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Warum uns Naturgeräusche guttun

Vogelgezwitscher am Morgen, Meeresrauschen aus einer Muschel, das Wasserplätschern unter der Dusche, eine Playlist mit Walgesängen – all diese Momente haben eins gemeinsam: Sie enthalten Naturgeräusche. Und die haben durchweg positive Effekte auf unser Gemüt. Autorin Marlen Gruner erklärt im neuen sisterMAG, warum sich Naturgeräusche positiv auf die menschliche Psyche auswirken.

Vogelgezwitscher und Meeresrauschen

Warum uns Naturgeräusche guttun

Vogelgezwitscher am Morgen, Meeresrauschen aus einer Muschel, das Wasserplätschern unter der Dusche, eine Playlist mit Walgesängen – all diese Momente haben eins gemeinsam: Sie enthalten Naturgeräusche. Und die haben durchweg positive Effekte auf unser Gemüt.

Das Beste an Sounds aus der Natur ist: Wir bekommen sie gratis, beim Spaziergang mit dem Partner, der Familie oder Freunden, beim Gang zur Arbeit, zum Supermarkt … einfach dann, wenn man im Freien ist. Wer sich also häufig in der Natur aufhält, darf auch von der Wirkung ihrer Geräusche profitieren.

Und genau hier liegt auch der evolutionäre Ursprung: Schließlich verbrachten unsere Vorfahren den Großteil ihrer Zeit in der Natur. Somit ist eine Verbindung zu ihr und entsprechenden Sounds quasi in unseren Genen verankert. Das zeigt sich beim Konsumieren solcher auditiven Reize.

Künstliche vs. natürliche Geräusche

Sie regen das Gehirn anders an als künstliche Sounds. Während Wasserplätschern, Vogelgezwitscher und Co. dabei als eher angenehm empfunden wird und dadurch zur innerlichen Entspannung sowie zum Stressabbau beiträgt, wirken künstliche Geräusche oft disharmonisch, erzeugen Hektik und lenken in der Folge ab. (1) Die Aufmerksamkeit des Rezipienten wandert dann zu ihnen hin, der Effekt der Entspannung ist eher gering.

Eine Studie der Stockholmer Universität attestiert deshalb Naturgeräuschen, dass sie psychischen Stress lindern und erholsam wirken können. (2) Und vielmehr noch: Durch entspannende Töne können sogar die Kreativität sowie das Konzentrationsvermögen angeregt und die Kraft sowie Energie gefördert werden, Lösungen zu finden.

Achtsamkeit bzw. Achtlosigkeit

Experten raten deshalb, auf Kopfhörer und ablenkende Musik beim Joggen im Freien zu verzichten und sich auf die natürliche Geräuschkulisse während des Laufens zu konzentrieren. (1) Dabei können Vögel und ihr Gezwitscher genauso wie der eigene Atem entspannend wirken. Achtsamkeit ist hier das Stichwort, sich auf sich zu konzentrieren und externe, energieraubende Störfaktoren auszuschalten.

Doch Kurt Fristrup, Wissenschaftler bei der US-Parkbehörde, sieht die Geräuschkulisse der Natur gewissermaßen bedroht. Zum einen tragen wir besagte Kopfhörer und blenden die potenziell entspannenden Umgebungsgeräusche aus. Zum anderen wird die Natur immer lauter. Über mehrere Jahre untersuchte der Forscher amerikanische Nationalparks und fand heraus, dass ihr Lärmpegel durch Motorengeräusche und Flugzeugüberflüge signifikant stieg. (6) Dieser würde sich in den kommenden 20 bis 30 Jahren sogar noch verdoppeln bis verdreifachen. (3) Das heißt, dass es immer schwieriger werden könnte, sich in der Natur zu entspannen, weil die dortige Geräuschkulisse durch Störgeräusche beeinflusst und damit lauter wird.

