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Die Geschichte von Demonstrationen

Demonstrationen (lat. »demonstrare« zeigen, hinweisen, nachweisen) werden aus soziologischer Sicht als symbolische Handlung gedeutet. Seit der Aufklärung wird die Straße zum wirkmächtigen Ort einer bürgerlichen Öffentlichkeit, zum Raum der Demokratie, an dem Meinungen verhandelt und politische Botschaften körperlich aufgezeigt werden können. Schon im Vormärz 1848 haben es 500 Studenten mit ihren Protesten gegen reaktionäre Politik auf dem Wartburgfest vorgemacht. Zum Massenphänomen wurden Demos aber erst in den 1960ern. Ein kleiner Abriss.

»Die Straße ist unser Massenmedium«, verkündete der Schriftsteller Peter Weiß 1968 in West-Berlin vor der Vietnam-Demonstration. Und etablierte die Straße als Ort der demokratischen Meinungsverbreitung bei öffentlichen Versammlungen. Eine Demonstration (lat. »demonstrare« zeigen) gilt aus soziologischer Sicht als symbolische Handlung. Seit der Aufklärung dient die Straße als wirkmächtiger Ort einer bürgerlichen Öffentlichkeit, als Raum der Demokratie, an dem Meinungen frei verhandelt, Bürgerrechte eingefordert und politische Botschaften körperlich aufgezeigt werden können. Mit Widerstand etwas bewegen: Schon im Vormärz 1848 haben es 500 Studenten mit ihren Protesten gegen reaktionäre Politik auf dem Wartburgfest vorgemacht. Zum Massenphänomen wurden Demos aber erst in den 1960ern. Ein kleiner Abriss.

 

Die 60er: Die Bürgerrechtsbewegung in den USA

Ihren Ursprung als populäre Massenphänomene nahmen Demonstrationen mit der Bürgerrechtsbewegung in den USA, die sich für die Gleichberechtigung von Afroamerikanern einsetzte. Seit dem Ende des Amerikanischen Bürgerkriegs 1865 war die Sklaverei in den USA zwar abgeschafft, allerdings blieben Afroamerikaner gerade in den Südstaaten wegen der gesetzlichen Rassentrennung unterdrückt. Gesonderte Sitzplätze in Bussen oder getrennte Toiletten für Weiße und Schwarze zählten zum Alltag. Unter der Führung von Martin Luther King fand am 28. August 1963 der »Marsch auf Washington für Arbeit und Freiheit« statt, der als einer der Höhepunkte der Bürgerrechtsbewegung in den USA gilt. Bei der politischen Demonstration versammelten sich über 200.000 Menschen sowohl weißer als auch schwarzer Hautfarbe für einen friedlichen Protest vor dem Lincoln Memorial in Washington, D.C. Martin Luther King hielt auf der Veranstaltung seine berühmt gewordene »I have a dream«-Rede, die die Vision eines gleichberechtigten Zusammenlebens Weißer und Schwarzer skizziert. Gewaltfreier Widerstand mit zivilem Ungehorsam war die Maxime. Und die Bewegung war erfolgreich: Der Marsch bewirkte die Verabschiedung des Civil Rights Acts 1964, der die gesetzliche Rassentrennung (beispielsweise in Bussen) aufhob.

 

Vietnamkrieg & Counter Culture

Nicht nur innenpolitisch war die Stimmung in den USA in den 1960ern aufgeheizt. Auch außenpolitische Konflikte wie der Vietnamkrieg ließen die Protestbewegung aufflammen. Bombenangriffe auf Nordvietnam ohne Kriegserklärung und der Chemiewaffeneinsatz ließen die Friedensbewegung erstarken. Rund 100.000 junge Menschen, darunter überwiegend Männer, demonstrierten am 21. Oktober 1967 beim »March on the Pentagon« in Washington D.C. für den bedingungslosen Abzug des US-Militärs aus Vietnam. Viele verbrannten ihre Wehrpässe und Einberufungsbefehle. Die Demonstration stellte einen Wendepunkt dar: Tausende junge Männer in den USA verweigerten den Kriegsdienst, so dass die Antikriegsbewegung weltweit immer stärker wurde. Der Entwicklung Vorschub leistete die Gegenkultur der Hippiebewegung ganz nach ihrem Slogan »make love, not war«, die sich gesellschaftlichen Konventionen bewusst widersetzte. Friedensbewegung, freie Liebe, Drogenkonsum, fernöstliche Religionen und sexuelle Freiheit waren nur einige Kernpunkte des liberalen Lebensstils.

