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Amor: Gott des Verlangens – Personifizierung von Zuneigung & Ablehnung

Amor. Die meisten von uns assoziieren diesen geflügelten Engel wohl mit dem Valentinstag – mit der modernen Kitschversion; nicht mit dem heidnischen Ritual der Märtyrer. Natürlich steht Amor aber für mehr als für außer Kontrolle geratenen Konsum. In der römischen Mythologie ist er der Gott des Verlangens und personifiziert unsere feurigsten Gefühle: Zuneigung, sexuelle Anziehung und Erotik – und auf der dunklen Seite: Verachtung, Tücke und Ablehnung. Was könnte man vom Sohn eines Kriegsgottes und einer Liebesgöttin auch anderes erwarten?

Amor: Gott des Verlangens

Die Personifizierung von Zuneigung und Ablehnung

Amor. Die meisten von uns assoziieren diesen geflügelten Engel wohl mit dem Valentinstag – mit der modernen Kitschversion; nicht mit dem heidnischen Ritual der Märtyrer. Natürlich steht Amor aber für mehr als für außer Kontrolle geratenem Konsum. In der römischen Mythologie ist er der Gott des Verlangens und personifiziert unsere feurigsten Gefühle: Zuneigung, sexuelle Anziehung und Erotik – und auf der dunklen Seite: Verachtung, Tücke und Ablehnung. Was könnte man vom Sohn eines Kriegsgottes und einer Liebesgöttin auch anderes erwarten?

Amor sollte nie ein Engel sein. Der Sohn von Venus, Göttin der Liebe, war das Ergebnis einer ihrer zahlreichen Affären mit dem Gott des Krieges, Mars. Eine turbulente Liebschaft zweier turbulenter Persönlichkeiten. Passend also, dass Amor in der römischen Mythologie der Gott des Verlangens ist.

Amor ist nie ohne seinen Bogen und Köcher voller Pfeile anzutreffen. Bekannt sind seine vergoldeten Pfeile, die die Getroffenen hoffnungslos in Liebe stürzen. Doch der Bogenschütze hat nicht nur altruistische Ziele: sein Köcher beinhaltet auch Pfeile aus Blei, dessen Spitzen jegliches Verlangen aus den Herzen ihrer Opfer löschen und stattdessen Abneigung säen. So hat Amor einige Herzen aus purer Rachsucht mit Verachtung und Tücke gefüllt – ohne hinterher eine Entschuldigung wie eine herzförmige Pralinen-Box auszusenden.

Nehme man beispielsweise die Geschichte von Apollo und Daphne. Bedroht von Apollo, dem Gott der Musik, Dichtung, Kunst und Sonne, der ebenfalls ein außerordentlich talentierter Bogenschütze war, schoss Amor kurzerhand einen goldenen Pfeil in dessen Herz. Daraufhin verliebte sich der junge Gott unsterblich in die schöne Nymphe Daphne. Diese hatte jedoch einen Blei-Pfeil abbekommen, sodass sie nichts als Verachtung für Apollo empfindet. Was könnte grausamer sein, als aus Rache unerwiderte Liebe zu verursachen?

Es gibt auch einige bürgerliche Beispiele für die Intrigen des hinterhältigen Schürzenjägers. Lucius Apuleius, der Amors Geschichte in seinem enthüllenden Roman Der Goldene Esel im Alten Rom verbreitete, beschrieb den jungen Dämonen als »unbedacht und abgehärtet, der in seiner bösen Art, die jegliche öffentliche Regeln oder Gesetze außer Acht lässt, in der Nacht von Haus zu Haus rennt, bewaffnet mit Feuer und Pfeilen, mit denen er treue Ehen zerstört und nichts als Unsinn stiftet.« Wenn man sich da vorstellt, dass gelangweilte Jugendliche normalerweise nachts Häuser mit Toilettenpapier schmücken…

Auch Armors Flügel sind ein Symbol für sich: diese Anhängsel repräsentieren die schnelle Änderung des Herzens, die zwei Liebende ergreifen kann – es kann immer sein, dass bei einer Person das Verlangen früher oder später verfliegt – oder es findet sich plötzlich in einer dritten, ganz anderen Person wieder. Warum ist eigentlich diese Dualität – sich zu ver- und zu entlieben – nicht bekannter in unserer Wahrnehmung von Amor? Seit wann ist seine Geschichte nur noch rosarot?

Das Problem mit Mythen ist, dass sie von zahllosen, nicht besonders verlässlichen Erzählern durch gewählte Filter weitergegeben werden, wie in einem ewigen Spiel von stiller Post. Oft entsteht so eine sehr beschönigte Version der ursprünglichen Geschichte, ähnlich einem schicken Instagram-Filter, der ein eigentlich langweiliges Frühstück gleich besser aussehen lässt. In Amors Fall hat die katholische Kirche seine heidnischen Ursprünge christianisiert. Amor sollte jetzt ewige Liebe zwischen zwei treuen Partnern ohne wandernde Augenpaare symbolisieren. Es sollte weder Untreue noch erotisches Verlangen vor der heiligen Ehe geben und dass Amor die Gabe hatte, diese Gefühle in Göttern und Sterblichen auszulösen, beschmutzte die mit Reinheit besessene Institution. So verweichlichte unser Bild von Amor im Lauf der Jahrhunderte, bis er zu dem Botschafter der Liebe wurde, den wir jeden Februar in Marketing-Kampagnen für Schokolade und Blumen sehen.

Wenn wir jedoch vergessen, dass die Pfeilspitze der Liebe sehr wohl aus gold-ähnlichem Blei gemacht sein kann, entwickeln wir eine unrealistische Sicht auf die Liebe. Vielleicht gibt es doch einen Wert in dem Wissen, dass Amors Pfeil die Überholspur in Richtung des zweiten Kreises der Hölle sein kann (in Dantes Inferno weilen dort diejenigen, die mit sexueller Lust überkommen sind). Entgegen dem modernen Bild von Amor als Philanthrop der Liebe kann dieser nämlich nicht nur romantische Stunden, sondern auch eine ganze Menge Elend bringen – also die perfekte Repräsentation von Liebe und Verlangen.