Follow my blog with Bloglovin

ANDY WARHOL (1928 – 1987)- PRINTS und SCREEN TESTS

Ausstellung „Andy Warhol“ im Picasso-Museum
Foto: Hanna Neander

Der Kunstfreund schaut irritiert zweimal auf die Ankündigung des Münsteraner Picasso-Museums „Andy Warhol in Münster? Wie verträgt sich das, Picasso und Warhol unter einem Dach? Gibt es da eine Verbindung? Schon schränkt der Museumsdirektor Professor Dr. Müller ein: 

„Warhol bewunderte Picasso und Picasso ignorierte Warhol.“

Schon mit 13 Jahren, 1941, sah Andy Warhol seine erste Picasso-Ausstellung und bis 1962 besuchte er von neun acht Präsentationen des Altmeisters. Allerdings als 1971 zu Ehren des 90. Geburtstages von Pablo Picasso viele zeitgenössische Künstler ihn unter dem Motto „Hommage a Picasso“ mit ihrer spezifischen künstlerischen Formensprache ehrten, u.a. auch Roy Lichtenstein, beteiligte sich Andy Warhol nicht. 

Parallel zur großen Sonderausstellung „Andy  Warhol“ präsentiert das Picasso-Museum unter dem Titel „Kunst nach Kunst – Picassos Variationen nach Alten Meistern“ eine Studio-Ausstellung. Mit dieser Parallele zeigen die Kuratoren, dass sich die beiden Künstler in ihren Themen berühren. Auch Warhol schuf in seinen reiferen Jahren seine Sicht auf Meisterwerke der Kunstgeschichte, wie Die Geburt der Venus von Sandro Boticelli, Die Verkündigung  oder  das Letzte Abendmahl von Leonardo da Vinci und den Schrei von Edvard Munch. 

Ausstellung „Andy Warhol“ im Picasso-Museum
Foto: Hanna Neander

Details of Renaissance Paintings, 1984
(nach
Sandro Botticelli „Die Geburt der Venus“, 1482)

Die Werke Picassos, aktuell noch mehr die von Warhol, erzielen auf dem Kunstmarkt schwindelerregende Zahlen, aber damit enden die Gemeinsamkeiten.

Andy Warhol zurückhaltend, scheu, eher introvertiert, immer Abstand wahrend steht einem vor Selbstbewusstsein und männlicher Kraft strotzender Pablo Picasso gegenüber. Vor allem in ihrer Kunstauffassung unterschieden sie sich bedeutend. Schuf Pablo Picasso seine Werke seiner Intention und Kreativität folgend als einmaliges Original, krempelte Andy Warhol dieses Kunstverständnis völlig um. Er verband Kunst mit Business, vervielfältigte („Die Kunst der Wiederholung“), fremde Ideen für neue Werke waren ihm gerade recht. („Was soll ich malen?“) und verkaufte seine Drucke für jeden erschwinglich.

„Der Philosoph Arthur C. Danto erinnert sich, dass während Warhols Ausstellung in der Castelli Gallery in New York im November 1964 ein grauer Stapel Flower Poster auf dem Empfangstresen lagen und für 5 Dollar das Stück zum Kauf angeboten wurden. “
Ausstellungskatalog, Andy Warhol, Verlag Kettler, Dortmund, S.27

Andy Warhol, Blumen,1964
Offsetlithografie auf Papier
Privatsammlung
Copyright 2022, The Andy Warhol Foundation
for the Visual Arts, Inc;
Licensed by Artists Righrts Society (ARS)
New York

 

 

 

Warhols waren Einwanderer aus der Slowakei. Sie lebten in Pittsburgh, wo Andy Warhol  nach seinem 17. Lebensjahr über 4 Jahre Gebrauchsgrafik studierte. Ausgerüstet mit dem Abschluss „Bachelor of Fine Arts“ begann mit 21 Jahren seine New Yorker Zeit. 

Als Werbegrafiker! 

Erfolgreich arbeitete er in Mode- und Tageszeitungen, gestaltete Schaufenster und wurde zum Werbefachmann für Schuhe des Schuhfabrikanten Miller.
Als dieser lukrative Kunde seine Werbung auf die Fotografie umstellte, reagierte Warhol. Er stieg aus der Werbebranche aus und begann seine Karriere als freier Künstler. 

