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Die frühen Jahre des Charlie Chaplin

Es gibt Biografien, die einfach unfassbar spannend sind. Wo man sich wundert, dass es so viele Ereignisse in ein einziges Leben geschafft haben. »Charlie Spencer Chaplin« besitzt genau so eine Biografie, die er in 88 Jahre Leben und auch noch darüber hinaus, eindrucksvoll in Szene setze. So viel ist sicher: Der Mann, der irgendwo in England geboren wurde, in Amerika zu den Gründungsvätern Hollywoods zählte und in der Schweiz gestorben ist, passt in keine Schublade.

Man weiß sehr viel über »Charlie Spencer Chaplin«. Man kennt sein Geburtsdatum. Dass seine Eltern »Hannah und Charles Chaplin Senior« hießen und mit welchen Filmen er international erfolgreich wurde. Auch, dass er eine 1A- Hitlerparodie in »Der große Diktator « abgeben konnte, ist bis heute bekannt. Es ist ebenfalls bekannt, dass die USA ihn irgendwann für einen gefährlichen Kommunisten gehalten und bei der ersten Gelegenheit rausgeschmissen hatte, und dass er ganz offensichtlich eine Schwäche für minderjährige Frauen hatte. Dabei vereinte dieser Peter-Pan-Verschnitt, getarnt mit Schnauzer und Melone so viele Widersprüche, so viele Geheimnisse und Mythen, dass man gewillt ist, an ein kleines Wunder zu glauben. Und zwar, an den Stoff, aus dem die Träume sind.

