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Buchrezension zu „Hans Purrmann – Ein Leben in Farbe“

Hans Purrmann
Ein Leben in Farbe

Ausstellung Kunstforum
Hermann Stenner, Bielefeld

14.Februar bis 15. August 2021

 

 

Unsere Zeit, die in der Kunst das Beliebige, in vielen Themen das kämpferisch Hässliche, in der Mode das Stillose huldigt, die Höflichkeitsformen auflöst, wo in sozialen Medien böse Tiraden keine Grenzen kennen, in dieser Zeit sehnt man sich geradezu nach einem optisch wie inhaltlich anziehenden und ästhetischen Ausgleich.  Vielleicht in einer Kunst, die den „Blick in eine heitere Freiheit zu lenken vermag“?

„Heinz Purrmann – Ein Leben in Farben“, der Katalog zur gleichnamigen Ausstellung im Kunstforum Hermann Stenner in Bielefeld (14.02. – 15.08.2021) ist ein Buch, das, wie die Ausstellung, davon viel verspricht.

Der Maler Heinz Purrmann (geb. 1880 in Speyer – gest. 1966 in Basel/ begraben in Langenargen) entwickelte seine Kunst inmitten der Avantgarde am Beginn des letzten Jahrhunderts. Prägend war für ihn Paul Cezanne, der ihn durch eine neue Form des Sehens und damit mit einer anderen Form der Darstellung begeisterte. Cezanne’s Begriffe einer kompositorischen Konstruktion des Sichtbaren, einer gesetzmäßigen Anordnung und Verbindung der Farben mit der Form überzeugten ihn. Das Heitere, das Leichte und Schwungvolle im Gesehenen lieferte ihm die Fülle der Farben, die er den „Fauves“, zuallererst Henri Matisse verdankte. Aber bei allem resultierte letztlich eine eigene Purrmann’sche Malweise, die er bis zu seinem Lebensende ausfüllte. Ihm lag an einer Abgrenzung zum zeitlich parallel vor allem in Deutschland boomenden Expressionismus, der nach Kandinsky die „innere“ Natur, d.h. „Seelenerlebnisse“ in künstlerischer Form fassen wollte und den Maßstab der äußeren Schönheit ablehnte. Waren die Quellen ihres Schaffens auch ähnlich, legten beide keinen Wert auf zufällige Einzelheiten, bedienten sich beide einer ausdrucksstarken Koloristik verzichtete Purrman auf eine mystische, philosophische Deutung in seinen Bildern, sondern versuchte eine optimistische und harmonisierende Sicht zu vermitteln. Natürlich verhielt sich die Kritik zunächst zurückhaltend, gesellschaftliche oder gar politische Botschaften fehlten, aber unter dem Eindruck eines erlebten Weltkrieges waren seine Werke in den 1950iger Jahren in bürgerlichen Kreisen hochbegehrt.

Und all diese überschäumende Farbigkeit, diese Freude am Gesehenen, dieses optimistische „Ja“ zum Leben vermittelt der vorliegende Band. Gedruckt auf matt gestrichenem Bilderdruckpapier (LuxoArt Samt) künden 112 Beispiele von Purrmanns expressiver, figurativer Malkunst. In den Abschnitten „Farben“ des Fleisches, des Lebens, des Interieurs, des Mythos, der Dinge, und der Natur erreichen uns seine Bilder. Aktdarstellungen, Landschaften, zauberhaft colorierte Blumensträuße, Einzelporträts künden mit ihren kühnen, auf dekorative Farbmusterungen angelegte Formen von der einflussreichen Hand Henri Matisse’. Ein phantastischer Bildteil!

Der von Felix Billeter, Christiane Heuwinkel und Christoph Wagner herausgegebene Katalog beschreibt neben den Lebensstationen Hans Purrmanns, den künstlerischen Einfluss seiner Lehrmeister, sein künstlerisches Denken, die Art seiner Motive und die Indikation für sein Tun, häufig untersetzt mit Zitaten Purrmanns.

