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Das Jahr 1665

Was passierte in jenen Jahren, in denen unser Titelkunstwerk »Mädchen mit dem Perlenohrring« entstand? Was waren wichtige Neuigkeiten, was beschäftigte die Menschen in ihrem Alltag? In der Serie »Das Jahr X« beantworten wir diese Fragen und füllen die Jahreszahlen mit Leben. Verschiedenste Lebensbereiche spielen hier stets zusammen: Politik und Geschichte ebenso wie Kunst, Meteorologie und die öffentliche Sphäre. Elisabeth Stursberg rekonstruiert den historischen Kontext des Werkes und zeigt im sisterMAG die kleinen und großen Zusammenhänge auf.

Das Jahr 1665

Das Jahr der Entstehung unseres Gemäldes

Was passierte in jenen Jahren, in denen unser Titelkunstwerk »Mädchen mit dem Perlenohrring« entstand? Was waren wichtige Neuigkeiten, was beschäftigte die Menschen in ihrem Alltag? In der Serie »Das Jahr X« möchten wir diese Fragen beantworten und die Jahreszahlen mit Leben füllen. Verschiedenste Lebensbereiche spielen hier stets zusammen: Politik und Geschichte ebenso wie Kunst, Meteorologie und die öffentliche Sphäre. Wir rekonstruieren den historischen Kontext des Werkes und zeigen die kleinen und großen Zusammenhänge auf.

In dieser Ausgabe: Das Jahr 1665.

Biografien

Am 6. Februar 1665 wird im St. James‘s Palace in London Anne Stuart geboren. Eigentlich steht sie in der Thronfolge nicht auf den ersten Plätzen, doch nachdem ihr Vater als frisch konvertierter Katholik entthront wird und ihre Schwester sowie ihr Schwager sterben, ist es an ihr: 1702 wird Anne Königin von Irland und England, und die Vereinigung der beiden Königreiche England und Schottland fünf Jahre später macht sie zur ersten Königin Großbritanniens. Dem Beginn dieser Ära steht das Ende einer anderen Ära gegenüber: Weil keines ihrer Kinder ihr auf den Thron folgen kann, wird sie die letzte Königin aus dem Hause Stuart sein.

Geschichte & Politik

Dänemark-Norwegen ist bei weitem nicht der einzige europäische Staat, in dem eine Ständegesellschaft herrscht. Doch das Königreich wird durch mehrere Reformen politisch zum Vorreiter: Zum ersten Mal wird der Absolutismus hier in der Verfassung verankert, was eine Entmachtung der Stände bedeutet, und die Wahlmonarchie wird in eine Erbfolgemonarchie umgewandelt. Was aus heutiger Sicht überraschen mag: Es wird auch die weibliche Erbfolge eingeführt. Das Kongelov (Königsgesetz) gilt allerdings nur bis 1849 und ist deshalb nicht die rechtliche Grundlage dafür, dass 1972 Königin Margrethe II. den Thron besteigen wird.

Wissenschaft & Forschung I

Zurück nach London: Hier erscheint am 6. März das erste wissenschaftliche Journal, herausgegeben vom Sekretär der Royal Society, dem gebürtigen Bremer Heinrich »Henry« Oldenburg. Der Titel: »Philosophical Transactions« (wobei »philosophical« sich in jener Zeit noch auf die Naturwissenschaften bezieht). Die Idee des Journals ist, die Ergebnisse verschiedenster Forscher einem breiteren Publikum zugänglich zu machen und den Austausch zu fördern. Die wissenschaftlichen Standards und Methoden sind dabei noch recht divergent: Während am einen Ende des Spektrums Alchemisten sich an der Herstellung von Gold versuchen, steht am anderen Ende das streng wissenschaftliche Credo der Royal Society: Es gilt nur, was mittels wissenschaftlicher Experimente bewiesen werden kann.

Gesundheit

Immer noch in London, wo eine medizinische Katastrophe alles überschattet: Die Große Pest. Im April wird der erste damit verbundene Todesfall offiziell registriert. Danach wütet die Epidemie noch mehr als ein Jahr und kostet bis zu 100.000 Menschen das Leben. Insgesamt hat die Stadt frühen und noch nicht allzu verlässlichen Schätzungen zufolge zwischen 460.000 und 600.000 Einwohner.

