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Andreas Gursky in Leipzig

Andreas Gursky, Bauhaus, 2020, © Andreas Gursky/VG Bild-Kunst Bonn, 2020, Courtesy: Sprüth Magers

Andreas Gursky – einer der bedeutendsten Vertreter der fotografischen Kunst der Gegenwart zeigt seine Werke in Leipzig. Nach einer persönlichen Auswahl des Künstlers sind 60 Fotografien – frühere und neue Arbeiten zu sehen. Das Besondere, es ist die erste Ausstellung in seiner Geburtsstadt. 1955 geboren, wuchs er in Düsseldorf auf. Großvater und Vater hatten Fotoateliers geführt, so dass „das Fotografieren“ für ihn präsent war. Aber in ihrer Art zu fotografieren, das wollte er nicht. Überlegungen, welche Möglichkeiten es gäbe, sich fotografisch-künstlerisch auszudrücken, mündeten in der Überzeugung, dass nur Überarbeitung und Verfremdung dem Bild eine neue, tiefere Aussage verleihen kann.

Erste Studienjahre an der Kunsthochschule Essen, anfangs noch mit dem Ziel des Bildjournalisten, begeisterten ihn für die Gastdozenten und Fotografen Michael Schmidt und Andre Gelpke mit ihren Arbeiten. Sie wiesen ihm den fotografischen Weg zur Kunst. Der wichtigste Entwicklungsschritt war für Andreas Gursky jedoch die Aufnahme in die Fotoschule an der Kunstakademie Düsseldorf, in die Klasse von Hilla und Bernd Becher. Ein kleines Team, kooperative und freundschaftliche Verhältnisse untereinander und zu diesem einmaligen Lehrerpaar schufen günstigste Studienbedingungen für eine intensive Betreuung und Förderung. Der exakte dokumentarische Blick des Ehepaars Becher in ihren Arbeiten, der sich auch für zeitgenössischen Praktiken in der bildenden Kunst öffnete, waren für Andreas Gursky prägende Ansätze für seine spätere Arbeitsweise

„„…, sondern verarbeitete sämtliche Einflüsse, denen ich erlag. Dazu gehörten Michael Schmidt und am Anfang Otto Steinert, aber auch Gelpke, der eindeutig der subjektiven Schule zugerechnet werden kann. Indem ich alles irgendwo Aufgesaugte verarbeitete und die subjektive mit der versachlichenden Sehweise der Bechers vermischte, gelangte ich zu meiner Sicht der Dinge. Das Eigene steckt in den von mir tagtäglich gemachten visuellen Erfahrungen. Über bestimmte Orte und Dinge, die mir auffallen, reflektiere ich im Hinblick auf ihre Bildhaftigkeit. Ja, jedes Foto ist heute das Ergebnis eines bewussten Prozesses, der mich dazu veranlaßt, einen Ort erneut aufzusuchen, um ihn zu fotografieren. “
KUNSTFORUM international, Bd.145, Andreas Gursky, „Das Eigene steckt in den visuellen Erfahrungen“

Die „bestimmten Orte und Dinge“ müssen Andreas Gursky emotional ansprechen. Dabei spielt es keine Rolle, ob die Aufnahmen spontan als Schnappschüsse oder mit einer besonderen Kamera nach längerer Vorbereitung geschossen werden. Wichtig ist ein langer Erarbeitungsprozess, der die Bildidee verwirklichen soll. Bedachtsame Genauigkeit, Ordnung, Sauberkeit und Kontrolle weisen seinen Arbeitsstil aus.  Seit Anfang der 1990iger Jahre nutzt Andreas Gursky die elektronische Bildbearbeitung in jeder Form. Alle Methoden, die das Ziel erreichen lassen, sind richtig.  Der eigentliche künstlerische Prozess setzt damit im Atelier ein, entscheidet aber auch hier nochmals darüber, ob das Bild zur Bearbeitung würdig ist. Die digitale Bearbeitung verändert Zeitebenen, verändert Tiefenschärfen, Proportionen oder Farbigkeit, erlaubt das Verschmelzen oder Kombinieren von Ansichten. Oder er fotografiert nur Details einer Szene, um sie dann in einen anderen räumlichen Zusammenhang zu stellen. Es entsteht eine neue, oft verdichtete Bilderwelt. Andreas Gurskys Bilder der 2000er Jahre sind zunehmend linear aufgebaut („Amazon“ 2016) und versinnbildlichen gemeinsam mit den wie Pixel wirkenden Details das digitale Zeitalter.

Die konkrete visuelle Erfahrung korrigiert er idealisierend, so dass der Betrachter irritiert und aufmerksam geworden, gedanklich dem Motiv in die Tiefe folgt.

„Es geht mir ja nie um den einzelnen besonderen Augenblick. Ja, in gewisser Weise arbeite ich gegen die Fotografie als ein Medium, das einen bestimmten Zeitmoment einfängt. Ich versuche das genau auszusparen, indem ich den Augenblick bis zum Gehtnichtmehr dehne. Bei mir hat man nicht das Gefühl, ich hätte auf bestimmte Lichtverhältnisse oder auf eine ganz exponierte Situation gewartet. Vielmehr wirkt bei mir alles wie gefroren und, als wäre es wiederholbar. Die auf den Bildern festgehaltenen Menschen agieren nicht, sondern sind gefangen in ihrem Umfeld.“
KUNSTFORUM international, Bd.145, Andreas Gursky, „Das Eigene steckt in den visuellen Erfahrungen"

Seine Bilder könnten überall gesehen werden, die Bilder sind nicht an einen bestimmten Ort gebunden, sie sind ein unbegrenztes flächiges Geschehen mit einer allgemeinen Aussage. Gesellschaftspolitische Fragen unserer Zeit sind Motivation und Motiv für Andreas Gursky. Einen breiten Raum nimmt die Architektur ein, dazu kommen Bilder aus allen Bereichen: Arbeitswelt, Freizeit, Massenveranstaltungen, Tierhaltung, Schauplätze des Konsums und der Finanzwelt, der Mensch in seiner Umwelt und Fotografien von Kunstwerken.

