Jahr 1963 vor.

Das Jahr 1963

Das Jahr der Entstehung unseres Gemäldes

Was passiert in jenen Jahren, in denen unser Titelkunstwerk »In The Car« entsteht? Was sind wichtige Neuigkeiten, was beschäftigt die Menschen in ihrem Alltag? In der Serie »Das Jahr X« beantworten wir diese Fragen und füllen die Jahreszahl mit Leben. Dafür schauen wir uns verschiedene Bereiche an: Politik und Geschichte ebenso wie Kunst, Meteorologie und die öffentliche Sphäre. Elisabeth Stursberg rekonstruiert den historischen Kontext des Werks und zeigt die kleinen und großen Zusammenhänge auf.

Natur

Das Jahr beginnt eisig. Schon seit Mitte November ist es kalt, Temperaturen um -20 °C über Monate erschaffen Eislandschaften im Wattenmeer, auch die Ostsee ist stellenweise zugefroren. Im März ergreifen 49 DDR-Bürger die einmalige Gelegenheit und fliehen über das Eis in den Westen, nach Schleswig-Holstein. Vor allem südlich der Donau zieht sich der Winter in die Länge, noch im April gibt es massive Schneefälle. Ganz Europa leidet unter diesem Winter, wie er im Durchschnitt nur alle paar hundert Jahre vorkommt. In Deutschland sollte es gar der kälteste Winter des Jahrhunderts werden. Interessanterweise erleben auch Nordamerika sowie Japan und Teile Chinas außergewöhnlich kalte Temperaturen, während der Winter in nördlicheren Gegenden, zum Beispiel in Alaska, vergleichsweise mild ist.

Biografien I

Am 3. Januar stirbt 83-jährig der japanische Arzt Ishihara Shinobu. Ursprünglich Chirurg, spezialisiert er sich dann auf Augenheilkunde; eine weise Entscheidung, wie sich herausstellt: Als Oberarzt an einem Tokioter Militärkrankenhaus entwickelt er eine Methode, um die Farbsehstärke von Rekruten zu testen. Aus ethisch diskutablen Umständen (es ging darum, »perfekte« Rekruten für eine Eliteeinheit zu identifizieren) entsteht etwas überaus Nützliches: Ishihara-Farbtafeln werden noch heute weltweit verwendet, um Rot-Grün-Sehschwächen bei Menschen zu diagnostizieren. Inspiration zieht Ishihara Shinobu übrigens aus der Farbenlehre Johann Wolfgang von Goethes – und aus impressionistischer und pointillistischer Malerei, die er in Europa kennenlernt.

Forschung & Gesundheit

»Schluckimpfung ist süß – Kinderlähmung ist grausam«. Eine Schluckimpfung gegen Polio wird hier beworben, die in Deutschland seit kurzem verfügbar ist. Dass sie mit Lebendbakterien wirkt (heutige Injektionsimpfungen verwenden diese nicht mehr), lässt viele zunächst zögern, doch dank entschlossener politischer Unterstützung sind die Anlaufschwierigkeiten bald überwunden. Bayern übernimmt dabei eine Vorreiterrolle. Das Momentum ist da, denn in den Jahren zuvor war die Zahl der Infizierungen in der BRD vergleichsweise hoch. Trotz schneller und deutlicher Erfolge der Impfung erklärt die WHO Europa erst 2002 für poliofrei.

Kunstmarkt

»In der Welt würdigstem und traditionsreichstem Auktionshaus, bei Sotheby & Co. in der Londoner New Bond Street, ging es drunter und drüber.« So beginnt DER SPIEGEL vom 19. Juni den Bericht über eine Versteigerung wie es bisher nur wenige gegeben hat: Im Haus eines zurückgezogen in Schottland lebenden Öl-Millionärs, William A. Cargill, ist nach dessen Tod eine ungeheuerliche Kunstsammlung entdeckt worden, vor allem mit zahlreichen Werken des französischen Impressionismus. Niemand hatte gewusst, dass Cargill diesen Schatz dank kluger Ankäufe bereits früh erworben hatte. Nun also geht es drunter und drüber bei Sotheby’s: Im Laufe 54 »tumultuöser« Minuten versucht unter anderem ein amerikanischer Interessent »fernmündlich aus Kalifornien« einen Renoir zu erwerben, »allerdings ohne Erfolg«, währenddessen sich die Interessenten vor Ort gegenseitig zu überschreien versuchen.

