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Von Dante zu Whatsapp, Twitter, Instagram

Die »Göttliche Komödie« von Dante Alighieri dreht sich um wohl überlegte Verse von vor 700 Jahren. Im Vergleich dazu scheint die Sprache bei WhatsApp, Twitter und Instagram viel kürzer und einfacher zu sein. Laut Linguisten ist das Fluch und Segen zugleich. Einen Überblick bietet Marlen Gruner im neuen sisterMAG.

Die »Göttliche Komödie« von Dante Alighieri dreht sich um wohl überlegte Verse von vor 700 Jahren. Im Vergleich dazu scheint die Sprache bei WhatsApp, Twitter und Instagram viel kürzer und einfacher zu sein. Laut Linguisten ist das Fluch und Segen zugleich.

Wenn wir in sozialen Netzwerken unterwegs sind, tauchen wir in eine andere Welt ein und sprechen eine andere, verkürzte Sprache. Diese folgt eigenen Regeln, die einige Experten kritisch und andere durchaus positiv sehen.

Buchstabenkombinationen

In der Kürze liegt die Würze. Das trifft vor allem auf WhatsApp-, Twitter- und Instagram-Texte bzw. -Nachrichten zu – und liegt vor allem am Tempo. Denn im digitalen Zeitalter, in dem durch verschiedenste Kanäle massenhaft Infos auf uns einprasseln, müssen wir nicht nur für uns herausfiltern, welche wir benötigen und welche nicht, sondern auch schnell sein. Folglich kommunizieren wir binnen kürzester Zeit in wenigen Zeichen möglichst viel Inhalt. Das Mittel zum Zweck sind deshalb Abkürzungen und Auslassungen.

Das können etwa Buchstabenkombinationen sein. Dabei lässt sich zwischen englischen Kurzversionen wie LOL (Laughing out loud), YOLO (You only live once) oder TBT (Throwback Thursday) und deutschen Raffungen wie HDL (Hab dich lieb) oder HDGDL (Hab dich ganz doll lieb) unterscheiden. Die gewählte Sprache ist vom Gesprächspartner abhängig, mit dem man kommuniziert. So wird einer Mutter vermutlich eher ein HDL als ein YOLO per WhatsApp geschickt.

Emotionen

Auch im Bereich der Emotionen lässt sich die Sprache bei WhatsApp und Co. verknappen. Statt in einem Satz oder auch nur einem Nebensatz zu erklären, wie es dem Schreiber gerade geht, was er sich wünscht oder worüber er sich ärgert, tippt er einfach ein Wort, gekoppelt an einen Hashtag oder eingeklammert in Sternchen, um einem Gefühl Nachdruck zu verleihen. *Seufz* oder #Ächz kann dann zum Beispiel für eine Anstrengung stehen, *Knutscher* oder #Drücker kann zeigen, dass der Sender dem Empfänger einen Kuss senden möchte. Auf diese Weise wird Sprache inszeniert und erinnert durch ihre Symbolik ein wenig an Sprechblasen aus Comics.

Noch kürzer geht es mit einem Emoticon. Der Begriff  setzt sich aus »Emotion« und »Icon« zusammen und kombiniert demnach Gefühl und Symbol. In Social-Media-Texten bzw. -Nachrichten wird das mithilfe von Zeichenkombinationen ausgedrückt. Dabei werden etwa Doppelpunkte und Klammern zu lachenden Gesichtern zusammengesetzt. Der Fantasie sind hier kaum Grenzen gesetzt :). Aus Japan stammt die Weiterentwicklung dessen – Kaomoji genannt – mit aufwendigen Kreationen wie ¯\_(ツ)_/ und die beliebten Emojis. Diese Bildmotive symbolisieren seit 2011 Emotionen. Wie in einem Bilderrätsel lassen sich ganze Geschichten in einer Reihe von Emojis erzählen. Ihr Vorteil: Da sie bildhaft sind, lassen sie sich innerhalb einer Nachricht schneller mit dem Auge erfassen.

Zahlen

Laut deutscher Rechtschreibung werden ja eigentlich auch Zahlen bis einschließlich zwölf ausgeschrieben. Eigentlich! Denn häufig werden sie, bedingt durch Zeichenbegrenzungen auf Socia-Media-Plattformen wie Twitter, von Wörtern zu Ziffern. Ein Tastendruck genügt, und statt »zwei« steht im Text »2«. Sogar Worte werden auf diese Weise kreativ verknappt: »N8!« steht dann für »Gute Nacht« oder »m1« für »meins«.

Von Trendbegriffen über Artikel bis hin zu Satzzeichen

Immer häufiger werden auch Artikel oder Pronomen weggelassen, der Satz wird dann zum Fragment, zur sogenannten Ellipse. Der Inhalt erschließt sich auch ohne diese »Füllwörter«, da das Wichtigste ja bereits enthalten ist. Prof. Dr. Michael Beißwenger von der Universität Duisburg-Essen spricht in diesem Zusammenhang von einer »ökonomischen Produktionsstrategie«. (4) »Lust auf Party?« oder nur »Party machen?« kann es dann heißen. Freunde werden zu ihrer Motivation für eine Sporteinheit mit »Später Sport?« befragt. Dabei stehe eher die Interaktion als der Inhalt im Vordergrund, meinen Experten. Als »interaktionsorientierte Schreibhaltung« beschreibt Sprachwissenschaftlerin Angelika Storrer (4) dieses Phänomen.