Andreas Gursky, Chicago Board of Trade III, 2009, Latex-Print / Diasec, 222,1 x 306,2 cm, Privatbesitz, Copyright Andreas Gursky/VG Bild-Kunst, Bonn 2020, Courtesy: Sprüth Magers

Das 2009 entstandene Chicago Board of Trade III schildert beeindruckend das hektische Treiben an der Chicagoer Börse. Detailgetreu erkennt man Einzelheiten der Kleidung einzelner Börsianergruppen, die wie in einem Theater besetzten Ränge, die sich um das quirlige Bieterzentrum in der Mitte der Arena gruppieren, Ablagen, Monitore … Heute sind die Börsen leerer, die Computer verschieben das Geld.

Andreas Gursky, El Ejido, 2017, Latex-Print / Diasec, 232,6 x 407,6 cm, Privatbesitz, Copyright Andreas Gursky/VG Bild-Kunst, Bonn 2020, Courtesy: Sprüth Magers

El Ejido ist eine Fotografie, die an „Rhein II“ erinnert. Hier aber fotografierte Andreas Gursky den Landstrich an einer spanischen Straße, die mit Müll, sicher aus den vorbeifahrenden Autos geworfen, verschmutzt ist. Der Fotograf erinnert uns, wie wir mit unserer Umwelt umgehen. Die im Hintergrund parallel verlaufende weiß-grüne Fläche lässt offen, welche Strukturen sie verkörpert, versinnbildlicht sie bereits das Resultat gravierender Umweltschäden?

Andreas Gursky, Kreuzfahrt, 2020, Inkjet-Print / Diasec, 228 x 468 cm, Privatbesitz, Copyright Andreas Gursky/VG Bild-Kunst, Bonn 2020, Courtesy: Sprüth Magers

Dieses monumentale, weit über 4m lange Werk „Kreuzfahrt„entstand erst vor einem Jahr. Es charakterisiert in bedrückender Weise die enorme Expansion der internationalen Kreuzschifffahrt, die nicht nur den Reiz früherer Zeiten verloren hat, sondern für Land, Luft und Städte zur Plage geworden ist. Sofort denkt man an die Lagune Venedigs. Meisterhaft hat Andreas Gursky diese Bildkomposition geschaffen. Die Verschmelzung zweier Schiffskörper erlaubt den Blick in die größtenteils noch unfertigen Kajüten, in viele hochmoderne technische Details, zeigt erschreckend das Überdimensionale, einen Koloss ohne Anfang, ohne Ende, kontrastiert lediglich durch 2 menschliche Figuren.

Andreas Gursky, Politik II, 2020, Inkjet-Print / Diasec, 217,4 x 402,4 cm, Privatbesitz, Copyrighgt Andreas Gursky/ VG Bild-Kunst, Bonn 2020, Courtesy: Sprüth Magers

Das Bild „Politik II“ schuf Andreas Gursky 2020 als humorvolle Mahnung an die Politiker des Landes, ihre Zeit sinnvoll, zügig und zum Vorteil aller zu nutzen. Ed Ruschas Gemälde „Five Past Eleven” (1989) im Hintergrund und der wie ein Damoklesschwert über den Politikern schwebende Bambusstab unterstreichen diese Aussage. Besonders in diesem Jahr 2021 ist es ein Bild, das nicht aktueller sein könnte. Angeordnet wie bei einem Abendmahl scharen sich die Abgeordneten um die wichtigsten Personen in der Mitte, um an deren Diskussionen teilhaben zu können.

Die Beschäftigung mit den Kunstwerken Andreas Gurskys anlässlich der Leipziger Ausstellung war für den Berichterstatter eine besonders erwähnenswerte Freude. Die Verwirklichung der kreativen Bildideen zu gigantischen fotografischen Kunstwerken, das immense handwerkliche und digital-technische Können begeistern bei jedem Bild. Detailtreue, fast unvorstellbare Detailvollständigkeit, die unzählige Einzelaufnahmen erforderten (wie z.B. „Amazon“, 2016), belegen die Meisterschaft dieses Bildkünstlers. Dabei erreicht Andreas Gursky mit seinen Werken Aussagen, die unsere Welt, unsere Zeit mit ihren gesellschaftlichen Problemen benennen, wie kaum ein anderes zeitgenössisches Kunstwerk. Eher zurückhaltend präsentiert der sympathische Künstler ein Gesamtwerk, das heute Aufsehen in Museen und auf Auktionspodien erzielt, aber auch seinen Platz in der Zukunft haben wird.

KÜNSTLERBUCH
-2020. Andreas Gursky
Eine Reise durch Andreas Gurskys Bilderkosmos.
57 Bildtafeln auf 188 Seiten
An der Museumskasse für 89 EUR erhältlich.

MUSEUM DER BILDENDEN KÜNSTE LEIPZIG
Katharinenstraße 10
04109 Leipzig
T +49 341 21 69 90
F +49 341 21 69 99 99

momentan geschlossen
Informationen zum Besuch des Museums ab 21.05.2021 zu welchen Bedingungen und Voraussetzungen sind über die Web-Seite des Museums https://mdbk.de/ zu erfahren

Öffnungszeiten, wenn wieder möglich
Mo geschlossen
Di,Do – So 10 – 18 Uhr
Mi 12 – 20 Uhr
Feiertage 10 – 18 Uhr

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