»Wir sind wer wir geworden sind«, hat mal ein kluger Mensch gesagt. Und, »wir wären die Summe unserer Erinnerungen, unserer Lebensumstände.« Bei Charlie Spencer Chaplin muss es so gewesen sein. Er, der Prototyp einer klassischen »Charles-Dickens-Milieu-Geschichte«, spielte darin den armen Hauptakteur mit Dreck auf der Wange und Hunger im Bauch. Auf Lebenszeit dazu verdonnert, arm und unbedeutend zu bleiben. Denn es war immer entweder zu wenig, oder von anderen Dingen viel zu viel da, um ungestört aufwachsen zu können. Zu viel Cockney-Akzent. Zu wenig Dach über dem Kopf, oder einfach zu viele Sorgen für Charlie und seinen vier Jahre älteren Halbbruder Sydney. Charlie musste mit den miesen Rahmenbedingungen klarkommen, die sich nicht nur auf Armut und Ausweglosigkeit beschränkten. Er war ein Bastard, gezeugt von einem anderen Mann, der nie ein Vater für ihn werden sollte. Das ohnehin schwierige Verhältnis des Künstlerehepaares, »Hannah Hariet Hill« und »Charles Chaplin Senior«, war seit der Geburt von Charlie endgültig zerrüttet. Hannah war das, was man »mannstoll« nannte und ständig auf Abwegen mit anderen Liebschaften. Ihr Mann, so lautet zumindest die Legende, wurde darüber ein Säufer. Sydney und Charlie mussten früh ihre eigene kleine Familie sein. Doch in all der »Verkorkstheit« der Eltern, hatten die beiden Künstler etwas Unschätzbares an Charlie weiter gegeben. Das Entertainer-Gen. Charlie lernte den Glanz der Bühne kennen, standen seine Eltern doch Tag für Tag singend, tanzend und spielend auf eben einer solchen. Und die Dosis muss gereicht haben. Denn obwohl Charlie schon seit frühester Kindheit Gast in Waisenhäusern und Besucher in Irrenanstalten war, wollte er unbedingt Showman werden. Nur kurz hatte er sich mit Gelegenheitsjobs wie Glasbläser oder Verkäufer aufgehalten, einfach, um nicht immer Hunger zu leiden. Bereits im Alter von neun Jahren trat er in kleinen Varieté Theatern auf. Immer getrieben von der Angst, an dem Ort feststecken zu bleiben, an dem seine Mutter zuerst ab und an und schließlich für immer in einer Irrenanstalt ihr Ende fand. Charlies Stiefvater soff sich zu Tode, da war Charlie gerade einmal 12 Jahre alt und die Mutter schon sechs Jahre unter der Erde. Mutiert von der schrecklichen Realität, wollte Charlie besser und schneller sein, als alle anderen seiner Zunft. Denn er war getrieben von dem Gedanken, ähnlich wie seine Mutter, in einer Nervenanstalt zu enden, da Charlie davon ausging, dass ihn die gleiche erbliche Nervenkrankheit, in ebenso jungen Jahren, heimsuchen würde. Wahrscheinlich war er auch deshalb in Turbo-Geschwindigkeit zum größten Komiker seiner Zeit avanciert. Denn dieser tragisch-komische 1,65 m große Komiker wollte keine Zeit verlieren. Der Mann, bei dem ich immer annahm, dass er niemals größer als 1,52 m sein könnte, da er in meiner Erinnerung immer wie eine Karikatur aussah in seinen übergroßen Klamotten, transportierte Mitleid und Sympathie wie kein Zweiter. Er verband das ewige Kind »Peter Pan« mit einer Kunstfigur. Er wirkte dadurch wie vom Himmel gefallen. Dieses Supertool machte ihn zum Mann der Superlative und zu einem berühmten dazu. Den Mitbegründer der Traumfabrik in Hollywood. Ein Mann mit 350 Filmen auf dem Buckel, in denen er nicht nur als Schauspieler zu sehen war. Er hatte überall seine Finger im Spiel. Ob als Regisseur, Drehbuchautor, Schnittmeister, Komponist und Filmproduzent. Er überlebte spielend den Übergang vom Stummfilm zum Film und suchte sich für seine erste Sprechrolle, gleich einmal Adolf Hitler, in »Der große Diktator« aus. Ihm gelang einfach alles. Auch, mithilfe seines aus der Not heraus geborenen Looks und späteren Markenzeichens, den übergroßen Schuhen und Hosen. Seiner engen Jacke, dem Bambusstock und natürlich dem i-Tüpfelchen, der Melone auf dem Kopf. Mit der Würde eines Gentlemans und der Profession eines Slapstick-Künstlers, drehte und erzählte er immer wieder die gleichen Geschichten. Ein netter Mann bringt sich selber in Schwierigkeiten und versucht dann den ganzen Film über wieder aus dem Schlamassel rauszukommen. Am Ende ist meist alles wieder gut, wie auch bei seinem Leinwanddurchbruch »Tramp«, wo er seinen Zweifingerschnurrbart, später auch »Chaplin-Bart« genannt, zum ersten Mal, zusammen mit seinem neuen Look, spazieren führte. Und obwohl Charlie Chaplin stolze 88 Jahre alt wurde, war es immer die verlorene Kindheit und Jugend, die er zu konservieren versuchte. Unzählige Zitate widmete er der Jugendzeit, wie zum Beispiel folgendem:

»Die Jugend wäre eine schönere Zeit, wenn sie erst später im Leben käme. «

Charlie Chaplins blieb auch in seinem Privatleben seinem Tempo treu. Vier Ehen, mit zumeist sehr jungen Frauen und insgesamt elf Kindern, sprechen für sich. Die Jugend in ein Vakuum zu packen und intensiv zu leben, war nun einmal seine Lebensaufgabe. Vielleicht ist es Ironie, vielleicht auch Schicksal, dass er nie erfahren hat, dass seine Mutter niemals einer erblichen Nervenkrankheit gelitten hatte. Sie hatte sich, sehr typisch zu dieser Zeit, mit der Geschlechtskrankheit »Syphilis« infiziert. Charlie hatte sich zum Glück nie angesteckt, denn dann hätten wir weniger zu lachen gehabt, über einen Mann, der bis zum Ende, auf der Suche nach dem kleinen Charlie war. Der aus einem Armenviertel in London stammte, ohne Geburtsurkunde, ohne den genauen Ort und Zeitpunkt seiner Ankunft auf der Erde. Der vom Himmel Gefallene, mit seiner unschlagbaren Lebensphilosophie im Gepäck:

»Jeder Tag, an dem du nicht lächelst, ist ein verlorener Tag. «