Vogelgezwitscher

Bis es soweit ist, lauschen wir zum Beispiel Vogelgeräuschen. Diese lösen laut Julian Treasure von The Sound Agency physische Entspannung aus und führen gleichzeitig zu kognitiver Stimulation. (4) »Die Menschen empfinden Vogelgezwitscher als entspannend und beruhigend. Denn über Tausende von Jahren haben sie gelernt, dass sie, wenn die Vögel singen, in Sicherheit sind. Wenn Vögel aufhören zu singen, müssen sich die Menschen Sorgen machen. Vogelgezwitscher ist damit der Wecker der Natur. Der Chor zur Morgenröte signalisiert den Beginn des Tages und stimuliert uns kognitiv«, erklärt Treasure. (4)

Geräuschkulissen wie diese funktionieren deshalb so gut, weil sie aus vielen zufälligen Sounds bestehen, ohne einen sich wiederholenden Rhythmus oder ein bestimmtes Muster zu haben, auf das man sich konzentrieren müsste. »Es bleibt nicht im Kopf und ärgert einen, aber es lässt einen auch nicht einschlafen und langweilt nicht«, sagt Russell Jones vom Marketingbüro Condiment Junkie. (4) Dabei müssen es übrigens nicht immer Töne von Vögeln, sondern können auch Geräusche anderer Tiere sein, denen man gewissermaßen nahesteht. »Solch ein Sound ist unglaublich wachrüttelnd und hat die Kraft, uns sofort an einen anderen Ort zu bringen«, erklärt dazu die Sound-Kuratorin der British Library, Cheryl Tipp. (5)

Meeresrauschen

Auch Meeresrauschen weckt positive Erinnerungen, etwa an vergangene Urlaube – dieses Geräusch, das man bei der jeweiligen Reise abgespeichert und mit Wohlgefühl verknüpft hat, kann selbiges beim bloßen Hören wieder auslösen. Und das obwohl Meeresrauschen mindestens so laut wie Autolärm im Straßenverkehr oder Stimmengewirr im Kaufhaus ist. (7) Trotzdem führt das regelmäßige, ungleichmäßige Geräusch zu Wohlgefühl.

Ebenso verhält es sich bei Regen bzw. Wasserplätschern, was laut der Forscherin Myriam Thoma von der Universität Zürich als »lebensspendend« und damit beruhigend gilt. (8) Dieses Reiz-Reaktionsmuster funktioniert auch bei anderen Naturgeräuschen wie etwa bei Wind und Donner.

Live vs. Konserve

Das Gute an ihnen: Natursounds entfalten ihre Wirkung nicht nur »live«, sondern auch aus der Konserve. Über Kopfhörer etwa im Büro gehört, helfen sie laut Julian Treasure dabei, Störgeräusche wie Gespräche auszublenden. (4) Neben diesem Filter unterstützen sie den Rezipienten, sich durch das Gehörte zu entspannen, zu konzentrieren und auf die Arbeit zu fokussieren. »Antäuschen« ist also mehr als okay, denn es erfüllt den Zweck. Auch wenn das Vogelgezwitscher etc. nur im Kopf stattfindet. Einen Spaziergang im Wald ersetzt das reine Hören natürlich nicht. Man denke nur an die anderen Sinne: Auge, Nase, Gaumen und Hände wollen schließlich auch etwas zu tun bekommen und erfrischendes, harmonisierendes Grün sehen, Holzduft schnuppern, Walderdbeeren kosten und mit den Fingern über weiches Moos fahren …

Wer sich nun die ganze Zeit des Lesens über gefragt hat, woher eigentlich das eingangs erwähnte Meeresrauschen kommt, das man hört, wenn man sich eine Muschel ans Ohr hält, soll hier eine Antwort bekommen: Das entsteht durch Umgebungsgeräusche, die als Schallwellen in die Muschel eindringen und zwischen den Wänden im Inneren hin und her geworfen werden. Sie bringen die Luft in der Muschel zum Schwingen. Einige Umgebungsgeräusche werden dabei verstärkt, andere abgeschwächt. Das hört sich dann wie beruhigendes Meeresrauschen an.