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Eine kleine Kulturgeschichte der Hochzeit

Die Ehe als soziale Institution existiert schon seit frühester Menschheitsgeschichte. Barbara Eichhammer zeigt euch in diesem kleinen Überblick im sisterMAG, wie sich der Brauch der Hochzeit in der westlichen Kulturgeschichte gewandelt hat und wie eng verknüpft dies auch immer mit Fragen nach Gender, Religion, Klasse oder sozialen Umbrüchen ist.

Eine kleine Kulturgeschichte der Hochzeit

»If I get married, I want to be very married.« – Audrey Hepburn

Nicht erst seit Meghan Markle und Prince Harrys Jawort ist klar, dass Heiraten in der zeitgenössischen Popkultur wieder hoch im Kurs steht. Die Ehe als soziale Institution existiert dabei schon seit frühester Menschheitsgeschichte. Wir zeigen euch in diesem kleinen Überblick, wie sich der Brauch der Hochzeit in der westlichen Kulturgeschichte stetig gewandelt hat und wie eng verknüpft dies auch immer mit Fragen nach Gender, Religion, Klasse oder sozialen Umbrüchen ist.

Das Mittelalter

Aus soziologischer und kulturwissenschaftlicher Sicht kann eine Hochzeit als Übergangsritual, ein rite de passage, verstanden werden, der schon im alten Rom bei einer drei-Tage langen Feier vollzogen wurde. Im Mittelalter war die Trauung eine weltliche und öffentliche Zeremonie, die oftmals in Wirtshäusern stattfand. Die sogenannte »Muntehe« war dabei die üblichste Form der Heirat. Sie galt als ein Rechtsgeschäft zwischen zwei Familien. Die Braut wechselte aus der Schutzgewalt des Vaters (»Munt«) in die des Ehemannes, was mit einigen Trauriten besiegelt wurde: So übergab der Vater zusammen mit der Braut beispielsweise Speer, Schwert oder Hut als Zeichen der Vormundschaft. Nun sollte der Ehemann rechtlich wie finanziell über die Frau bestimmen, nicht mehr der Vater. Solch ein patriarchales Geschlechtermodell sah die Frau eher als Ware auf einem Heiratsmarkt an, für die eine Mitgift ausgehandelt werden konnte. Eng mit solchen Zweckehen verbunden, waren Fragen der Klassenzugehörigkeit: wer nämlich kein Vermögen und keine Wohnung hatte, durfte nicht heiraten. Fast alle Mägde, Knechte oder Tagelöhner besaßen keine »Ehefähigkeit«. Selbst Bauern brauchten – bis ins 18. Jahrhundert hinein – zur Heirat die Erlaubnis des Lehensherren. Erst ab dem 12. Jahrhundert wurde die häusliche Eheschließung von einem kirchlichen Trauritus begleitet. Die Zeremonie fand entweder im Haus der Brautleute oder vor (und nicht in) der Kirche statt. Noch war der kirchliche Segen ein freiwilliges Ritual, keine rechtliche Pflicht. Doch die Rolle der Kirche wuchs: Bis zum 13. Jahrhundert hatte sie ein eigenes Eherecht entwickelt. In der katholischen Kirche etwa wurde die Ehe zum Sakrament. Daraus resultierte der Glaube, dass die Ehe unauflösbar sei. Im Jahr 1225 beschloss das Vierte Laterankonzil, dass Trauungen nur noch von einem Priester vorgenommen werden durften. Laientrauungen wurden verboten. Wer sich dem widersetzte, musste mit harten Strafen rechnen.

