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FemTech – Vom Tabu-Thema zur 50-Milliarden-Dollar-Industrie

Die Verbreitung der Pille in den 1960er Jahren war ein großer Schritt in Richtung Gleichberechtigung, indem sie Frauen mehr Macht über ihren eigenen Körper gab. Mit der Entstehung von FemTech fast 70 Jahre nach der Erfindung befinden wir uns inmitten des nächsten großen Sprungs. FemTech soll Frauen zumindest einen Teil der großen Verantwortung, ungewollte Schwangerschaften zu verhindern, abnehmen. Und FemTech bringt Tabu-Themen wie PMS, Perioden und unregelmäßige Zyklen aus dem Schatten hervor – für eine mutige neue Welt, in der die biologische Realität von 49,5 % der Weltbevölkerung endlich als ein Thema angesehen wird, das erforscht, verstanden und unterrichtet werden sollte. Lest im neuen sisterMAG den spannenden Text von Autorin Else Feikje van der Berg.

FemTech: Vom Tabu-Thema zur 50-Milliarden-Dollar-Industrie

Ein Blick auf den FemTech Space seit seiner Entstehung im Jahr 2015 – und ein Blick in die Zukunft

Die Verbreitung der Pille in den 1960er Jahren war ein großer Schritt in Richtung Gleichberechtigung, indem sie Frauen mehr Macht über ihren eigenen Körper gab. Mit der Entstehung von FemTech fast 70 Jahre nach der Erfindung befinden wir uns inmitten des nächsten großen Sprungs. FemTech soll Frauen zumindest einen Teil der großen Verantwortung, ungewollte Schwangerschaften zu verhindern, abnehmen. Und FemTech bringt Tabu-Themen wie PMS, Perioden und unregelmäßige Zyklen aus dem Schatten hervor – für eine mutige neue Welt, in der die biologische Realität von 49,5 % der Weltbevölkerung endlich als ein Thema angesehen wird, das erforscht, verstanden und unterrichtet werden sollte.

Der Begriff FemTech wurde 2015 von Ida Tin (https://en.wikipedia.org/wiki/Ida_Tin) geprägt. Sie ist die Mit-Gründerin und CEO von Clue, einer Fruchtbarkeits-Tracking-App. Als FemTech wird eine bestimmte Kategorie von Software, Diagnostizierung, Produkten und Dienstleistungen bezeichnet, die sich auf die Gesundheit von Frauen konzentriert (1) – oder einfacher formuliert: Technologie, die das Leben von Frauen verbessern soll (2). Der Begriff beinhaltet eine große Spanne an Produkten (3) und Problemen, für die Lösungen nötig sind: das sexuelle Wohlbefinden von Frauen, Fruchtbarkeitsprobleme, Perioden-Tracker, Becken-Fürsorge, Schwangerschafts- und Stillzeit-Betreuung, allgemeine weibliche Gesundheitsfürsorge, Perioden-Zubehör und Fruchtbarkeits-Überwachung für zu Hause.

Weshalb hat es so lange gedauert, bis wir endlich damit angefangen haben, uns mit diesen unvermeidbaren Tatsachen der halben Weltbevölkerung zu beschäftigen? Warum dieser jahrzehntelange schwarze Fleck in den Informationen und Daten zu weiblicher Gesundheit? Warum die große Lücke von 70 Jahren zwischen der Entdeckung hormoneller Verhütung als Eine-für-alle-Lösung für weibliche Fruchtbarkeit (ohne Berücksichtigung der Effekte auf den weiblichen Körper und Geist) und der heutigen Suche, diese hormonelle Verhütung zu ersetzen?

»Weibliche Führung in der Tech-Industrie: Kleine Schritte vorwärts«

In der heutigen Tech-Industrie wird Innovation von schnellen und flexiblen Start-ups vorangetrieben, die ein Problem ausmachen – oftmals werden die Gründer selbst damit konfrontiert – und dafür eine konkrete Lösung entwickeln. Laut dem Bericht »Women in Technology Leadership 2019« (4) der SilliconValleyBank haben nur 56% der Start-ups in den USA, dem Vereinigten Königreich, China und Kanada mindestens eine Frau in einer führenden Rolle. Vierzig Prozent haben mindestens eine Frau in ihrem Geschäftsführer-Kreis. Im Bericht werden diese Ergebnisse beschönigend als »ernüchternd« beschrieben. Start-ups finden ihre finanzielle Unterstützung oft bei Risikokapitalgebern, und 92% der Partner in den größten Venture Capital Fonds in den USA sind männlich (5). Kein Wunder also, dass weibliche Gesundheit – ein Thema, das entweder als unangenehm, bereits gelöst oder als Nische gesehen wird – nicht als lösungsbedürftiges Problem erkannt wird.

Doch es sieht so aus, als ob sich die Zeiten (langsam) ändern würden. Der Anteil weiblicher Führungskräfte in der Tech-Industrie steigt langsam (so änderte sich der Anteil weiblicher Geschäftsführer in den USA beispielsweise von 30% auf 38% in den letzten zwei Jahren (6)), sodass auch Probleme von Frauen langsam auf die Bühne der Öffentlichkeit geholt werden. Die Erfolge der FemTech-Firmen haben Führungskräfte und Investoren aller Geschlechter auf den Wert der Industrie aufmerksam gemacht. Frauen sind keine Nischen-Zielgruppe; sie sind bereit, 29% mehr für Gesundheitsvorsorge pro Kopf auszugeben als ihre männlichen Pendants (7). Im Jahr 2018 wurden bereits über 400 Millionen Dollar in FemTech-Firmen investiert (8), und das Potenzial des Marktes auf globaler Ebene soll bis 2025 auf unglaubliche 50 Milliarden Dollar steigen (9).

