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BERNARDO BELLOTTO AM SÄCHSISCHEN HOF

Picasso äußerte sich gesprächsweise bereits 1923 in einem Interview über die Frage nach der Zeitlosigkeit von Kunst und nach der Bedeutung der Antike und Alten Meister für die Moderne:

„… Für mich gibt es in der Kunst keine Vergangenheit oder Zukunft. Die Kunst der Griechen, der Ägypter, der großen Maler, die in anderen Zeiten lebten, ist keine Kunst der Vergangenheit; vielleicht ist sie heute lebendiger denn je.“
Kunstmuseum Pablo Picasso Münster-Pressemitteilung zu „Andy-Warhol in Münster

Wie wahr! Das beste Beispiel hat sich gerade in Dresden aufgetan. 

„Zauber des Realen. Bernardo Bellotto am Sächsischen Hof“ ist eine fürstliche Präsentation einmaliger Vedutenmalerei des Rokoko, zu genießen in den „Alten Meistern“ der Staatlichen Kunstsammlungen in Dresden. 

Bernardo Bellotto (1722 -1780) war gebürtiger Venezianer. Diesem Gedanken folgend sollte man den Besuch am Goldenen Reiter in der Neustadt beginnen und die Elbe, den „Canale Grande“ auf der Augustusbrücke, dem „Sächsischen Rialto“ überqueren. Der grandiose Blick auf  die Brühlsche Terrasse mit der unverwechselbaren Kuppel der Frauenkirche, dem Georgentor und der Hofkirche stimmt so bestens auf Bellottos spätbarocken „Zauber des Realen“ ein.

 

 

 

An der Hofkirche

Foto: M.Neubauer

Schon seit Mitte des 17. Jahrhunderts bestanden Beziehungen zwischen Venedig und Dresden. So hinterließen der Oberlandbaumeister Wolf Caspar von Klengel (1630 – 1691) oder der Hofbildhauer Melchior Barthel (1625 – 1672) in beiden Städten Beispiele ihres Könnens. August (1670 – 1733) weilte als Kurprinz schon mit 19 Jahren in Venedig und wiederholte die Besuche als Kurfürst 1712, 1715 und 1717, nicht zuletzt um der „Königin der Adria“ so viel wie nur möglich für sein sächsisches Dresden abzuschauen. Prächtige Bauten entstanden, Malerei, Musik, Theater bestimmten das gesellschaftliche Leben. Mit Maskenbällen, Fastnachtsmaskeraden und „Venezianischen Nächten“ mit Lampions und Feuerwerk zu Wasser und zu Lande verzückte man nicht nur den Adel, sondern auch das einfache Volk.

Der preußische Regierungspräsident Johann Michael von Loen (1694 – 1776) schrieb nach einem Besuch Dresdens zur Zeit August des Starken: 

„Ich beschreibe hier den prächtigsten und galantesten Hof von der Welt … . Die Stadt Dresden scheint gleichsam nur ein bloßes Lustgebäude zu sein, …ein Fremder hat fast ein paar Monate zu tun, wenn er alles, was dieser Ort Schönes und Prächtiges hat, in Augenschein nehmen will.“
Das alte Dresden, Erich Hahnel und Eugen Kalkschmidt, Gondorf Verlag GmbH 1995, S.12/13

1633 übernahm Kurfürst Friedrich August II., als König von Polen August III. und Großfürst von Litauen (1696 – 1763) , Sohn August des Starken, die Regentschaft, … und diese blühende Stadt.  

Es wurde ruhiger, aber der junge August war als Kunstliebhaber ein großer Sammler.
Der polnische Kunsthistoriker Stefan Kozakiewicz (*1914) bezeichnete August III. als den
“größten Mäzen in den damaligen deutschen Landen“ (Bernardo Bellotto, Fritz Löffler, Köhler & Amelung, Leipzig, S.14). 

Die Kunstausstattung Dresdens wurde reich und reicher. Immer mehr italienische Künstler drängten in die sächsische Metropole. Einer von ihnen war Bernardo Bellotto.
Er hatte in der Werkstatt seines Onkels Giovanni Antonio Canal genannt Canaletto (1697 – 1768) das Malen gelernt, meisterlich viele seiner Techniken übernommen, allerdings auch seinen Beinamen Canaletto. 