Und dann gibt es da noch Trendbegriffe, die sich in unsere Sprache je nach Alter und gesellschaftlicher Gruppierung einschleichen. Sie fassen in gehypten Begriffen Dinge, Einheiten oder Gruppen zusammen und verkürzen sie auf ein einziges Wort. Gern werden hierfür Anglizismen verwendet. Dann werden etwa Sarah, Julia und Anna aus dem Freundeskreis zur »Squad«. Unüblich ist eine solche Benennung allerdings nicht. Bereits früher gab es Trendbegriffe wie etwa »Clique« für Strukturen wie den Freundeskreis.

Manch einer wird in seiner Kommunikation noch reduzierter und schreibt sprichwörtlich ohne Punkt und Komma. Das erschwert es dem Leser, den Sinn der Wortwüste zu entziffern, scheint aber der Schnelligkeit des Schreib- und Informationsflusses geschuldet zu sein. Der Schlusspunkt nimmt für Forscher dabei eine Sonderstellung ein. Sie vermuten, dass das Setzen weniger eine grammatikalische Bedeutung, sondern vielmehr eine Signalwirkung habe und für Aggression oder Überdruss stehe. »Einen Punkt machen heißt: Mich nervt der Gesprächsverlauf, ich will das Thema hiermit beenden. Diese Verwendungsweise ist hochsprachlich weder erfasst noch vorgesehen«, erklärt Prof. Dr. Jannis Androutsopoulos von der Universität Hamburg. (4)

Verrohte Sprache vs. kreative Ergänzung

Mit Blick auf all diese Auslassungen und Abkürzungen stellt sich schließlich die Frage: Ist diese neue, verkürzte Sprache, die wir in den sozialen Netzwerken nutzen, gut oder schlecht? Nun, Sprachforscher stehen diesen Verkürzungen und Ersetzungen oft kritisch gegenüber. Sie würden gerade junge Menschen ansprechen, die mit diesen Medien aufwachsen und sie regelmäßig sowie häufig nutzen, jedoch seien deren eigene Sprache und eine gewisse Sicherheit im Umgang damit noch nicht genügend ausgeprägt. (1) Die Sprache verrohe. Hans Zehetmair, früherer Chef des Rats für deutsche Rechtschreibung, hatte in diesem Zusammenhang von einer »Recycling-Sprache« gesprochen. (2)

Er monierte zudem: »Einer SMS mangelt es an Gefühl und Herzlichkeit.« (2) Durch sie könne nicht dieselbe Emotion vermittelt werden wie im Gespräch. Die Kommunikationswissenschaft unterscheidet in diesem Zusammenhang zwischen verbaler und nonverbaler Kommunikation. Während sich die verbale Komponente um den reinen Text dreht, fügt die nonverbale Kommunikation nicht-textliche Komponenten hinzu. Das können Gestiken, Mimiken und die Stimme des Sprechenden sein. Die fehlen allerdings bei einer WhatsApp oder einem Tweet. Jedoch können diese nonverbalen Kommunikationselemente durch Emoticons und Emojis kompensiert werden. Insofern kann die Netzsprache durchaus als kreative Ergänzung zur Sprache gesehen werden. »Indem man spontan reagiert, ist man teilweise auch kreativ«, meint dazu Peter Schlobinski, Vorsitzender der Gesellschaft für deutsche Sprache. (3)

Zudem können Nutzer sozialer Netzwerke sehr wohl unterschieden, in welchem Kommunikationsmedium sie sich befinden und wer der Empfänger ist, meinen Experten. Entsprechend passen sie sich bzw. ihre Kommunikation an. »Wenn ich bei WhatsApp etwas schreibe oder bei Facebook, dann schreibe ich natürlich anders, als wenn ich ein Essay schreibe oder einen Brief an den Präsidenten. Das heißt also, wir haben unterschiedliche Sprachregister. Wenn ein relativ lockerer Stil gepflegt wird, schreiben wir auch entsprechend lockerer«, erklärt Schlobinski. (3) Damit ist klar: In der Kürze kann durchaus sprachliche Würze liegen!

 

(1)https://www.zeitjung.de/sprache-sprachgebrauch-schrift-kommunikation-social-media/

(2)https://www.bild.de/politik/inland/twitter/rechtschreib-papst-zehetmair-wettert-gegen-twitter-und-sms-27759488.bild.html

(3)https://www.deutschlandfunkkultur.de/soziale-netzwerke-wie-twitter-die-sprache-veraendert.1008.de.html?dram:article_id=437726

(4)https://politik-digital.de/news/die-veraenderte-kommunikation-im-digitalen-zeitalter-153968/