Der Zeitgenosse und Künstlerkollege Allan Kaprow stellt in diesem Zusammenhang fest: 

„Der Warencharakter aller Kunst, der hohen wie der kommerziellen, stand für ihn außer Frage; sie hatten einfach nur verschiedene Konsumenten. “
Ausstellungskatalog „Andy Warhol“, Verlag Kettler, Dortmund, 2022, S. 9

Die bis dahin gegenstandslose Malerei in den USA hatte schon in den 50er Jahren Widerspruch hervorgerufen. Wie andere junge Künstler, die ihr Geld mit Werbeplakaten verdient hatten, lehnte er die komplizierten Gedanken über Farbe und Bewegung der Abstrakten Expressionisten ab. Sein Ziel war es, den Alltag abzubilden, so wie er war. Objekte der Massen- und Konsumkultur begründeten eine neue Kunstform. Konservendosen, Duschvorhänge, Comicstrips, Picknicktischen, Papiertüten oder Cola-Flaschen, bildwürdiger als Farben und Formen, als Landschaften oder Arbeitswelten figurierten die Bilder der „Pop Art“. War er schon 1962 in Los Angeles mit 32 kleinformatigen gemalten Gemälden aufgefallen, die 32 Geschmacksvarianten der Tomatensuppe der Firma Campell darstellten, unterwanderte er 1963  mit „Thirty are better than one“ die Einmaligkeit  der in New York ausgestellten Leonardos „Mona Lisa“. Als Siebdruck zeigte sein 279 x 240cm großes Werk 30 Reproduktionen  der Mona Lisa, aufgereiht wie die Campellschen Tomatendosen. Einige Jahre später ließ er die „Campers Coup Cans“ in einer zehnteiligen Siebdruckfolge wiederholen, bald mutierten sie zum Markenzeichen seines Tuns. Auch die „Flowers“, er hatte sie 1964 in seiner ersten Ausstellung bei seinem Galeristen Leo Castelli gezeigt, waren eines seiner erfolgreichsten Motive. 

Andy Warhol, Campbells Soup Can on Bag, 1966,
Siebdruck auf Shoppingtasche, Privtasammlung
© 2022 The Andy Warhol Foundation
for the Visual Arts, Inc;
Licensed by Artists Rights Society (ARS),
New York

Andy Warhol wurde berühmt, bald weltweit der berühmteste Künstler der Pop Art.  Seiner Maxime „Pop Art is liking things“, die er immer wieder auf eine einfache, aber vielschichtige Weise umsetzte. Die förmliche, sich wiederholende Darstellung eines allen bekannten Massenartikels, einer Blume, eines bekannten Tieres erzielte die veränderte Wahrnehmung und Aussage,

wie z.B. bei den 1966 als Tapete geschaffenen Kuhköpfen („Cow & Cow and a Half“). 

 

Ausstellung „Andy Warhol“ im Picasso-Museum,
Foto: Hanna Neander

 

 

 

 

Der Philosoph Arthur C. Danto erklärte es in seinem Buch „Die Verklärung des Gewöhnlichen“ so: 

„Warhol und andere … hatten gezeigt, dass von zwei Gegenständen, die genau gleich aussahen, eines ein Kunstwerk und das andere keines sein konnte. “
„Pop on Paper“, Ausstellung Kulturforum Berlin 2020

Ausstellung „Andy Warhol“ im Picasso-Museum,
Foto: Hanna Neander

Ziele Warhols Arbeiten waren das Populäre und Kommerzielle, die in ihrer bewussten Wiederholung maschinenmäßig wirkten. Nicht umsonst erhielt sein Atelier den Beinamen „factory“, wo er und eine wechselnde Mannschaft „malochten“.
Mit seinem Interesse an Pressefotografien, die er z.B. für Jaqueline Kennedy oder Marilyn Monroe künstlerisch bearbeitete, schuf er legendäre Kultbilder („Who is who“). Dabei folgten die Farben nicht dem natürlichen Kolorit der Natur, sondern das Porträt wurde in Serien durch die willkürlich atypische Farbwahl aufgelöst und verlor damit das Individuelle.
Zu allen Zeiten verband Andy Warhol seine Kunst mit dem Kommerz. Als in den 1980iger Jahren europäische Auftraggeber anklopften, schuf er Goethe und Beethoven für deutsche Verleger, Ingrid Bergmann für schwedische oder Vesuvius für italienische.

