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Frauen und die Stadt des 19. Jahrhunderts

Im 19. Jahrhundert war es Frauen meist noch nicht erlaubt, alleine die Straßen der großen Städte zu erkunden. Wie aber gelang es Frauen ganz legal ins öffentliche Stadtbild herauszukommen? Ein kleiner Streifzug.

Getrennte Sphären im 19. Jahrhundert

„Ich wollte soweit Mann sein, dass ich in Bereiche und Milieus eindringen konnte, die mir als Frau verschlossen waren.“ (George Sand)

Die Stadt, das öffentliche Leben und der Arbeitsmarkt galten noch zu Beginn des 19. Jahrhunderts als männliche Domänen. Getreu der patriarchalen Geschlechterideologie der getrennten Sphären, ließ dies für Frauen einzig den Haushalt als vorgesehenen Wirkungs- und Lebensmittelpunkt. Das Weiblichkeitsideal der Zeit wurde häufig im Sinne von Patmore Coventrys »angel in the house« verstanden, einem häuslichen Engel, der sich um Familie und Heim aufopfernd kümmert. Noch vertrackter: Bewegten sich Frauen auf den urbanen Straßen, galten sie entweder als (moralisch) gefährlich oder gefährdet. Wollten sie sich etwa auf Einkaufstouren in der Stadt aufhalten, waren sie Anfang des 19. Jahrhunderts auf männliche Begleitung, Anstandsdamen oder Dienstboten angewiesen. Frauen, die man regelmäßig im Stadtbild antraf, galten meist als Prostituierte oder als »fallen angels«, als das Andere der bürgerlichen Weiblichkeitsnorm. Dabei war Prostitution in den Metropolen Europas zu Ende des 19. Jahrhunderts ein Massenphänomen: Im Londoner West End sollen 1887 allein 80.000 Prostituierte tätig gewesen sein. Aber Prostitution hatte selten etwas damit zu tun, dass sich Frauen frei in der Stadt bewegen durften. Im Gegenteil: Sie mussten sich vielmehr bei der Polizei registrieren, regelmäßig bei der Gesundheitsbehörde melden und ihre Kleidung nach vorgeschriebenen Regeln auswählen.

Die Kaufhäuser im 19. Jahrhundert

Dass bürgerliche Frauen ins öffentliche Straßenbild der Metropolen herauskommen konnten, hatte tatsächlich viel zu tun mit der Entstehung einer urbanen Konsumkultur und der großen Kaufhäuser. Le Bon Marché (1838) an der Rue de Sèvres in Paris bot als erstes Warenhaus der Welt Frauen städtische Räume, in denen sie sich außerhalb ihres Zuhauses und ohne männliche Begleitung aufhalten durften. Die Verbreitung von Kaufhäusern in den 1850ern und 1860ern trug wesentlich dazu bei, dass sich das Bild von Frauen auf den urbanen Straßen normalisierte und Geschlechterrollen neu verhandelt wurden. Die Galeries Lafayette (1895) in Paris, das KaDeWe (1907) in Berlin oder Harrods (1884) in London wurden zu beliebten Tageszielen. Bereits 1870 nannten die ersten Reiseführer übrigens Orte in London, »an denen Damen in Ruhe zu Mittag Essen konnten, wenn sie ohne Begleitung eines Gentlemans unterwegs waren«. Shopping wurde so zu einer öffentlichen Freizeitaktivität für bürgerliche Frauen, die fortan einen Tag in der Stadt jenseits ihrer Haushaltspflichten verbringen konnten. Plötzlich diente die kulturelle Praxis des Einkaufens auch als gewisse Ermächtigung. Wie der französische Soziologe Henri Lefebvre erläutert, ist die Stadt ein Raum, der durch unsere sozialen Aktivitäten aktiv konstruiert wird. Die Frauen erschufen sozusagen im Gehen ihren städtischen Raum.