Renaissance

Der Ruf nach einer unabhängigen und staatlichen Regelung wurde daher immer lauter. Schon Martin Luther sah im Zuge der Reformation die Ehevorherrschaft der Kirche kritisch: »Es kann ja niemand leugnen, dass die Ehe ein äußerlich, weltlich Ding ist, wie Kleider und Speise, Haus und Hof weltlicher Oberheit unterworfen«, postulierte er 1530. Die weltlichen Autoritäten sollten die Eheschließung übernehmen und rechtlich regeln. Im 15. und 16. Jahrhundert trugen adelige Bräute übrigens überwiegend bunte Hochzeitskleider: kräftiges Blau, Gelb, Grün oder Rot war äußert beliebt bei der Heiratsmode, die zusätzlich (je nach Stand) mit Gold- oder Silberfäden bestickt wurde. Weil das Einfärben von Stoffen zu der Zeit äußerst viel kostete, war ein buntes Brautkleid ein wirkmächtiges Zeichen für Reichtum und hohen Stand. Bräute aus der Arbeiterschicht trugen dagegen ihr schwarzes Sonntagskleid, weil es das edelste ihrer Kleider war. Zur Zeit der Renaissance etablierte sich zudem einer der bekanntesten Hochzeitsbräuche: der Brautstrauß. Zunächst war er als reiner Duftstrauß aus Kräutern wie Myrrhe, Rosmarin oder Thymian gedacht, der ursprünglich böse Geister und schlechte Körpergerüche in der Kirche vertreiben sollte.

Das 18. Jahrhundert

Spätestens seit dem 18. Jahrhundert trug die europäische Aufklärung zu einer Trennung von Kirche und Staat bei. Freiheit, Vernunft und Gleichheit wurden zu neuen Idealen. Mit der Französischen Revolution endete die Vorherrschaft der christlichen Kirche endgültig. Ab 1792 galt rechtlich die zivile Eheschließung in Frankreich, 1836 in England und 1875 in Deutschland. Geistlichen wurde verboten, vor der zivilrechtlichen die kirchliche Trauung vorzunehmen. Schon Napoleon Bonaparte ließ sich 1796 standesamtlich trauen. Auch die Brautmode spiegelte die emanzipatorischen Bestrebungen der Französischen Revolution wider: Nach dem Vorbild der antiken Demokratien wurden fließende, tunikaartige Gewänder immer beliebter bei den Revolutionärinnen. So kam im 18. Jahrhundert das Chemisenkleid oder Hemdkleid nach den Entwürfen von Jacques-Louis David für Bräute in Mode.

Auch das Konzept der bürgerlichen Liebesheirat soll aus geschichtswissenschaftlicher Sicht eine Erfindung des 18. Jahrhunderts sein: In seinem Roman Julie oder Die neue Eloise (1761) postulierte der französische Philosoph Jean-Jacques Rousseau, dass Liebe und nicht Pflicht oder Finanzen die Basis für eine Ehe sein sollten. Diese Sicht wurde während der Epoche der Romantik immer beliebter: Sie tauchte in populären Romanen auf wie in Lucinde von Friedrich Schlegel (1799). Die emotionalere Sicht auf die Ehe bewirkte übrigens auch, dass sich Ehepaare ab dem 18. Jahrhundert erstmals mit »Du« ansprachen.

Das 19. Jahrhundert

Die sogenannte »Weiße Hochzeit« – die gängigste Hochzeitsform, die wir heute noch feiern – entstand im 19. Jahrhundert in Großbritannien. Der Begriff bezieht sich dabei auf die weiße Farbe des Hochzeitskleids. Obwohl schon die schottische Königin Mary, Queen of Scots im Jahre 1559 Weiß heiratete, avancierte das weiße Brautkleid erst mit Queen Victoria zum absoluten Fashion Trend. 1840 trug sie zu ihrer Hochzeit mit Prince Albert ein weißes Kleid aus Seidensatin und filigraner Klöppelspitze. Als Berichte von ihrer »White Wedding« den europäischen Kontinent wie die USA erreichten, folgten viele adelige Bräute begeistert ihrem Vorbild. Weil es im 19. Jahrhundert noch nicht die nötigen (chemischen) Reinigungsmöglichkeiten gab, gewannen weiße Kleider große Bedeutung für den sogenannten »demonstrativen Konsum« Im Sinne des Soziologen Thorstein Veblen. Die Farbe Weiß symbolisierte Wohlstand und sozialen Status; außerdem trug es christliche Konnotationen von Reinheit und Unschuld. Bereits Ende des 19. Jahrhunderts war ein weißes Kleid für alle adeligen Bräute in Europa und den USA der letzte Schrei. Bräute aus den Mittelschichten konnten sich den Trend erst nach dem zweiten Weltkrieg leisten. Der Wunsch wurde durch Hollywood Filme gefördert, die in den fünfziger Jahren das Bild der weißen Hochzeit idealisierten. Die romantischen Liebeskomödien machten sie zur normativen Heiratsform. Wie kulturraumspezifisch die Farbe des Brautkleides ist, zeigt eine Tradition aus China: Dort trägt die Braut klassischerweise Rot, weil es mit Glück und Wohlstand assoziiert wird.