 

Die 68er-Studentenproteste

Auch die deutschen Studenten verlangten – wie ihre Studiengenossen in den USA – ein Ende des Vietnamkriegs. Die 68er störten Universitätsveranstaltungen und blockierten den Straßenverkehr durch friedliche Sit-ins, was zu einer gerechteren Hochschulreform führte. Im Rückgriff auf die linksliberalen und neomarxistischen Theorien der Frankfurter Schule sowie der US-amerikanischen Hippie-Bewegung brachen sie mit bürgerlichen Konventionen: Freie Sexualität und lässiger Kleidungsstil waren an der Tagesordnung. Am meisten wirkten sie dem konservativen Geschlechterbild der »heilen Familie« der 1950er entgegen. Kritiker sahen übrigens in der Bewegung die Ursache für die zunehmende Scheidungsrate. Ihren Antrieb fand die 68er-Bewegung in der Studentenvereinigung »Sozialistischer Deutscher Studentenbund« (SDS) mit namhaften Vertretern wie Rudi Dutschke, Dieter Kunzelmann und Bernd Rabehl. Sie stellten dabei die etablierte Presse in Frage. Bei einem Attentat auf dem Berliner Ku’damm am Gründonnerstag 1968 war Rudi Dutschke, die Galionsfigur der Studentenbewegung, durch einen Kopfschuss lebensgefährlich verletzt worden. Zuvor hatten die Journalisten der BILD-Zeitung den aus der DDR geflohenen Soziologiestudenten lautstark zum »Volksfeind Nr. 1« erklärt.

Der Anschlag brachte das Konfliktfass zum Überlaufen: Aus der friedlichen Protestbewegung wurde eine handfeste Studentenrevolte. In 27 Städten kam es an den Ostertagen 1968 zu teils gewaltvollen Straßenschlachten. Zehntausende junge Menschen warfen Steine in Springer-Filialen und setzten deren Lieferfahrzeuge in Brand. Die Osterunruhen zählten zu den größten Demonstrationen, die die junge Bundesrepublik gesehen hatte. Knapp vier Wochen später boten die geplanten Notstandsgesetze der Großen Koalition Grund für weitere Unruhen. Zwar sollte die Notstandsregelung die Handlungsfähigkeit des Staates in Krisensituationen garantieren; linksgerichtete Studenten befürchteten jedoch, dass die Regierung demokratische Grundrechte einschränken könnte. Am 11. Mai 1968 protestierten rund 60.000 Menschen beim Sternmarsch auf Bonn gegen deren Einführung. Ein letzter Höhepunkt der 68er: Bereits 1969 flaute die Studentenbewegung ab, da sie sich intern immer mehr zerstritt. Ein Teil sah nur den Protest mit Waffen als adäquate Antwort auf die politischen Konflikte, woraus terroristische Vereinigungen wie die RAF hervorgingen. Andere Aktivisten wie Rudi Dutschke begründeten die Partei Bündnis90/Die Grünen oder schafften es wie Joschka Fischer in den Bundestag.

 