Bernardo Bellotto,
Der alte Ponte delle Navi in Verona, 1746/47
© Gemäldegalerie Alte Meister,
Staatliche Kunstsammlungen Dresden,
Foto: Elke Estel/Hans-Peter Klut

1746 lud ihn August III. ein, nach Dresden zu kommen. Mit den ungewöhnlich üppigen 1750 Talern pro Jahr zeigte August, welch hohes Ansehen er dem 1747 in Dresden eintreffenden  Bernardo Bellotto entgegenbrachte. Der Premierminister Heinrich Graf von Brühl (1700 – 1763) war selbst ein leidenschaftlicher Sammler und zog die Fäden im Hintergrund. Die deutsche Sprache erlernte Bellotto nie richtig, später dolmetschte oft sein Sohn Lorenzo, außerdem gab es ja genügend italienische Kollegen. 

Bernardo Bellotto mit Sohn Lorenzo

Bernardo Bellotto „Ansicht von Warschau von der Vorstadt Prag aus“ 1770
Öl auf Leinwand
Warschau, Zahme Krolewski, ZKW/438
Ausschnitt
Foto: M.Neubauer

Bis 1753 vollendete er alle 14 großformatigen Gemälde, die ihm August III. aufgetragen hatte, um das stolze Dresden zu verewigen. Sie lassen sich in 3 Themenkreise sortieren: 

  • Stadtpanoramen längs der Elbe
  • Festungswerke in Dresden
  • Platz und Straßenbilder.

Bernardo Bellotto,
Dresden vom rechten Elbufer unterhalb der Augustusbrücke, 1748
© Gemäldegalerie Alte Meister,
Staatliche Kunstsammlungen Dresden,
Foto: Elke Estel/Hans-Peter Klut

Nach 1753 bis 1758 schuf er eine Serie von 11 Straßenbildern der Stadt Pirna und malte 5 große Ansichten der Festung Königsstein. 13 Werke der Dresdner Königsserie und 8 Pirnaer Bilder  wurden für Graf Brühl, alle im gleichen Format und auch auf Leinwand gefertigt. Auf das Salär wartete er vergebens. 

Bernardo Bellotto, gen. Canaletto,
Der Marktplatz von Pirna, 1753-1754
© Gemäldegalerie Alte Meister,
Staatliche Kunstsammlungen Dresden,
Foto: Hans-Peter Klut

Bernardo Bellotto,
Pirna von Copitz aus, 1754/1756
© Gemäldegalerie Alte Meister,
Staatliche Kunstsammlungen Dresden,
Foto: Elke Estel/Hans-Peter Klut

Neben diesen großformatigen Werken widmete sich Bernardo Bellotto auch kleineren Auftragsarbeiten und immer wieder ideenreichen Capriccios und zahlreichen Radierungen.

1756 besetzten preußische Truppen Dresden, der siebenjährige Krieg hatte begonnen. Der Hof mit König und Premierminister verließen die Hauptstadt, das Leben wurde schwierig. Als 1758 die Kampfhandlungen erneut aufflammten, verließ Bernardo Bellotto mit seinem Sohn Lorenzo Dresden in Richtung Wien und München. 1760 fiel auch die Wohnung seiner Familie mit eigener Galerie und Sammlung in der Salzgasse den Kriegshandlungen zum Opfer. Er verlor sein ganzes Hab und Gut, wie seine erhaltene Auflistung von 1762 erkennen lässt. 

Über die Beschießung Dresdens 1760 und den Brand der Kreuzkirche  berichtete der Dresdner Pfarrer Schreyer:

„… dass ein Seitentürmchen der Kreuzkirche brannte. … bald darauf stand der hohe Hauptturm in vollen Flammen, und und eh wir noch auf dem Rückweg das Haus erreichten, sahen wir die hohe Spitze desselben sich etwas rückwärts neigen; heftiger schlugen nun die Flammen um sie herum, und bald darauf stürzte die ganze brennende Masse mit einem so starken Krachen auf das Dach, schlug dieses und das Gewölbe durch und setzte die ganze Kirche in Flammen. “
Das alte Dresden, Erich Hahnel und Eugen Kalkschmidt, Gondorf Verlag GmbH 1995, S. 39

Die Rückkehr nach Dresden 1763 stand unter keinem guten Stern. König August III. und Graf Brühl waren verstorben, die allgemeine Versorgungslage nach dem Krieg schlecht. Die neu gegründete Kunstakademie orientierte sich an seinem spätbarocken Verständnis vorbei eher klassizistisch. Er half sich mit weiteren Capriccios und Architekturphantasien. Eine Anstellung als Lehrer für Perspektivlehre an der Kunstakademie entsprach nicht seinem Renommee, die Bezahlung war schlecht. Zwei anklagende Bilder der im Krieg zerstörten Kreuzkirche (s.o.) und  der Pirnaischen Vorstadt ragen aus dem Schaffen während seines zweiten Dresdener Aufenthaltes heraus. 