Die 68er

Die Menschen sehnten sich nach den Schrecken zweier Weltkriege nach gesellschaftlicher Stabilität und häuslicher Ordnung. In den 1950er Jahren kam es zu eher traditionellen Vorstellungen von Ehe und Häuslichkeit, die mit einer patriarchalen Genderideologie einhergingen: Der Ehemann als Geldverdiener, die Frau als Hausfrau. Gerade gegen dieses einengende Geschlechterbild begehrte die Generation der 68er auf. Die zweite Welle der Frauenbewegung brachte zudem eine Reihe von gesellschaftlichen und rechtlichen Veränderungen mit sich: Gleichberechtigte Ehevorstellungen setzten sich immer stärker durch, »Versorgerehen« wurden stark kritisiert. Ab 1967 stieg die Scheidungsrate rasant an. In den 70er Jahren gewannen nichteheliche Lebensformen bei jungen Leuten immer mehr an Bedeutung, so dass die Zahl der Trauungen stetig sank. Rechtlich rückten wichtige kulturelle Aspekte in den Vordergrund: Seit 1. Oktober 2017 haben so in Deutschland auch gleichgeschlechtliche Paare das Recht, zu heiraten. Wirtschaftliche Unsicherheiten trugen dazu bei, dass ab Mitte der 1980er die Ehe wieder beliebter wurde.

Der Hochzeitsmarkt bis heute

Als die 68er Bewegung weltweit gegen traditionelle Rollenbilder vorging, erlebten unkonventionellere Hochzeiten einen regelrechten Boom. So rückte am 1. Mai 1967 Las Vegas als der Ort für Traumhochzeiten ins Zentrum, als sich Elvis Presley und seine Braut Priscilla Ann Beaulie in der Hochzeitskapelle des hiesigen Aladdin Hotels trauen ließen. Eine richtige Hochzeitsindustrie entstand in den 80er Jahren, die schnelle Vegas-Hochzeiten bediente und den Beruf des Hochzeitsplaners entstehen ließ. Mittlerweile ist ein internationaler Hochzeitsmarkt entstanden, der ein Milliardengeschäft umfasst. Promihochzeiten oder royale Hochzeiten werden dabei zum massenmedialen Ereignis: Die Hochzeit von William und Kate 2011 wurde beispielsweise zum globalen Medienspektakel. Mehr als zwei Milliarden Menschen verfolgten an den Fernsehbildschirmen das Jawort des zukünftigen britischen Königs. Prince Harry und Meghan sahen 2018 mehrere hundert Millionen Zuschauer bei ihrem Jawort in Windsor zu. Der Eventcharakter solcher Live-Berichterstattungen hat gruppenbildende und identitätsstiftende Funktion: Die individuelle Bindung zweier Menschen durch die Trauung wird hier zur Bindung von Kulturen weit über nationale Grenzen hinaus, zu einer globalen Medienkultur. Die Welt wird nach Benedict Anderson zu einer »vorgestellten Gemeinschaft«. Die kulturelle Praxis des Heiratens ist mittlerweile zu einer wirkmächtigen, populärkulturellen Industrie geworden: Mit der Wirtschaftskrise 2008 setzt allerdings ein neuer – bis heute anhaltender Trend – ein: Die DIY Wedding. Im Zuge der globalen Depression wurde es immer beliebter, Hochzeitsdekorationen preisgünstig selbst zu gestalten und basteln. Hieran zeigt sich, wie gesellschaftliche Entwicklungen die Hochzeitskultur beeinflussen, aber auch von ihnen ablesbar werden.