Die 70er: Die Anti-Atomkraft-Bewegung

In den siebziger Jahren formierte sich im Zuge der Ölkrise eine neue Protestbewegung, die durch friedliche Kundgebungen und Sit-ins gegen die Nutzung von Kernenergie demonstrierte: die Anti-Atomkraft-Bewegung. Sie protestierte für den Atomausstieg und wuchs weit über die politischen Ansätze der traditionellen linken Aktivisten der 68er hinaus. Damit verbunden war ebenso die Entstehung einer jungen Subkultur, die einen umweltbewussten Lebensstil vertrat. Kaum zu glauben: Die erste erfolgreiche Anti-AKW-Initiative der Welt begann tatsächlich 1958 in Kalifornien und richtete sich gegen das Kernkraftprojekt an der Bodega Bay nördlich von San Francisco. Der Historiker Joachim Radkau sieht in der deutschen Anti-Atomkraft-Bewegung wegen ihrer Kontinuität den »größten und gedankenreichsten öffentlichen Diskurs der Bundesrepublik«. In kürzester Zeit gelang es der Bewegung, große Menschenmengen zu mobilisieren – unter anderem deswegen, weil die Bundesregierung gegen die Massendemonstrationen wie in Wyhl (1975), Brokdorf (1976/77), Kalkar (1977), Gorleben (1978/79) und Bonn (1979) autoritär vorging. Einen Höhepunkt stellten die Proteste um das Atommülllager Gorleben dar: Im Frühjahr 1979 demonstrierten in Hannover rund 100.000 Menschen unter der Parole »Gorleben soll leben«. Die Atomkraftgegner setzten sich mit Gewaltfreiheit durch. Ökologische Proteste sorgten auch in den 2000ern auf den Straßen für Furore. Sei es die Auseinandersetzung um den Bahnhof Stuttgart 21 (2009) oder die Proteste im Hambacher Forst (2018) gegen den Braunkohleabbau, auch heute noch sind Sit-ins beliebte Protestformen.

 

Demonstrationen & Social Media

Eine neue Stoßrichtung erfuhren Demonstrationen und öffentlicher Meinungsaustausch ab den 2000ern durch das Aufkommen von Social Media. Wie sehr Facebook & Co. als Katalysatoren einer sozialen Protestbewegung fungieren können, zeigt das Beispiel des »Women’s March on Washington«. Mit dem Protestmarsch für Frauen- und Menschenrechte demonstrierten überwiegend Frauen am 21. Januar 2017 in Washington D.C. einen Tag nach der offiziellen Amtseinführung von Präsident Donald Trump. Ausgangspunkt der Proteste war ein Facebook-Event: Weil die Hawaiianerin Teresa Shook Trumps Aussagen für frauenfeindlich und rassistisch hielt, organisierte sie auf Facebook nach der Präsidentschaftswahl am 9. November 2016 einen Protestmarsch gegen seine Politik. Das Ergebnis war rekordverdächtig: Allein in Washington versammelten sich rund eine halbe Million Menschen. Zeitgleich gab es Solidaritätsmärsche in 670 Städten, u.a. in Paris, London, Berlin, New York und Wien.

 

Digitale Demos: #MeToo

Soziale Medien verändern und problematisieren tatsächlich gesellschaftliche Konflikte. In der digitalen Welt können heutzutage öffentliche Aufstände schon mit einem Hashtag beginnen. Als Schauspielerin Alyssa Milano im Oktober 2017 im Zuge des Harvey-Weinstein-Skandals auf Twitter das Hashtag #MeToo benutzte, löste sie eine weltweite Sexismus-Debatte in nie gekanntem Ausmaß aus. Milano wollte Frauen ermutigen, mit dem Hashtag auf sexuelle Belästigung im Alltag aufmerksam zu machen, was die Größe des Problems aufzeigen sollte. Mit Erfolg: #MeToo ging viral und trendete in über 85 Nationen. #MeToo ist dabei ein rares Beispiel für die Durchschlagkraft sozialer Medien: Während aus Internettumulten selten politische Konsequenzen gezogen werden, schaffte es das Hashtag gar ins EU-Parlament. In Deutschland führte #MeToo etwa zur Gründung der »Vertrauensstelle gegen sexuelle Belästigung«. Wie problematisch die Rolle von Social Media sein kann, zeigen die Ausschreitungen von Chemnitz 2018. So spielten falsch verbreitete Gerüchte in den sozialen Medien nach dem Stadtfest eine tragende Rolle bei der Mobilisierung der rechtsextremen Szene für ihre gewaltreichen Hetzjagden. Soziale Medien stoßen immer wieder an die Grenzen demokratischen Meinungsaustauschs. Umso wichtiger scheint es 2019, Fake News von wahrheitsgemäßen Neuigkeiten zu differenzieren.