»Geben und Nehmen«

Der zweite Punkt im Hinblick auf die Sammlung von Daten findet sich in einem bis 1993 gültigen Verbot der FDA (U. S. Food and Drug Administration), das Frauen von jeglichen Versuchen mit Medikamenten ausschloss (10). Obwohl der Grund dieses Verbots im ehrbaren Versuch lag, das Leben ungeborener Kinder zu schützen, entstand bei der FDA dadurch eine riesige Lücke bei wissenschaftlichen Daten zur Wirkung von Medikamenten auf den weiblichen Körper. Diese Lücke ist ein großes Problem, das dringend einer Lösung bedarf – auch hierbei kann FemTech helfen. Mit klaren und ehrlichen Regelungen zu Datenschutz und Privatsphäre (11) können FemTech-Firmen uns über reine Bildung hinaus helfen, den weiblichen Körper auf der Basis des heutigen Wissens zu verstehen. Dieses Wissen kann auch erweitert werden, indem große Datensätze an wissenschaftliche Unternehmen weitergegeben werden. Clue arbeitet momentan mit der Max-Planck-Gesellschaft, der Colombia University und der Stanford University zusammen, um die Erforschung wichtiger Themen (12) wie beispielweise die psychologischen Veränderungen um den Eisprung herum, Schmerzmuster und die Vorhersage von Krankheiten zu fördern.

»Ein neues Recht auf Wahl: Hormonelle Verhütung ersetzen«

Aber kann FemTech hormonelle Verhütung wirklich ersetzen? Heute noch nicht. Natural Cycles, eine App, die Fruchtbarkeit auf Basis der BBT-Methode (Basal Body Temperature Method) analysiert, ist die erste FDA-zertifizierte Verhütungsmethode (13), auch wenn in Schweden und dem Vereinigten Königreich zuvor Klagen wegen ungewollter Schwangerschaften eingereicht wurden waren (14).

Der Trick liegt in den Definitionen: Die FDA erklärt, dass keine Verhütungsmethode zu 100% sicher ist. Natural Cycle behauptet (15), dass die App bei »normaler Nutzung« zu 93%, bei »perfekter Nutzung« zu 99% effektiv sei. Die App kann unter den richtigen Umständen genauso sicher sein wie hormonelle Verhütung – vorausgesetzt, die jeweilige Frau hat einen regelmäßigen Zyklus und nutzt die App immer korrekt. Hierzu muss jeden Tag zur exakt gleichen Zeit korrekt die Körpertemperatur gemessen und zu allen anderen relevanten Daten hinzugefügt werden. An roten Tagen muss entweder auf Sexualverkehr verzichtet oder ein Kondom verwendet werden. Da aber die meisten Frauen weniger vorhersehbare Zyklen und unregelmäßige Tagesabläufe haben, bleibt hormonelle Verhütung noch die sicherere Möglichkeit, um eine Schwangerschaft zu vermeiden.

Doch dies ist nur der Anfang – immerhin reden wir von einer Industrie, die erst seit 2015 einen Namen hat. FemTech-Start-ups haben zwischen 2014 und 2017 (16) 1,1 Milliarden Dollar verdient, und, wie erwähnt, soll der Wert des Marktes auf globaler Ebene bis 2025 auf unglaubliche 50 Milliarden Dollar steigen – Grund genug zu glauben, dass Innovationen folgen werden.

Links:

(1) https://en.wikipedia.org/wiki/Femtech
(2) https://rtslabs.com/how-a-new-technology-industry-and-its-data-are-improving-womens-health/
(3) https://www.cbinsights.com/research/femtech-market-map
(4)https://www.svb.com/globalassets/library/uploadedfiles/content/trends_and_insights/reports/women_in_technology_leadership/svb-suo-women-in-tech-report-2019.pdf
(5) https://thenextweb.com/business/2018/08/07/women-founders-get-less-funding-than-men-but-make-double-the-revenue/
(6)https://www.svb.com/globalassets/library/uploadedfiles/content/trends_and_insights/reports/women_in_technology_leadership/svb-suo-women-in-tech-report-2019.pdf
(7) https://www.dashplus.be/blog/the-rise-of-femtech-in-europe/
(8) https://pitchbook.com/news/articles/this-year-is-setting-records-for-femtech-funding
(9) https://www.itweb.co.za/content/lwrKxv3JX3Gqmg1o
(10) https://www.nytimes.com/1993/03/25/us/fda-ends-ban-on-women-in-drug-testing.html
(11) https://helloclue.com/articles/about-clue/the-journey-of-a-single-data-point
(12) https://helloclue.com/articles/about-clue/scientific-research-at-clue
(13) https://www.self.com/story/natural-cycles-first-fda-approved-birth-control-app
(14) https://www.theguardian.com/technology/2018/jan/17/birth-control-app-natural-cycle-pregnancies
(15) https://www.naturalcycles.com/science/research
(16) https://www.cbinsights.com/research/femtech-market-map/