Politik & Gesellschaft

Eine Woche später ruft in Berlin der amerikanische Präsident John F. Kennedy seinen Zuhörern vor dem Schöneberger Rathaus zu: »Ich bin ein Berliner«. Mit seinem Besuch und seiner Rede, die viele als eine seiner besten betrachten, versichert er die West-Berliner seiner Solidarität und Unterstützung – ein wichtiges Zeichen für die Bewohner der von der DDR umschlossenen Teilstadt, einer Enklave des Westens, während der Kalte Krieg bereits Realität ist. Der Satz wird mit Jubel empfangen und wird eines der bekanntesten Zitate Kennedys.

Öffentlichkeit & Gesellschaft

1963 scheint zum Jahr denkwürdiger Reden zu werden: Nur wenige Monate nach Präsident Kennedy in West-Berlin hält in Washington D.C. der amerikanische Pastor und Bürgerrechtler Martin Luther King mit »I Have a Dream« eine Rede, die ebenfalls sprichwörtlich werden sollte. King ist die Galionsfigur einer Bewegung und setzt sich für eine tatsächliche, effektive Gleichstellung von Afroamerikanern in allen Bereichen des Lebens ein. Während Präsident Kennedy im Juni ein neues Bürgerrechtsgesetz angekündigt hat, dominieren in der Realität vielerorts immer noch Rassismus und Segregation.

Biografien II

Am 27. Oktober wird Roy Lichtenstein 40 Jahre alt. Er ist gerade wieder nach New York gezogen, in eine Stadt, die eine Atempause genießt. Die Sixties mit ihren Protesten, Revolutionen und Umbrüchen haben noch nicht richtig begonnen, aber werden es bald. Die Kulturszene vibriert. Die Erwartung des Neuen liegt in der Luft und für einen kurzen Moment gibt es keine Katastrophe, noch nicht.

Werbung & Gesellschaft

Pop Art und Werbung rücken immer näher zueinander, seit Andy Warhol Campbell‘s Soup Cans als Kunstwerk verewigt hat. In der BRD stellt Opel seine Kunden vor die Wahl: »Jung und voll Schwung« mit dem Kadett, oder lieber den Kapitän, »ein Wagen, der verwöhnt«? Im Ford Taunus soll sich sogar »der fünfte« wohlfühlen, sicher nicht unwichtig in einer Zeit, in der mehr und mehr Familien mit dem Auto verreisen. Weitere Schwerpunkte werblicher Aktivität sind: Nahrungsmittel, Haushaltswaren, Körperpflegeprodukte und Parfum. Keine Frage, die Bundesrepublik genießt ihr Wirtschaftswunder in vollen Zügen. In den USA löst währenddessen Cap’n Crunch das große Problem »cereals, die in Milch weich werden« (»Stays crunchy, even in milk!«) und überhaupt erlebt das Land mit Cocoa Puffs (»I’m coo-coo for Cocoa Puffs!«) und Fruit Loops (Toucan Sam wird das neue Maskottchen) offenbar eine Art Frühstücksrevolution.

Geschichte & Biografien

Alles tritt in den Hintergrund, als am 22. November im texanischen Dallas Präsident Kennedy von einem Attentäter erschossen wird. Die Nachricht von der Tat, die während einer Fahrt durch die Stadt und live vor den Kameras passiert, verbreitet sich in Windeseile. In New York versucht der BBC-Korrespondent bei den Vereinten Nationen, Peter Watson, ein Flugticket nach Dallas zu kriegen. Es gelingt gerade so. Einige Tage später fasst Watson seine Erinnerungen an jenen Tag in einem Report zusammen, der die düstere, angespannte Stimmung widerspiegelt und den Schockzustand beschreibt, in den das Attentat nicht nur die USA versetzt.

Wollt Ihr noch mehr über die Entstehungsjahre unserer 2019 Kunstwerke erfahren? Dann schaut doch auch mal z.B. in das Jahr 1485 von sisterMAG No. 50 oder das Jahr 1877 von sisterMAG No. 44.

Link 1: http://www.wirtschaftswundermuseum.de/werbung-bilder-1963-1.html
Link 2: https://www.mrbreakfast.com/list.asp?id=2
Link 3: https://www.bbc.com/news/magazine-24954509