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Enthaltsam in die Ehe – Moderne Keuschheitsbewegungen

Enthaltsam in die Ehe – nach diesem Vorsatz leben Millionen von jungen US-Amerikanern. Als Symbol ihrer Überzeugung tragen viele von ihnen einen Ring am Finger. In Europa hat sich die Idee der modernen Keuschheitsbewegungen jedoch nicht durchgesetzt. Alexander Kords fasst im sisterMAG zusammen.

Enthaltsam in die Ehe – Moderne Keuschheitsbewegungen

Wahre Liebe Wartet – so hieß eine Bewegung, die vor einigen Jahren deutsche Jugendliche dazu bewegen wollte, auf Sex vor der Ehe zu verzichten. Ihr Vorbild hatte sie in den USA, wo Keuschheitsbewegungen nach wie vor weit verbreitet sind.

Was haben Giovanna Garzoni, Britney Spears und Miley Cyrus miteinander gemein? Nein, die gesuchte Antwort ist nicht die offensichtliche: dass die drei anerkannte weibliche Künstler ihrer Zeit waren beziehungsweise sind. Vielmehr verbindet sie eine Haltung, die heutzutage als überholt gilt: vor der Ehe enthaltsam zu leben. Ob Spears und Cyrus dieses Vorhaben tatsächlich realisiert haben, darf zwar bezweifelt werden. Garzoni jedoch hatte sogar den Beinamen Chaste Giovanna (»Keusche Giovanna«), weil sie ihr Leben lang enthaltsam war. Ob sie jemals verheiratet war, ist nicht geklärt. Es kann sogar sein, dass sie eine kurze Ehe mit dem Maler Tiberio Tinelli eingegangen ist. Die ist dann entweder an ihrem Keuschheitsgelübde gescheitert oder daran, dass Tinelli von seinem Schwiegervater verdächtigt wurde, ein Hexer zu sein.

Geschlechtskrankheiten und schwangere Teenager

Aus deutscher Sicht mag einem das Konzept, vor der Ehe auf Sex zu verzichten, seltsam vorkommen. In den USA ist es dagegen relativ weit verbreitet. Zurückzuführen ist dies auf die weite Verbreitung des christlichen Glaubens. Vor allem konservative Gruppierungen sehen es als ihre Pflicht an, ihre jungen Mitglieder vor vorehelichem Geschlechtsverkehr zu schützen. Die Gefahr ist zu groß, dass sie eine sexuell übertragbare Krankheit bekommen, außerdem sind die USA weltweit eines der Länder mit der größten Anzahl an schwangeren Teenagern. Es gibt sogar verschiedene Organisationen, die ausschließlich die Enthaltsamkeit vor der Ehe postulieren. Die erste wurde 1987 vom Baptistenpriester Jimmy Hester konzipiert. Dieser wurde damals von seiner Kirche damit beauftragt, ein Enthaltsamkeits-Programm zu entwerfen. Das tat er praktisch auf einer Serviette – und brachte damit eine der größten kirchlichen Bewegungen der Neuzeit an den Start. Unter dem Namen True Love Waits gab die Kirche ab 1993 so genannte Commitment Cards aus, die allein im ersten Jahr von mehr als 100.000 jungen Menschen unterschrieben wurden. Nach zehn Jahren war die Anzahl der unterschriebenen Verpflichtungskarten schon auf drei Millionen angewachsen.

Wahre Liebe Wartet

Auch in anderen Ländern verbreitete sich True Love Waits schnell. So gründete der BWL-Student Michael Müller Ende der 1990er-Jahre die Bewegung Wahre Liebe Wartet in Deutschland. Die hatte eine relativ große Medienpräsenz, weil mehrere Mitglieder in Interviews ihre Ansichten zum Besten gaben. Außerdem brachte die Organisation eine Broschüre heraus, in der das »Dr. Winter Team« – als direkter Gegenentwurf zu den Sex-Tipps der »Bravo« – Ratschläge für ein enthaltsames Leben gab. Im Vergleich zu den Millionen von Befürwortern in den USA blieb die deutsche Variante mit rund 10.000 unterschriebenen Verpflichtungskarten jedoch relativ klein. Ab 2011 wurde die Homepage von Wahre Liebe Wartet¹ nicht mehr aktualisiert, seit 2018 sind nur noch drei Punkte darauf zu sehen. Liegt wohl daran, dass Michael Müller inzwischen geheiratet hat…

Ein Ring am Finger

Keine Karte, sondern ein Ring ist das Symbol verschiedener anderer Keuschheitsbewegungen. Eine davon heißt Silver Ring Thing und wurde im Jahr 1995 gegründet. Die Mitglieder tragen den Ring nicht als Schmuckstück, sondern als ständige Erinnerung an ihr Gelübde. In den USA finden regelmäßig Bälle statt, auf denen die Besucherinnen das Versprechen ablegen, bis zur Ehe enthaltsam zu bleiben. Anschließend erhalten sie den Ring oder einen Armreif. In manchen Fällen hat das Stück die Form eines Herzens, und der Vater bekommt einen Schlüssel, den er am Tag der Hochzeit seiner Tochter an ihren Ehemann weitergibt. Weltweite Aufmerksamkeit erregte im Jahr 2007 der Fall der 16-jährigen Schülerin Lydia Playfoot aus dem englischen Horsham. Sie besuchte eine Schule, in der das Tragen von Schmuck verboten war, weigerte sich jedoch, ihren Keuschheitsring abzulegen. Playfoot verklagte die Schule, weil diese ihrer Meinung nach ihre Menschenrechte einschränkte. Schließlich dürften muslimische Schülerinnen auch ein Kopftuch tragen. Das Gericht gab allerdings der Schule recht, weil der Ring kein fester Bestandteil des christlichen Glaubens ist. Playfoots Vater Phil, der zu dieser Zeit der Vorsitzende des britischen Ablegers von Silver Ring Thing war, musste die Prozesskosten in Höhe von 12.000 Pfund tragen.

Finger weg von Justin!

Es darf generell daran gezweifelt werden, dass die Zugehörigkeit zu einer Keuschheitsbewegung tatsächlich Sex vor der Ehe verhindert. Wissenschaftler der Universitäten von Yale und Columbia haben im Jahr 2004 eine Studie mit 12.000 Jugendlichen zwischen zwölf und 18 Jahren durchgeführt, die eine Verpflichtungskarte von True Love Waits unterschrieben haben. Spätestens nach sechs Jahren hatten überwältigende 88 Prozent von ihnen Sex vor der Ehe. Zudem zeigte sich, dass die Studienteilnehmer früher geheiratet haben als der Durchschnittsamerikaner. Und als Britney Spears 1999 verkündete, bis zur Ehe enthaltsam zu leben, war sie gerade mit Justin Timberlake zusammen. Es ist wohl eher unwahrscheinlich, dass die beiden die Finger voneinander gelassen haben.