Shopping Angels & die Stadt der Moderne

Möglich war dies nur durch das Aufkommen öffentlicher Orte für Frauen innerhalb der Stadt wie Cafés, »ladies tearooms« oder dem intimsten Raum: öffentliche Damentoiletten wie die am Oxford Circus (1884). Auch der Ausbau des Verkehrsnetzes mit der Londoner U-Bahn (1863) und Pariser Métro (1900) ermöglichte es Frauen, sich mehr und mehr in der Stadt aufzuhalten. In Paris mussten sie sich zwar noch bis zur Jahrhundertwende mit öffentlichen Toiletten gedulden, dafür bot Aristide Boucicaut in seinem Bon Marché schon früh eine Kinderkrippe und Teestube an. Eine neue kaufkräftige Kundenzielgruppe war gefunden: Die weibliche Mittelklasse. Kritiker sahen jedoch in den heimeligen Interieurs der Warenhäuser nur eine Fortführung der privaten Sphäre, sozusagen ein zweites Heim jenseits des Zuhauses, an dem Frauen im Sinne von »shopping angels« die bürgerliche Ideologie der Domestizität lediglich weiterführten. Oder gar moralisch gefährdet wurden. Etwas zu kaufen oder seinen Körper zu verkaufen kamen in der Vorstellung vieler Männer im 19. Jahrhundert gleich. Shopping wurde so oftmals mit einer sexualisierten Weiblichkeit verknüpft, wobei die geographische Nähe von Kaufhäusern zu Bordellen ihr Übriges tat. In London lag beispielsweise das Einkaufsviertel des West End direkt neben dem Rotlichtbezirk in der Regent Street und Burlington Arcade. Die moderne Stadt wurde über gegenläufige Diskurse imaginiert: einerseits als pulsierende Landschaft moderner Konsumkultur, andererseits als viktorianisches Babylon, das unschuldige Frauen sexuellen Gefahren auslieferte.

Der Salon als weiblicher Kulturraum

Was das Kaufhaus für die Frauen der Mittelschichten, war wohl der literarische Salon für Frauen der Adelsschichten seit dem 17. Jahrhundert. Der Salon avancierte zu einem Ort weiblicher Kultur, wo die Gäste unter der Leitung einer Frau, der Salonnière, ihre kreativen Ideen austauschen und Gedanken teilen konnten. Catherine Marquise de Rambouillet gilt dabei als Gründerin der Salontradition, als sie 1610 zu regelmäßigen Treffen in ihrem Pariser Stadtpalais einlud. Das Programm war vielfältig und als öffentlicher »Gegenraum« zum Königshof entworfen: Es gab heitere Gespräche, Liebeslyrik, Musik oder kleine Aufführungen in geselliger Runde. Obwohl die Salonnièren aristokratisch waren, galt in ihren Salons der Grundsatz der Gleichheit. Ein literarischer Salon war damit auch immer ein Ort des intellektuellen Diskurses und des geistreichen Gedankenaustauschs. Literaten, Künstler, Naturforscher und Philosophen wie Voltaire oder Diderot genossen es, in den Pariser Salons im 18. Jahrhundert zu verkehren, wo sie die geistige Grundlage für die Französische Revolution legten. Der Salon eröffnete damit vollkommen neue Gender-Räume, die Frauen zu politischer Mitwirkung ermächtigten und ihnen eine geistige Selbstverwirklichung ermöglichten. Und das zu einer Zeit als Frauen noch nicht rechtlich und sozial gleichgestellt waren.

Rebellische Salonnièren

Auch die gesellschaftskritische Schriftstellerin George Sand fand im 19. Jahrhundert in ihrem literarischen Salon ein adäquates Forum, um ihr sozialpolitisches und feministisches Denken zu äußern. Rebellin durch und durch brach sie dabei mit etlichen Genderstereotypen der Zeit: Sie galt als eigenwillig, rauchte öffentlich Zigarren, schrieb unter männlichem Pseudonym und liebte es, verbotenerweise in Männerkleidung durch die Straßen Paris zu flanieren. Als Nachfahrin des sächsischen Kurfürsten, war sie zwar aristokratischer Abstammung, Sand verkehrte aber meist in den Kreisen der Pariser Künstler Bohème. Ihre Salons in der französischen Hauptstadt wie auch auf ihrem Landsitz in Nohant-Vic waren beliebte Treffpunkte für berühmte Literaten wie Honoré de Balzac, Gustave Flaubert und Alexandre Dumas, sowie Komponisten wie Franz Liszt oder Frédéric Chopin, mit dem sie eine leidenschaftliche Liebesaffäre hatte.

Salonnièren wie George Sand oder auch Marie d’Agoult und Mathilde Bonaparte waren im 19.Jahrhundert gar so beliebt, dass sie Frauen eine bisher nicht dagewesene kulturelle Signifikanz verliehen. Noch bis in die 1960er Jahre gab es in Paris Salons wie den der US-amerikanischen Autorin Natalie Clifford Barney, die durch ihre lesbischen Liebesbeziehungen von sich reden machte. Sie versammelte immer freitags die damalige literarische Elite wie Djuna Barnes, Gertrude Stein, Colette, Rainer Maria Rilke, Ezra Pound oder Isadora Duncan. Bis heute üben die literarischen Salons des 19. Jahrhundert eine gewisse Faszination aus. Trotz ihrer diversen Klassen- und Geschlechtergrenzen fanden hier Männer wie auch Frauen nämlich zu gebildeter Konversation zusammen.

In die Öffentlichkeit herauszukommen, als Frau sichtbar zu sein und die Straßen der Metropolen zu begehen ist auch im 21. Jahrhundert immer noch relevant, wie die »Women’s Marches« in Washington, New York oder London 2017 gezeigt haben.