Hans Purrmann erlebte alles, was das 20. Jahrhundert zu bieten hatte. Hautnah nahm er in München, Berlin, vor allem in Paris an den Kämpfen der Avantgarden um die beste Kunst teil, erlebte die glückliche Anerkennung seiner Arbeiten durch die Berliner Sezession bildender Künstler, aber auch die niederschmetternde Einordnung seiner Werke als „entartete Kunst“, nahm den Verlust von eigenen und gesammelten Werken wahr, genoß die Liebe zu Italien durch längere Aufenthalte in Florenz, Rom, Neapel und Sorrent, bewahrte das Glück einer Familie mit 3 Kindern, mußte über den frühen Tod seiner Frau trauern und flüchtete 1943 aus Italien in die Schweiz. Und jeder dieser Schritte war begleitet von Treffen und Bekanntschaften mit herausragenden Menschen seiner Zeit, Künstlern, Kunsthistorikern oder Galeristen. Lernte er in München bei Franz von Stuck gemeinsam mit Paul Klee und Wassily Kandinsky, konnte er sich in Paris mit Henri Matisse anfreunden, gründete mit der Mäzenatin Sara Stein die Academie Matisse, traf den Kunstkritiker Julius Meier-Graefe und den späteren Kunsthändler Albrecht Flechtheim. 1912 heiratete er die Malerin Mathilde Vollmoeller. Aber! 1914 – der Krieg brach aus! Sie verließen Frankreich. Nach mehreren Zwischenstationen wurde Berlin ihr Zuhause, das ihnen die Nähe zu dem Galeristen und Kunsthändler Paul Cassirer, zu Max Liebermann und Max Slevogt brachte. Mittlerweile hatte der Maler ein Fischerhaus in Langenargen am Bodensee erworben, das ihm Entspannung und die Ruhe zur Arbeit erleichterte. Als Direktor der traditionsreichen Deutschen Künstlerstiftung in der Villa Romana in Florenz ermöglichte Hans Purrmann Treffen bedeutender Emigranten aus der ganzen deutschen Kulturszene. Als sich 1938 Hitler und Mussolini in Florenz trafen, wurde Hans Purrmann für einige Tage in Schutzhaft genommen. Einer seiner Besucher war Theodor Heuss, der spätere Bundespräsident, den er noch aus Pariser Tagen kannte. 1943 stürzte Mussolini und alle Deutschen mussten Italien verlassen. Einer Flucht gleich erreichte er die Schweiz und ließ sich in Montagnola nieder. Der neue Nachbar war kein geringerer als Herrmann Hesse.

Nur skizzenhaft ist hier ein Bruchteil der vielen Begegnungen Purrmanns mit Menschen seiner Zeit festgehalten, indes sich Ausstellungen, Ehrungen, Mitarbeit in Künstlerverbänden und künstlerisches Wirken nach dem Krieg fortsetzten. Hans Purrmann wirkte bei der ersten documenta mit. Bei einem so ausgefüllten, interessanten Leben wird man neugierig. Wie waren die Beziehungen zwischen den Malern, warum konnte Matisse in Deutschland trotz der Hilfe Purrmanns nicht punkten, wie nahm er persönlich die Schmährede „Französling“ auf oder wie eng war das Verhältnis zu Hermann Hesse? Fragen, die der vorliegende Katalog anschneidet, aber nicht beantwortet. Für das Kennenlernen der Kunst Hans Purrmanns sind Aufmachung, Qualität und Auswahl der Bilder im vorliegenden Band sehr geeignet, um Hans Purrmann in seinem Leben kennenzulernen, sollte man zu einer weiterreichenden Biografie greifen. Das sollte man tun, denn er liebte das Schöne dieser Welt und versuchte, alle durch seine Bilder teilhaben zu lassen.

 

 

„Hans Purrmann – Ein Leben in Farbe“

Katalog zur gleichnamigen Ausstellung im Kunstforum Hermann Stenner, Bielefeld
14. Februar bis 15. August 2021
Herausgeber: Felix Billeter, Christiane Heuwinkel und Christoph Wagner

HIRMER-Verlag, München, 2021
Preis 29,90 €