Andy Warhol, Goethe, 1982,
Siebdruck auf Lenox Museum Board,
Privtasammlung
© 2022 The Andy Warhol Foundation
for the Visual Arts, Inc;
Licensed by Artists Rights Society (ARS),
New York

Prägend war für Andy Warhol die Anwendung der Siebdrucktechnik, die er im Laufe der Jahre immer mehr perfektionierte.  

Andy Warhols künstlerisches Schaffen war zeitlebens mit dem Kino verbunden. Selbst schuf er zwischen 1964 und 1966 472 sogenannte Screen Tests. Es sind Stummfilme,  bei gleicher Einstellung maximal 5 Minuten lang. Sie porträtierten in der Regel bekannte Personen wie Schauspieler, Models, Musiker, Künstler und versuchen deren auratische Ausstrahlung wiederzugeben. 

Die Ausstellung „Andy Warhol“ zeigt rund 80 Druckgrafiken aus einer deutschen Privatsammlung und acht dieser Experimentalfilme aus dem Andy Warhol-Museum in Pittsburgh. Unter den ausgestellten Werken sind zahlreiche einzigartige Probe- und Künstlerexemplare, die zum Teil erstmalig öffentlich in Deutschland ausgestellt werden.

Die parallele Studioausstellung „Kunst nach Kunst – Picassos Variationen nach Alten Meistern“ schlägt die Brücke zu Spätwerken Andy Warhols, die ebenfalls Meisterwerke der Kunstgeschichte interpretieren. Die unterschiedliche Art, Themen alter Meister aufzuarbeiten, dokumentieren die unterschiedlichen ästhetischen Auffassungen beider Künstlergenerationen.

Erklärend fügt das Museum folgendes hinzu:

„Im Jahr 1947 übergab Picasso dem neuen französischen Nationalmuseum eine Schenkung von 10 Gemälden, die temporär vor der Eröffnung des Museums im Palais de Tokyo im Louvre eingelagert wurde. Der dortige Direktor schlug vor, Picasso solle seine Werke nach dessen Wünschen in den Gemäldegalerien neben den Alten Meistern platzieren. Dieser als sog. „Test“ in die Kunstgeschichte eingegangene Dialog inspirierte Picasso in der Folgezeit zu einer Vielzahl an Paraphrasen von Werken von Künstlern wie Lucas Cranach der Ältere und Jüngere, El Greco, Peter Paul Rubens, Diego Velázquez, Jean-Auguste-Dominique Ingres, Eugène Delacroix, Édouard Manet, die den Gegenstand der Studio-Ausstellung bilden, die zahlreiche Lithografien und Linolschnitte aus den Museumbeständen vereinigt. “
Picasso-Museum Münster, Pressemitteilung

Die im Spätwerk beider Künstler geschaffenen Paraphrasen werden in der Kunstgeschichte durchaus unterschiedlich bewertet. Sagen die einen, es ist richtig und wichtig, dass durch ihr Lebenswerk berühmt gewordenen Künstler auch zu Themen anderer, Themen von Vorgängern in ihrem Sinne Stellung nehmen, sagen die anderen, es fehlten ihnen am Ende die Themen.  Die Ausstellung bietet beste Gelegenheit, sich eine Meinung darüber zu bilden, ob man z.B. Edouard Manets „Frühstück im Grünen“ nochmals interpretieren sollte oder nicht?

 

„Wenn Du alles über Andy Warhol wissen willst, so schaue Dir nur die Oberfläche meiner Bilder und Filme und mich an, und da bin ich. Es ist nichts dahinter.“
Andy Warhol in Katalog der Ausstellung "Andy Warhol", Kettler-Verlag, Dortmund, 2022, S. 17

 

 Kunstmuseum Pablo Picasso Münster
Picassoplatz 1
48143 Münster
„Andy Warhol“ in Münster
14.Mai bis 18. September 2022
Öffnungszeiten:
Dienstag bis Sonntag und Feiertage: 10 – 18 Uhr
Tickets:
Zeitfenstertickets sind über den Onlineticketshop auf der Webseite des Picasso-Museums erhältlich.
www.kunstmuseum-picasso-muenster.de