Die Rettung war Warschau! Auf der Suche nach einer besseren Anstellung eröffnete sich in Warschau unter Stanislaw II. August Poniatowski (1732 – 1798) eine Gelegenheit neuen Wirkens. Sein Auftrag war zunächst, einen Zyklus mit Ansichten von Rom und Warschau für das Audienzzimmer des Schlosses Ujazdow zu malen. Später wurden diese Veduten als Wandvertäfelung an 3 Wänden des Senatorenvorzimmers im Warschauer Schloss angebracht.

In der Mitte:
Ansicht von Warschau von der Vorstadt Praga aus (unten) und
Ansicht Warschau mit Majoratspalais (oben)
Unten li: Schloss Wilanow von der Auffahrtsseite
Unten re: Schloss Wilanow von der Gartenseite in Richtung Westen
Übrige sechs Gemälde mit Ansichten von Rom
Foto: M.Neubauer

In Polen nutzte man Belottos Ansichten beim Wiederaufbau der zerstörten Altstadt von Warschau nach dem 2. Weltkrieg. 

Neben der originalgetreuen Wiedergabe architektonischer Gegebenheiten ergeben Bellottos Gemälde ein wertvolles Bild des Lebens in der Mitte des 18. Jahrhunderts. Keine Gesellschaftsgruppe wurde ausgespart, lebensecht schwatzen die Sachsen miteinander oder lupfen den Hut, wenn die königliche Karosse über den Neumarkt rollt., Hunde bellen oder kappeln miteinander. 

Bernardo Bellotto,
Der Neumarkt in Dresden vom Jüdenhofe aus, 1748/49
© Gemäldegalerie Alte Meister,
Staatliche Kunstsammlungen Dresden,
Foto: Elke Estel/Hans-Peter Klut

Die Wirklichkeit war der Maßstab, die je nach gewünschter Aussage des Bildes in künstlerischer Freiheit nuanciert wurde. Dabei betonte er das Wichtige mit heller Farbe, spielte mit Schatten  und Licht und vergewaltigte auch mal die Perspektive, um das Entscheidende hervorzuheben.

Er nahm sich viel Zeit für seine Gemälde. Einer schematischen Umrisszeichnung mit den wichtigsten Hauptlinien der Komposition folgte die genaue Segmentierung des Blattes. Dafür nutzte er verschieden große Camerae obscurae. Dann erstellte er eine zusammenfassende Vorzeichnung, in der auch schon die Farben eine Rolle spielten. Je nach Größe wurde diese auf die Leinwand übertragen.

140 Exponate beleuchten in der aktuellen Dresdner Ausstellung das Leben und Wirken Bernardo Bellottos. Alle Höhen und Tiefen seiner Karriere finden in seinen Bildern ihren Ausdruck. Es ist eine Ausstellung der Superlative, noch nie konnte man sich so einen vollständigen und umfassenden Eindruck zu diesem Künstler verschaffen. Neben den Bildern vermitteln weitere Exponate einen Blick in die Zeit Bellottos. Erste Geräte der Landvermessung, die Sachsen zu dieser Zeit durchführte (Postsäulen), von ersten Schrittzählern bis zur kurfürstlichen Sänfte illustrieren sie diese interessante Zeit.  

Die Ausstellung wurde möglich nach einer grundhaften Restaurierung der Dresdner Bilder, die seit 2009 währte. 

Am Zwinger
Foto: M.Neubauer

 

Zur Ausstellung erscheint ein Katalog im Sandstein Verlag: Zauber des Realen. Bernardo Bellotto am sächsischen Hof, Hrsg.: Staatliche Kunstsammlungen Dresden, 256 Seiten, 48,00 €.

Gemäldegalerie Alte Meister im Semperbau, Dresden
21.05.–28.08.2022
Öffnungszeiten: täglich 10–18 Uhr, Montag geschlossen