In der Neuen Welt

In Amerika wird am 22. Juni Thomas Willett zum ersten Bürgermeister der Stadt New York bestellt, nachdem England die Kontrolle über die Provinz von den Niederlanden zurückerobert hat. Er spricht beide Sprachen und unterhält gute Verbindungen zu Vertretern beider Seiten, sodass er in den Jahren zuvor immer wieder als ein Vermittler zwischen den beiden Mächten fungiert hatte. Seine Aufgabe jetzt: Er soll in der kosmopolitischen Stadt und Kolonie den Übergang von der niederländischen zur englischen Herrschaft regeln.

Natur

Im 7. Jahrgang des Neuen Hannoverischen Magazins (erschienen 1797), das Notizen zu diversen Themen von Wirtschaft und Zünften bis zu „Sittenlehre und angenehmen Wissenschaften“ aus den vorangegangenen Dekaden versammelt, wird von einem „schreckliche[n] Wirbelsturm“ berichtet, der die Stadt Hannover am Nachmittag des „7ten Julius“ heimsucht: Nach Auskunft eines Augenzeugen ein Sturm, der „das auf der Bleiche befindliche Linnenzeug hoch in der Luft herumführte, höher als die Thürme der Stadt […].“

Öffentlichkeit & Gesellschaft

Wie lassen sich im Jahr 1665 Neuigkeiten verbreiten, gibt es Zeitungen? Tatsächlich erscheint das erste zeitungsähnliche, wöchentlich gedruckte Medium, Relation, bereits seit 60 Jahren und zwar in Straßburg. Bis zum Erscheinen der ersten Tageszeitung sollte es auch nicht mehr lange dauern: 1650 ist es in Leipzig so weit. Obwohl eine Art Vorversion der Zeitung, einzelne Blätter, die von sogenannte „Novellanten“ an Abonnenten verteilt werden, bereits seit einiger Zeit gängige Praxis sind, steht der massenhaften Verbreitung von Neuigkeiten im Druckformat ein historischer Aufschwung bevor.

Wissenschaft & Forschung II

Der englische Forscher Robert Hooke konzentriert sich darauf, wie Pflanzen aufgebaut sind und endlich, endlich gelingt ihm ein Durchbruch: Er entdeckt die Pflanzenzelle. Sein Ergebnis ist umso aufregender, weil sein Arbeitsgerät, das Mikroskop, selbst gerade erst erfunden worden ist.

Darstellende Kunst

In Frankreich regiert mit Pomp und Grandeur Louis XIV, der Sonnenkönig. Er hat Gefallen am Ballett gefunden und wohnt im September in Versailles der Uraufführung eines neuen Stücks bei: Die Musik zu »L’Amour médecin« hat Jean-Baptiste Lully komponiert – und das Libretto stammt von einem Juristen, Jean-Baptiste Poquelin, der sich beruflich neu orientiert hat und unter dem Namen Molière zu einem Klassiker werden sollte.

Politik & Architektur

In Berlin beginnen hinter dem Schloss die Bauarbeiten am Alten Marstall. Noch ist das kurfürstliche Schloss nicht die offizielle Königsresidenz, doch anstelle der ursprünglichen mittelalterlichen Anlage erhebt sich auf dem historischen Gelände mittlerweile ein Renaissancebau mit einem umgebenden Säulengang und verzierten Giebeln – der nach dem Dreißigjährigen Krieg allerdings ziemlich verfallen ist. Kurfürst Friedrich Wilhelm lässt das Schloss nun wieder herrichten, und bald wird sich auch der prominente Barockbaumeister Andreas Schlüter ans Werk machen.

Wollt Ihr noch mehr über die Entstehungsjahre unserer 2019 Kunstwerke erfahren? Dann schaut doch auch mal z.B. in das Jahr 1907 von sisterMAG No. 49 oder das Jahr 1877 von sisterMAG No. 44.